Der Wolf mag es beim Jagen bequem

Zwei Wölfe Foto: NABU/S. Zibolsky (Foto: NABU/S. Zibolsky)
 
Wolf in der Lüneburger Heide auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord. (Foto: Jürgen Borris)
 
Die erste Thüringer Wölfin lebt auf dem Standortübungsplatz Gotha-Ordruf, fotografiert am 11. Mai 2014. (Foto: S. Böttner/NABU Thüringen)

Er kann furchtbar anrührend heulen, soll sechs Geißlein auf einmal fressen können, jungen Mädchen und alten Frauen nach dem Leben trachten. Seit Jahrhunderten gilt der Wolf als Sinnbild für alles Böse. Doch wie gefährlich ist er wirklich? Silvester Tamás, Sprecher der beim NABU angesiedelten Landesarbeitsgruppe Wolf, weiß die Antwort.


Wie viele Wölfe gibt es in Thüringen?
Wir haben den Nachweis für eine Wölfin. Sie lebt auf dem Standortübungsplatz "Gotha-Ohrdruf". Ein Foto vom 11. März 2014 erbrachte den ersten sicheren Nachweis. Seit dem konnten weitere Spuren und Beweise ihrer Anwesenheit am Standortübungsplatz dokumentiert werden.

Weiß man mehr über dieses Tier?
Sie ist aus der Lausitz zu uns gekommen und gehörte dort zum Spremberger Rudel. Sie hat sich jetzt hier niedergelassen und wartet vermutlich auf einen Partner, mit dem sie sich paaren kann. Man muss also damit rechnen, dass es künftig mehr Wölfe in Thüringen geben wird.

Fühlt sich so ein Tier nicht einsam?
Bei den Wölfen ist es ähnlich wie bei den Menschen. Sie leben in Familienverbänden. Dazu gehören Vater und Mutter sowie die Jährlinge aus dem letzten Jahr und die jüngst geborenen Welpen. Der ältere Nachwuchs verlässt die Familie, um ein eigenes Rudel zu gründen. Dazu benötigen Wölfe ein eigenes Revier. Das kann in direkter Nachbarschaft sein oder auch weiter weg. Unsere Wölfin hat etwa 280 Kilometer Luftlinie zurückgelegt, um von der Lausitz zu uns nach Thüringen zu kommen. Das ist nichts Ungewöhnliches aber für Thüringen bislang einmalig.

Was macht Sie so sicher, dass die Wölfin hier ausharrt und auf einen Partner wartet?
Das ist nur eine Hypothese, aber eine sehr realistische. Wölfe haben scheinbar eine Affinität zu Truppenübungsplätzen. Vielleicht, weil sie an ähnlichen Orten aufgewachsen sind, vielleicht weil diese Plätze ausreichend Rückzugsorte bieten und die vergleichsweise hohen Wilddichten genügend Nahrung bietet. Alle diese Faktoren lassen vermuten, dass es der Wölfin bei Ohrdruf gut geht. In der Lübtheener Heide in Mecklenburg hatte der dort ansässige älteste Wolfsrüde sieben Jahre auf eine Partnerin warten müssen und bekam mit ihr im vergangenen Jahr sogar den ersten Nachwuchs.

Warum sind die Menschen so fasziniert von diesem Tier?
Der Wolf hat für uns Menschen einen besonderen Status. Immerhin war er das erste Tier, das der Mensch domestiziert hat. Zahme Wölfe wurden unsere ersten Haustiere. Der Wolf konnte sich auf nahezu jedem Landstrich in der nördlichen Hemisphäre ausbreiten und war damit genauso erfolgreich wie der Mensch. Wölfe und Menschen sind sich sehr ähnlich. Sie nutzen das gleiche Beutespektrum, haben eine ähnliche Familienstruktur und haben lange Zeit unmittelbar in der selben Umwelt nebeneinander koexistiert.

Inwieweit konkurrieren Mensch und Wolf?
Früher haben sie in den Wäldern die gleiche Beute gejagt. Als der Mensch Haustiere hielt, erbeutete der Wolf als Opportunist auch davon. Für Menschen im Mittelalter war das eine Katastrophe. Von einem Schaf konnte die Existenz einer ganzen Familie abhängen. Der Wolf wurde als Schadtier zum Sinnbild des Bösen.

Wölfe gelten als scheue Tiere. Könnte man ihnen trotzdem begegnen?
In Deutschland hat man sie durchaus schon gesehen in den Randbereichen von Siedlungen. Meist sind es unerfahrene Jungwölfe, die sich aus mangelnder Erfahrung und auf der Suche nach einem geeigneten Lebensraum auch mal verirren und auch ausprobieren. Mit Aggression oder mit einem auffälligen Verhalten hat das erstmal nichts zu tun. Wir müssen nur aufpassen, dass es für die Tiere nicht zur Gewohnheit wird. Deshalb darf man sie auf keinen Fall anfüttern oder an Menschen gewöhnen. Bei Bedarf muss man ihnen die Scheu wieder "antrainieren". Es bleibt aber nicht aus, dass sich Mensch und Wolf begegnen werden.

