Schlichten statt richten

Gisela Bernuth leitet die Schiedsstelle in Blankenhain. Die Diplom-Betriebswirtin (FH) ist auch sonst ehrenamtlich stark engagiert. So arbeitet sie im städtischen Seniorenbeirat mit und leitet eine Selbsthilfegruppe. Auf 400-Euro-Basis betreut sie den Bewohnertreff der Wohnungsgesellschaft Thüringen mbh TAG in der Sophienstraße in Blankenhain.
Für eine „dumme Kuh“ oder ein „blödes Schwein“ muss niemand ein Gericht bemühen. Auch der Rückschnitt des vor vielen Jahren von Stefan Raab besungenen Knallerbsenstrauches, sofern er den Nachbarschaftsfrieden stört, benötigt kein Richterurteil. Gisela Bernuth kümmert sich um solcherlei Angelegenheiten. Sie ist ehrenamtliche Schiedsfrau in Blankenhain, seit knapp 15 Jahren. Damit übernimmt sie eine Pflichtaufgabe der Kommune, denn diese ist verpflichtet, die kostengünstige und weniger zeitintensive Möglichkeit zur Streitschlichtung vorzuhalten.

Schon lange Zeit davor war die Schiedsfrau Schöffin bei Gericht. Als ehrenamtliche Richterin stand am Ende des Verfahrens immer ein Urteil. Doch sie wollte vielmehr vermitteln zwischen zwei Parteien. „Schlichten statt richten“ – so lautet auch der Leitspruch des Schiedswesens. „Ich bin bestrebt beide Parteien auf einen Nenner zu bringen“, erklärt Gisela Bernuth ihre Arbeit. Das gelinge meistens, aber nicht immer. „Es gibt Leute, die sich einfach streiten und Recht bekommen wollen“, so ihre Erfahrung. Wer sich aber auf einen Schiedsspruch einlasse, habe damit auch die Chance, sich dem Streitpartner wieder menschlich zu nähern.

Bei einem Vergleich im Schiedsverfahren gibt es nämlich keinen Gewinner oder Verlierer. Jeder muss von seiner Ausgangsposition etwas abweichen. So erklärt sich auch ihr schönstes Erlebnis als Schiedsfrau: „Nach meinem Schiedsspruch haben sich zwei Nachbarn nach 20 Jahren wieder die Hand gereicht und sind gemeinsam nach Hause gefahren.“

Mit Nachbarschaftsstreitigkeiten und Beleidigungen beschäftigt sich die Mehrzahl der Verfahren. „Ich verhandle aber auch, wenn das Briefgeheimnis verletzt wurde oder bei Sachbeschädigung.“ In der mündlichen Verhandlung wird den Parteien viel Zeit eingeräumt, um sich auszusprechen. Gerade für eine gezielte Gesprächsführung werden die Schiedsleute intensiv geschult.
Reich wird Gisela Bernuth nicht durch ihr Amt. Die Verfahrenskosten sind überschaubar. Wer ein Schiedsbegehren einreicht, muss mindestens 30 Euro Vorschuss zahlen. Später erst wird genau abgerechnet. So beläuft sich eine Vergleichsgebühr in der Regel auf 20 Euro. Für Schreibauslagen sind 50 Cent pro Seite zu entrichten.

Doch Gisela Bernuth zieht einen anderen Gewinn aus ihrer Tätigkeit. Sie findet Selbstbestätigung. Gerade nach der Wende habe ihr das sehr geholfen. Als Bezieherin von Arbeitslosengeld wollte sie der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. „Ich bin gern mit Menschen zusammen, möchte immer wieder dazulernen,“ betont Gisela Bernuth. Und ihr Wirken als Schiedsfrau kommt dem entgegen.

Hintergrund
• In Thüringen ist es nicht zwingend erforderlich, vor Klageeinreichung eine Schiedsstelle zu bemühen.
• Der Schiedsspruch hat Bestand und kann 30 Jahre lang eingeklagt werden.
• Mit der Anrufung einer
Schiedsstelle gehen die Betroffenen kein Risiko ein. Nach einem gescheiterten Schlichtungsversuch kann immer noch Klage bei Gericht eingereicht werden.
• Der Streitwert ist nicht begrenzt. Es können auch Fälle von Hausfriedensbruch, Körperverletzung und Bedrohung verhandelt werden.
• Die Schiedspersonen werden vom Gemeinderat für die Dauer von fünf Jahren gewählt. Sie sind zwischen 30 und 70 Jahre alt und müssen in der Gemeinde wohnen.
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