Sylvester Groth über die Neuverfilmung von "Nackt unter Wölfen"

Lagerältester Krämer (Sylvester Groth) gibt auf dem Appellplatz Meldung. (Foto: MDR/UFA FICTION)
 
Sylvester Groth während der Vorpremiere in Weimar.

In Quentin Tarantinos Kinoerfolg „Inglourious Basterds“ spielte Sylvester Groth Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. In seinem neuen Film steht er auf der Gegenseite. In der Neuverfilmung des Romans „Nackt unter Wölfen“ ist Groth als Lagerältester Krämer zu sehen. Zur Vorpremiere in Weimar sprach der Allgemeine Anzeiger mit ihm über den weltbekannten Roman, seine Rolle als Lagerältester und seine Hoffnungen für diese Fernsehproduktion.


Im Roman ist Walter Krämer eine moralische Instanz. Wie war es für Sie, gerade diese Rolle angeboten zu bekommen?
Ich war verwundet. Ich konnte mich daran erinnern, dass in der Defa-Verfilmung Erwin_Geschonneck diese Rolle gespielt hat. Als ich das Drehbuch von Stefan Kolditz gelesen hatte, stand für mich fest: Ja, das kann ich spielen. Das ist etwas anderes, weil es eine Neuverfilmung des Buches werden soll, keine Remake des Films von Regisseur Frank Beyer.

Wer ist dieser Walter Krämer?
Krämer wird über seine Funktion im Lager definiert. Als Lagerältester sorgt er für Ordnung, arbeitet für die SS - scheinbar zumindest.

Bruno Apitz hat die Figur nach einer realen Person benannt. Er kannte Walter Krämer aus seiner eigenen Haftzeit in Buchenwald und wollte ihm damit ein Denkmal setzen. Haben Sie sich mit dem Leben Walter Krämers beschäftigt?
Von einer solchen Auseinandersetzung halte ich nicht viel, weil Krämer im Film eine Kunstfigur ist und viele Facetten vereinigt. Aber natürlich weiß ich, wer Krämer war, auch dass man ihm in seiner Heimatstadt Gießen eine Gedenkplakette verweigert hat.

Haben Sie vor Drehbeginn den Roman noch einmal gelesen oder sich den Defa-Film angeschaut?
Nein. Ich wollte mich voll auf das Drehbuch von Stefan Kolditz einlassen und darauf, wie er die Menschen beschreibt, welche Situationen er für sie schafft, um zu zeigen, wie das Leben im Lager mit seinen Hierarchien und Strukturen funktioniert.

Sie haben den fertigen Film schon gesehen. Wie war Ihr Eindruck?
Sehr gut, einfach toll gemacht. Man hat erst einmal gar nicht das Bedürfnis, über ihn zu reden. Eine Auseinandersetzung findet erst später statt, weil das Gesehene in einem weiterarbeitet. So ging es mir zumindest. Ich finde, das ist das Beste, was ein Film machen kann. Nicht zack, fertig, Schluss und alle sind betroffen. Nein: Ich glaube, der Film berührt sehr, aber im Kopf arbeitet etwas anderes. Das macht die Qualität dieser Neuverfilmung aus. Sie zeigt Menschen, wie sie sich verhalten oder nicht verhalten. Wie sie lügen, sich verraten oder beschützen. Wie sie versuchen, ihren Job zu machen und Normalität herzustellen.

Die Neuverfilmung erzählt den Stoff auf ganz eigene Weise, rückt Hans Pippig in den Mittelpunkt. Können Zuschauer, die den Roman nicht kennen, dessen Handlung nachvollziehen?
Pippig wird zur Hauptfigur. Es ist die Freiheit des Drehbuchautors, gerade diese Figur zu nehmen und zu sagen: Das ist der Held der Geschichte, weil er sich um das Kind kümmert und alles dran gibt, es zu retten. Pippig wächst an dieser Aufgabe, während andere scheitern. Ich finde diese Herangehensweise interessant.

Einige Szenen wurden auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald gedreht. Wie war das für Sie?
Ich habe nicht in Buchenwald gedreht. Ein Großteil des Films entstand in Tschechien. Dort wurde das Lager nachgebaut. Ich bin froh, dass ich nicht in Buchenwald drehen musste. Eine Gedenkstätte ist für mich ein heiliger, unberührbarer Ort.

Waren Sie schon einmal in Buchenwald?
Ja, privat als Jugendlicher, die übliche Jugendweihefahrt. Aber in meinem Leben haben mich weniger Orte als mehr die Menschen beeindruckt, die in solchen Lagern waren, egal ob diese Buchenwald, Auschwitz oder anders hießen.