Wie soll man sich im Fall eines Falles verhalten?
Im Grunde sollte man sich so verhalten, wie bei einem anderen Wildtier auch. Ruhe bewahren, beobachten und sich respektvoll zurückziehen, nicht abrupt umdrehen und wegrennen.

Wie gefährlich kann es werden?
Einem Wildschwein zu begegnen, kann für den Menschen viel unangenehmer werden. Seit 15 Jahren gibt es Wölfe in Deutschland und bislang ist von keinem Wolf bekannt, der sich Menschen gegenüber aggressiv verhalten hätte.

Woran erkennt man, dass ein Wolf aggressiv eingestellt ist?

Es sind ähnliche Kennzeichen wie bei den Hunden. Die Nackenhaare stehen aufrecht. Er zeigt die Zähne. Der Kopf ist gesenkt. Die Ohren eingeknickt. Diese Verhalten zeigt er in Extremsituationen gegenüber Artgenossen. Die Regel ist das aber auch da nicht.

Der NABU behauptet: "Rotkäppchen lügt".

Ja, das Märchen steht exemplarisch für die Angst des Menschen vor dem Wolf. Aber man muss den Vorgang analytisch betrachten. Ein junges Mädchen geht in den Wald und kommt verspätet ohne Wein und Kuchen wieder nach Hause. Was ist im Wald passiert? Da kann man der Fantasie freien Raum lassen. Der Wolf aber wird zum Schuldigen. Dabei lauert er den Menschen nicht auf, um sie zu fressen. Wir gehören nicht in sein Beuteschema. Rotkäppchen hat ihn zum Sündenbock für ihre eigene Trödelei im Wald gemacht.

Was frisst er dann?
Zumeist Rehe, gefolgt von Rotwild und Wildschweinen. Weidetiere jagt der Wolf nur in seltenen Fällen, wenn sie nicht ausreichend durch Elektrozäune und Herdenschutzhunde geschützt werden. Der Wolf ist ein Nahrungsopportunist, kein Raubtier, das gnadenlos Blutzoll verlangt. Er sucht sich, was er am leichtesten erlegen kann. Das sind keine starken, großen Tiere, sondern die alten, schwachen, kranken, kleinen und unaufmerksamen. Damit ist er auch ein "Gesundheitspolizist".

Der Wolf ein Gesundheitspolizist?

Ja, er sorgt vermutlich für mehr Vitalität im Wald und unter dem Schalenwild. Die Rehe, das Rotwild und die Wildschweine haben wieder ihren natürlichen Beutegreifer, der sie einst zu dem machte, was sie heute sind und müssen sich dadurch agiler verhalten. Für das komplexe Ökosystem ist die Wiederkehr des Wolfes sicher ein Gewinn.

Zur Sache

- 1884 wurde der letzte Wolf in Thüringen bei Greiz geschossen. Gut 150 Jahre galt der Wolf in Thüringen als ausgestorben. Der Mensch hatte ihn völlig ausgerottet.
- Vor 15 Jahren ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Der NABU begleitet diesen Prozess transparent für die Bevölkerung und hat deshalb 2005 das Projekt „Willkommen Wolf“ ins Leben gerufen.
- In Deutschland leben derzeit rund 31 Rudel und vier Paare. Die ersten Wölfe kamen um das Jahr 2000 aus Polen und haben in Ostdeutschland neue Reviere gesucht und gefunden.
- Eine Wölfin bringt mit einem Wurf durchschnittlich acht Welpen zur Welt. Die Sterblichkeit ist hoch. Meist überleben nur zwei Tiere das 2. Lebensjahr.
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21 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 13.03.2015 | 23:26  
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Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 15.03.2015 | 20:51  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 15.03.2015 | 23:10  
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Renate Jung aus Erfurt | 16.03.2015 | 00:41  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 16.03.2015 | 18:32  
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Frank Topp aus Ilmenau | 16.03.2015 | 19:33  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 16.03.2015 | 21:45  
7.498
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 16.03.2015 | 21:56  
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Renate Jung aus Erfurt | 16.03.2015 | 23:24  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 17.03.2015 | 11:22  
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Renate Jung aus Erfurt | 17.03.2015 | 14:56  
Emanuel R. Beer aus Gotha | 17.03.2015 | 16:34  
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Frank Topp aus Ilmenau | 17.03.2015 | 19:41  
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Renate Jung aus Erfurt | 18.03.2015 | 08:17  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 18.03.2015 | 10:33  
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Marcus Daßler aus Zeulenroda-Triebes | 18.03.2015 | 12:24  
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Frank Topp aus Ilmenau | 19.03.2015 | 18:41  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 20.03.2015 | 01:04  
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T. S. aus Weimar | 04.07.2015 | 20:39  
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 05.07.2015 | 11:46  
12.769
Renate Jung aus Erfurt | 05.07.2015 | 13:09  
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