Vermisst! Wie erging es Michael, einen ukrainischen "Ostarbeiter" aus Obergrunstedt?

Helmut Schwartze aus Obergrunstedt vermisst den ukrainischen „Ostarbeiter“ Michael. Immer ­wieder hat er Daten über den Gehilfen auf dem Bauernhof aufgeschrieben.
 
Helmut Schwatzte, Obergrunstedt
Nohra: Michael Dnistrian |

Ukrainischer „Ostarbeiter“ arbeitet bis 1948 auf einem Hof in Obergrunstedt. Helmut Schwartze bewegen die Geschehnisse seit Jahrzehnten





Helmut Schwartze ärgert Unwissenheit um Geschehnisse, Dummheit, Gleichgültigkeit, Neid und Hass. "Wie sollen die Jungen begreifen, was damals geschah, wenn wir Älteren es nicht erzählen?", fragt der 82-Jährige. Er steht in der Obergrundstedter Ortsstraße. Seine blaue Arbeitshose könnte darauf hinweisen, dass er gerade aus der Stellmacherwerkstatt kommt. Sein graues lichtes Haar steht leicht schräg im Wind. Er lächelt ein bisschen verschmitzt.


Erste Begegnung

Helmut Schwartze kommt nicht von der Werkbank, denn er ist mit seinen Gedanken wieder bei Michael. "Wenn ich nur wüsste, was aus ihm geworden ist?" Das fragt sich Helmut Schwartze bereits 68 Jahre lang. Noch gut erinnert sich der Obergrunstedter an die erste Begegnung: "Michael stand wie ein Schuljunge vor mir, bekleidet mit einem Hemd aus Flachs, von seiner Mutter genäht."


Total verlaust

Es ist 1941 / 42. Michael Dnistrian ist ein 15-jähriger Ukrainer, der aus einem deutschen Internierungslager als landwirtschaftlicher Gehilfe auf den Bauernhof nahe Weimar kommt. Er ist total verlaust. "Meine Mutter hat ihn in einer Wanne im Hof abgeschrubbt. Dann wurde die Bekleidung eingeweicht, und die Läuse schwammen wie Linsen an der Wasseroberfläche", erinnert sich Helmut Schwartze, damals acht Jahre alt. "Dann wurde er neu eingekleidet."

Aus Galizien stammend

Der junge "Ostarbeiter" wurde am 24. Februar 1926 in Loma, Kreis Sambor (Sambir), Distrikt Galizien, geboren. Michael hilft auf dem Feld, im Stall, führt das Kuhgespann, macht Heu. Die knapp acht Hektar Land müssen zur Versorgung der Familie in Schuss gehalten werden. Vater Willy ist ja noch im Krieg. Der lernt Michael erst am 15. Mai 1945 kennen, als er von Köln mit Fahrrad kommend in Obergrunstedt eintrifft.

Flinker Ukrainer

"Michael wohnte in der Bodenkammer, hat mit uns zusammen gearbeitet und gegessen. Er war voll in die Familie integriert, hat sogar Weihnachten mit uns gefeiert", sagt Schwartze. Seine Augen leuchten dabei, der ist tief berührt. "Michael konnte gut mit den alten Damen. Wenn sie sagten: ‚Hol Zwetschgen, wir wollen backen‘, zog er sofort los. Den vollen Korb stellte er mit einem Lächeln hin", erzählt Schwartze. Und gewitzt schien der Ukrainer auch gewesen zu sein: "Er zeigte meiner Großmutter, wie tief er geackert hat, indem er sich in die Furche legte und darin verschwand. Damit erhoffte er sich ein Lob", sagt Helmut Schwartze grinsend.


Suche vergebens

Der Senior spricht heute so davon, als ob der junge Ukrainer gestern erst den Hof verlassen hätte. Der Stellmacher in dritter Generation steht auf und holt einen Briefumschlag mit Schreiben aus dem Jahr 2003 und zig handgeschriebenen Zetteln. Immer wieder hat er Namen und Adresse, Angaben zur Familie von Mischa über Jahre aufgeschrieben. Ein Zettel kommt schnell mal weg, viele sind sicherer. Doch Rotes Kreuz und Internationaler Suchdienst können Helmut Schwartze nicht weiterhelfen. Er ist ja kein Angehöriger. Die späten Bitten an Institutionen laufen wohl weiter ins Leere. "Zu DDR-Zeiten hat man mir geraten, es ruhen zu lassen", sagt Schwartze. Die Zeit der Hinnahme, Verschwiegenheit und auch Selbstzensur hinterlässt heute noch Narben. Doch das Verdrängen ließ Helmut Schwartze nicht vergessen.

Gute Tarnung

Und so ist der 82-Jährige wieder schnell beim jungen Michael - der heute 90 Jahre alt wäre. "Während des Krieges hat sich Michael rege mit seinen Eltern geschrieben. Ab Kriegsende war dann Funkstille", resümiert Schwartze. Doch der Ukrainer wollte solange bleiben, bis er etwas über seine Eltern und Geschwister erfahren hat. Das wurde zunehmend gefährlicher, denn mit dem Einzug der Sowjetarmee werden 1946 zwei Offiziere der Siegerstreitmacht im Wohnhaus einquartiert. Der Hauptmann und der Leutnant nehmen an, dass Mischa - er spricht ja perfekt Deutsch - der große Sohn der Familie ist. Ansonsten sehen die Russen "Ostarbeiter" eher als Denunzianten an.

Gut versteckt

Hausdurchsuchungen der Befreier waren normal. Michael flüchtet auf den Heuboden. "Nach der Entwarnung stellt er verärgert fest, dass seine fast neuen Wehrmachtsstiefel und das darin angesparte Taschengeld von rund 900 Reichsmarkt aus dem Dachkasten-Versteck verschwunden waren", berichtet Schwartze. Und eines Tages musste es auffliegen - ob Zufall oder Verrat - Mischa wurde 1948 von der GBU auf die Kommandantur nach Weimar gebracht. "Er kam zurück, musste packen und wurde abgeholt", erinnert sich Helmut Schwartze. Der letzte ausländische landwirtschaftliche Gehilfe verließ Obergrunstedt mit den Worten: "Ich komme heim." Zweifel darüber bleiben bis heute.

Gedanken bleiben

"Wie erging es meinem Michael?", seufzt Schwartze melancholisch. Diese Stimmung überbrückt er: "Und da war die Offiziersbraut vom Kapitan, die im Nachthemd mit Pistole aus dem Fenster sprang, um Diebe aus dem Garten zu vertreiben." Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte. Und bald schon werden Helmut Schwartze die Gedanken an Michael wieder einholen.

ZUR SACHE

Objedinjonnoje gossudarstwennoje polititscheskoje = Vereinigte staatliche politische Verwaltung, OGPU, kurz GPU, war seit 1922 die Geheimpolizei der Sowjetunion.
Galizien ist eine Landschaft in der Westukraine (Ostgalizien) und in Südpolen
(Westgalizien).
Infos „Ostarbeiter“: www.bundesarchiv.de

Internationaler Suchdienst auf Facebook

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige