Spaten statt Badetasche: Kerstin Günther geht als Bodendenkmalpflegerin auf Zeitreise

Mit einem E-Bike fährt Kerstin Günther einmal wöchentlich von ihrem Arbeitsplatz in Jena-Göschwitz ins Stadtzentrum. Hier nimmt sie an einem Seminar teil, in dem die Grabungsfunde vom Gleisberg ausgewertet werden.

Kerstin Günther zieht es im Urlaub nicht nach Italien, Spanien oder Frankreich. „Ich reise lieber in der Zeit“, erklärt die 50-Jährige, die in einem Forschungsinstitut in Jena arbeitet und in Ottstedt nahe Magdala zu Hause ist.

Dieses Jahr geht es in die römische Kaiserzeit. Vielleicht schafft sie es gar bis ins Neolithikum (Jungsteinzeit). Eine lange Strecke muss sie dafür nicht zurücklegen. Zwischen Maua und Rothenstein finden in diesem Sommer auf der geplanten Umgehungsstraße archäologische Grabungen statt. Die Mikrobiologin darf daran teilnehmen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie Spaten, Schaufel, Spitzhacke und Pinsel der Badetasche vorzieht. „Stundenlang am Strand liegen: Das kann ich sowieso nicht“, erzählt Kerstin Günther. Stattdessen geht sie lieber auf die Suche nach Zeugnissen unserer Vorfahren.

Viele Funde zum Dorfjubiläum


Schon früh hat sie sich für Fossilien und Steine interessiert. Im Urlaub auf Rügen ist sie stets fündig geworden. So richtig verfestigt hat sich diese Leidenschaft aber erst, als sich ihr Heimatort auf ein Dorfjubiläum vorbereitet hat. 2010 wurde in Ottstedt 725 Jahre Ersterwähnung gefeiert und dazu eine Ausstellung vorbereitet.

In jener Zeit war sie oft unterwegs auf den Feldern rund um Ottstedt. Viele Scherben hat sie gefunden. Sie beweisen, dass schon weit vor den zu feiernden 725 Jahren an jenem Ort Menschen lebten. „Wir befinden uns hier schließlich in einer der wüstungsreichsten Gegenden Deutschlands“, weiß Günther zu berichten. Viele ihrer Funde konnten später in der Ausstellung zur Dorfgeschichte besichtigt werden.

Doch dort sollten sie nicht bleiben. Sie brachte sie nach Weimar zum Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. „Dort lernte ich, wie man solche Funde und Fundorte beschreiben muss“, erinnert sich Kerstin Günther.

Mit offiziellem Ausweis unterwegs


Der Besuch in Weimar brachte aber nicht nur Erkenntnisgewinn, sondern war zugleich der Start in ein neues Hobby. „Man fragte mich, ob ich nicht ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerin werden wollte.“ Lange musste sie nicht überlegen. Anfang 2012 hat sie mit offiziellem Ausweis ihr Amt angetreten.

Als geschichtsinteressierte Wissenschaftlerin wollte sie nicht nur weiter über Felder streifen und Funde lokalisieren. Sie wollte Ur- und Frühgeschichte in Praxis und Theorie begreifen. Viel hat sie zum Thema gelesen. „Doch praktische Erfahrungen sammelt man so nicht“, meint Günther. Bei archäologischen Grabungen dabei zu sein, das war ihr nächstes Ziel. Vor zwei Jahren hatte sie ihren ersten Einsatz im sächsischen Tagebau Peres. Letztes Jahr durfte sie mit dabei sein, als Archäologie-Studenten auf dem Gleisberg bei Bürgel nach Spuren früher Siedler suchten.

Eine gute Schule sei das gewesen, auch wenn sommerliche Hitze jenseits der 40 Grad ihr und den anderen ziemlich zusetze. Beschwerlich war es zudem, jeden Tag mit der eigenen Ausrüstung den Berg zu besteigen. Doch die Arbeit hat sich gelohnt. Sie war dabei, als man ein Steinbeil und eine Rollkopfnadel zum Befestigen von Kleidung aus der Bronzezeit fand.

Gern wollte sie mit dabei sein, wenn man die Funde vom Gleisberg auswertet werden. Deshalb führt sie ihr Weg seit dem letzten Herbst einmal die Woche nach Dienstschluss nicht nach Hause, sondern ins Jenaer Stadtzentrum zum Löbdergraben. Hier ist der Bereich für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Schiller-Uni untergebracht ist. Hier findet auch das Seminar statt, in dem die Studierenden die Funde analysieren. Kerstin Günther freut sich, mitmachen zu dürfen.

Nun wartet die nächste Aufgabe auf sie. In Kürze geht es im südlichen Saaletal auf Zeitreise. Ohne Badetasche, dafür mit allerhand Werkzeug und Abenteuerlust.

Zur Sache

Wie viele ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger sind in Thüringen aktiv?
In Thüringen gibt es derzeit rund 350 aktive Bodendenkmalpfleger, die ehrenamtlich arbeiten.

Wie kann man ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger werden?
Wer sich für diese ehrenamtliche Tätigkeit in der archäologischen Denkmalpflege interessiert, kann sich an das Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Fachbereich Archäologische Denkmalpflege, wenden. Danach wird der Kontakt zum jeweils zuständigen Gebietsreferenten hergestellt. Dieser setzt sich dann mit dem jeweiligen Interessenten in Verbindung.

Welche Aufgaben hat ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger?
Wenn eine „Bestellung zum ehrenamtlichen Denkmalpfleger“ erfolgt, beinhaltet diese eine Nachforschungsgenehmigung nach archäologischen Denkmalen „ohne technische Hilfsmittel“. Dies bedeutet, dass z. B. Metallsonden nicht eingesetzt werden dürfen. Für derartige Geräte muss in Thüringen eine gesonderte Genehmigung beantragt werden, die auch völlig andere Auflagen enthält, wenn sie erteilt wird.
Der/die Ehrenamtlichen verpflichten sich zur Teilnahme an regelmäßigen Weiterbildungen, die die Landesbehörde anbietet. Ebenso verpflichten sie sich zur Meldung und Abgabe von Bodenfunden, die laut Thüringer Denkmalschutzgesetz dem „Schatzregal“ unterliegen (d. h. sie sind automatisch Eigentum des Freistaates). Das Ehrenamt berechtigt dazu, Kulturdenkmale im jeweiligen Arbeitsgebiet auf deren Zustand zu kontrollieren, ohne technische Hilfsmittel bisher unbekannte Kulturdenkmale zu bergen und vorübergehend in Besitz zu nehmen, um diese dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie zuzuführen.
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