An was erinnern Sie sich besonders eindrucksvoll, wenn Sie an die Dreharbeiten zurückdenken?
Mich haben besonders die tschechischen Statisten beeindruckt. Die waren sensationell. Sie mussten immer wieder Aufstellung nehmen wie die Lagerinsassen. Dieser Anblick war beängstigend. Die haben wirklich stundenlang stehen müssen. Das Wetter wechselte während der Dreharbeiten ständig. Sonne, Schnee, Sturm. Es gab lange Wartezeiten, bis wir weiterdrehen konnten. Aber die Statisten haben das eisern durchgezogen, sehr diszipliniert. Und sie hatten eindrucksvolle Gesichter. Das findet man heute eigentlich gar nicht mehr. Also, toll ausgesucht. Sie bringen Hintergrund in den Film. Da gibt es ein paar Schwenks über die Gesichter und die Zuschauer sind beeindruckt.

Wie haben Sie Ihre Rolle angelegt?
Es war anstrengend, weil der Stoff minimalistisch erzählt wird. Da kann man nicht so ein großes Fass aufmachen. Man schaut nur, sagt ja oder nein. Man sitzt als Lagerältester am Schreibtisch und macht einen Strich auf einer Liste. Damit ist auch Menschenleben ausgestrichen. Aber diese Gedanken darf man gar nicht zulassen beim Drehen, sonst kann man das nicht spielen

Kann man am Ende eines Drehtages mit einer solchen Rolle abschließen?
Eigentlich schon. Aber man nimmt die Geschichte natürlich trotzdem mit, weil es eine besondere Arbeit, die man als Schauspieler mitverantwortet. Das bewegt einen schon, vor allem handwerklich. Man fragt sich: Was hätte ich besser machen können? Wie erzähle ich eine Situation, damit es nicht so dick aufträgt und unglaubwürdig wird? Wie kann es gelingen, Zuschauer zu interessieren. Denn das ist ja das Wichtigste. Das kann man nur, wenn man nicht den Holzhammer auspackt, sondern versucht, einen Menschen zu spielen. Man muss sich wahrhaftig in den Dienst der Figur stellen.

Sind Sie ein Mensch mit historischem Interesse?
Ja, die Zeit des Nationalsozialismus interessiert mich schon sehr. Das ist uns vorausgegangen und prägt uns noch immer, auch wenn wir glauben, uns davon freimachen zu können. Diese Idee hat mich auch vom Drehbuch überzeugt. Die Menschen, die im Lager waren, haben später das Neue aufgebaut. Mit all ihren
Beschädigungen und unverschuldeten Defiziten. Die hatten keine Zeit nachzufragen, was hat diese Erfahrung mit uns gemacht. Das ist nicht gut für einen Menschen und nicht gut für eine neue Gesellschaft. Die kannten nur diese Extremsituationen und sie kannten nur die alten Strukturen aus dem Lager. Darauf haben sie zurückgegriffen. Aber die alten Strukturen haben so nicht funktioniert.

Was wünschen Sie sich für diesen Film?
Ich hoffe, dass sich viele junge Leute diese Neuverfilmung anschauen und sich berühren lassen von dieser Geschichte. Sie erzählt auf schlichte Weise, was mit Menschen in einer Ausnahmesituation passieren kann. Ich glaube, da kann sich jeder wiedererkennen. Das ist schon etwas Besonderes.

Zur Person

Sylvester Groth wurde 1958 in Jerichow geboren. Er studierte Schauspiel und Gesang an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Schon in jungen Jahren machte er sich als Theaterschauspieler einen Namen. Bekannt wurde er einem größeren Publikum vor allem durch die Hauptrolle im Film „Der Aufenthalt“ nach einem Roman von Hermann Kant.

Weitere Filme mit Sylvester Groth: „Der Schimmelreiter“, „Stalingrad“ und „Mein Führer“, in dem er wie bei „Inglourious Basterds“ Joseph Goebbels verkörperte. Seit 2013 spielt er neben Claudia Michelsen einen Kriminalkommissar in den „Polizeiruf“-Folgen aus Magdeburg.

Der Schauspieler lebt heute in Berlin.


SENDETERMIN

Mittwoch, 1. April 2015, 20.15 Uhr im Ersten
Anschließend ist die Dokumentation „Buchenwald – Heldenmythos und Lagerwirklichkeit“ zu sehen.
WIEDERHOLUNGEN
Das Erste, 1./2. April 2015, 00.50 Uhr
EinsFestival, 4. April 2015, 20.15 Uhr
MDR, 9. April 2015, 20.15 Uhr
MDR, 9./10. April 2015, 01.50 Uhr
MDR, 12./13. April 2015, 00.35 Uhr
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3 Kommentare
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Steffen Mueller aus Saalfeld | 02.04.2015 | 01:09  
Simone Schulter aus Weimar | 07.04.2015 | 15:38  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 08.04.2015 | 22:05  
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