„Wir zitterten vor Angst“ - Totbringende Tiefflieger über Obergrunstedt bei Weimar

Drei Northrop P-61 Black Widow (Schwarze Witwe) im Einsatz. (Foto: United States Army Air Forces / commons.wikimedia.org)
 
Gedenkstätte 1951. Nach der Exhumierung der Briten wurde die Anlage neu hergerichtet. (Foto: Kopie Harry Sochor)
 
Lockheed P-38 im Formationflug. (Foto: US Goverment, Gemeinfrei, commons.wikimedia.org)
Nohra: Kriegsgefangenengrab |


Vor über sieben Jahrzehnten wurden bei Obergrunstedt 117 Kriegsgefangene aus vier Nationen von Fliegern der US Air Force getötet und im Ort beigesetzt. Die Ereignisse jähren sich in wenigen Tagen zum 71. Mal – Harry Sochor aus Troistedt setzt sich für die Sanierung der Gedenkstätte ein.

Ohrenbetäubender Lärm verstörte die Bewohner von Obergrunstedt vor 71 Jahren während der Mittagszeit. Tiefflieger umkreisten die Ortschaft und feuerten ihre totbringende Bordmunition entlang der damaligen Reichsautobahn (heute BAB 4) ab. Die Dorfbewohner suchten Schutz. Was sich ihnen nach dem Beschuss bot war grausam – vorallem für die Seelen.

Nach Jahrzehnten noch Details zum Ereignis zu recherchieren, ist schwierig. Zeitzeugen sind rar, Erinnerungen verblassen und werden auch im Kopf überschrieben – von Besserem. Doch das Wenige sollte erhalten bleiben und mahnen.


Der Angriff

Am 27. Februar 1945 warfen Flieger der US Air Force Bomben über Weimar ab. Ebenso wurde der Flugplatz in Nohra beschossen. Und die Fliegerstaffel entdeckte dabei wohl auch einen Marschkonvoi (Marschsäule) auf der Autobahn und griff diesen im Tiefflug an. Was die Besatzungen nicht erkannten: es handelte sich um Kriegsgefangene, Verbündete im Kampf gegen Nazi-Deutschland, die unter Bewachung in Richtung Erfurt marschierten.


Die Augenzeugen

Helmut Schwartze aus Obergrunstedt war damals 13 Jahre und erlebte den Angriff mit. „Wir hockten zu dritt in einem selbstgebauten kleinen Erdbunker und zitterten vor Angst.“ Von dort aus beobachteten die Jungs das Geschehen. „Es herrschten hohe Temperaturen und es war glasklare Sicht.“ Später sahen sie die vielen Opfer. „Die Leichen lagen überall verstreut.“

Augenzeugen sprechen von doppelrumpfigen Flugzeugen. Dabei könnte es sich um die Jagdflugzeuge Northrop P-61 Black Widow (Schwarze Witwe) oder die Lockheed P-38 Lightning (Blitz)- die den Spitznamen „Gabelschwanzteufel“ hatte - handeln. Ein anderer Zeitzeuge will eine rote Kanzel erkannt haben.

Der Obergrunstedter Rudolf Eylenstein war 1945 acht Jahre. Er erinnert sich noch an einen Gefangenen, der im Keller des Elternhauses am Arm verbunden wurde. „Nach dem Angriff sind wir raus in Richtung Autobahn. Da habe ich auch Schwerverletzte gesehen.“ Später haben Bauern und Landarbeiter „die Toten mit Pferdefuhrwerken zum Gänseplatz transportiert und dort abgelegt“. Die getöteten 67 russischen, 32 französischen, 13 britischen und 5 belgischen Kriegsgefangenen wurden im Tal des Gänseplatzes, unterhalb des Friedhofes, beigesetzt.

Die Bestatter

Helmut Schwartze meint die Bestatter waren Kriegsgefangene aus demselben Konvoi. Das bestätigt auch eine Aussage eines Wachsoldaten, der die Marschsäule begleitete. Das zurückgelassene Beerdigungskommando hatte wohl drei Wochen zu tun, war im Gemeindesaal untergebracht, wurde von den Dorffrauen Ida Kotze und Rosa Ersfeld verköstigt. Es gab Suppe, die vorwiegend aus Kohlrüben gekocht wurde. Zum Abschluss fertigten die internationalen Bestatter Holzkreuze an, die auf einer Baumscheibe Nationalität und Anzahl der Gefallenen auswiesen. Die Arbeiten an den Holzkreuze und Inschriften – sie wurden mit heißem Eisen eingebrannt – sollen in der Stellmacherei Gustav Kotze ausgeführt worden sein.

Die Alliierten

Nachdem die Amerikaner im April 1945 in Thüringen einmarschierten und auf das Massengrab aufmerksam wurden, ließen sie es öffnen. „Freiwillig wollte es von Deutschen keiner machen“, sagte Rudolf Eylenstein. So bestimmten die Amerikaner zufällig angetroffene Männer zum Arbeitsdienst. Eylenstein fuhr im amerikanischen Jeep mit und zeigte den G.I.s den Ort der Grabstätte.

1951 wurden auf Bitten der British Army die gefallenen englischen Soldaten exhumiert. Durch ein Versehen wurden die Überreste von 16 Gefallenen nach Berlin überführt. Es ist davon auszugehen, dass das Erfurter Bestattungsinstitut drei Belgier mit ausgegraben hat. Somit wäre auch die heutige Inschrift erklärbar.

Zum 20. Jahrestag des Ereignisses erfuhr die Gedenkstätte eine Renaissance. Viel Erde wurde am Hang angefüllt. Es entstand eine Stele mit der Inschrift:


HIER RUHEN 67 SOWJETISCHE SOLDATEN, 32 FRANZÖSISCHE SOLDATEN, 2 BELGISCHE SOLDATEN. SIE GABEN IHR LEBEN IM KAMPF FÜR DIE BEFREIUNG VOM FASCHISMUS.
DEN TOTEN ZUR EHRE, DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG.


Damals wurde noch pompös der Toten gedacht. Partei und Staat legten Kränze nieder, Schüler standen Spalier und Sowjetsoldaten schossen Salut. Die Gedenkstätte war an Ehrentagen in den darauffolgenden Jahren gut besucht. Mit der Wende verblasste das Antlitz. Es gab aber Sicherungsmaßnahmen. „Die marode Treppe wurde rückgebaut und die Stele von hinten verputzt, da sie drohte zu zerbröseln“, erinnert sich der Nohraer Bürgermeister Andreas Schiller. Jetzt soll eine grundhafte Sanierung erfolgen.

Zur Sache

- Harry Sochor aus Troistedt erfuhr vor zwei Jahren von den Ereignissen vor sieben Jahrzehnten und der Stele. Vom Zustand der Gedenkstätte war er entsetzt. Er recherchierte, befragte Zeitzeugen, trug Schriftstücke zusammen.

- Der Hobby-Heimatforscher säuberte die Gedenktafel, legte den Weg frei und regte bei Behörden die Sanierung an, um den hier verbliebenen 101 gefallenen Kriegsgefangenen ein würdiges Grab zu geben.

- Der Landesgeschäftsführer Henrik Hug vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sagt: „Es ist jetzt im Werden.“ Er geht davon aus, dass die Arbeiten in diesem Jahr erfolgen. Die 1945 angelegten Gräber sollen wieder sichtbar gemacht werden. Am 28. Mai soll ein Jugendworkcamp in Obergrunstedt stattfinden. „Dazu werden auch Interessierte und Zeitzeugen zu Gesprächsrunden eingeladen“, sagt Hug.


Hintergrund

- Mit vorrückender Front wurden Anfang 1945 Kriegsgefangene aus dem Osten Richtung Deutschland verlegt. Sie wurde in verschiedene Marschsäulen aufgeteilt und zogen zu Fuß westwärts. Unterwegs konnten durchaus andere Marschsäulen in den Hauptkonvoi integriert werden. So kann es sein, dass Kriegsgefangenen, die bei Obergrunstedt angegriffenen wurden, bereits einen Marsch aus Schlesien hinter sich hatten.

- In Thüringen sind 564 Kriegsgräberstätten mit 20 871 Einzelgräbern und 1363 Sammelgräbern erfasst. In den Gräbern liegen 105975 Opfer. Die Grabanlage in Obergrunstedt war bisher nicht in der Landeskriegsgräberliste erfasst.


Links

www.volksbund.de/thueringen
www.denkmalliste.org
www.weimarer.land.de
Kriegsgräber in Thüringen

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2 Kommentare
431
Uwe Nieke aus Gotha | 24.02.2016 | 20:06  
Thomas Gräser aus Erfurt | 25.02.2016 | 17:08  
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