Heinrich II. ist kein Macho - Der Lurch kommt durch - Amphibien auf Wanderschaft in Erfurt, Weimar, Jena, Breitenworbis, Ilmenau, Gräfenroda, Arnstadt, Ochsensumpf...

Erdkröte Heinrich II. (Foto: Arne Willenberg)
 
Arne Willenberg, Diplom-Biologe und Vorsitzender vom Naturschutzbund (NABU) Obereichsfeld. (Foto: privat)
 
Fehlpaarung: Erdkröte auf Grasfrosch. (Foto: Arne Willenberg)
Weimar: Amphibienzaun |

Tausende graben sich aus, ziehen los und kämpfen sich durchs Dickicht, um ihren Geburtsort zu erobern – die Amphibien wandern. Ihre Frühjahrsreise führt sie zu den Laichgewässern.



Die Wanderung

Heinrich II. macht sich mit seiner Armada jedes Frühjahr auf den Weg. Eine Grenzanlage scheint sie aufhalten zu wollen. Doch immer mehr - Hunderte, ja Tausende - drängen nach. Ein Zurück undenkbar. Nein, sie kommen nicht in kriegerischer Absicht. Sie wollen nur temporär ihren Geburtsort zurückerobern. Heinrich und sein Gefolge sind Erdkröten. Sie zieht es nicht ins Schlachtfeld, sondern ins Laichgebiet, an jenen Ort, an dem sie aus Kaulquappen zu Kröten wurden. Und die Grenze entpuppt sich als Schutzzaun am Straßenrand, damit Heinrich & Co diesen sicher erreichen können.  

Dabei sind die Erdkröten nicht die einzige Amphibienart, die im Frühjahr zu den Laichgewässern aufbricht. "Zu den Frühwanderern zählen auch die Knoblauchkröte, der Grasfrosch, der Moorfrosch, der vorwiegend in Ostthüringen verbreitet ist, und die Molche", weiß Arne Willenberg, Vorsitzender vom Naturschutzbund (NABU) Obereichsfeld. Doch den überwiegenden Teil der Wandergesellen machen die laichplatztreuen Erdkröten aus. Obwohl auch weitere Arten an den Schutzzäunen vom NABU und anderen Vereinen derzeit zu finden sind.  

"Die Wanderzeit wird von der Temperatur bestimmt. Unter sechs Grad Celsius nachts wird der Winterschlaf nicht beendet", sagt Willenberg. Als zweite Sicherheit orientieren sich die Erdkröten an der Tageslichtmenge. "So marschieren sie in milden Wintern nicht zu früh los", so der Naturschutzexperte.  

Im Frühjahr drängt es die Erdkröten zum Laichen. Und sie können einige Tage unterwegs sein, da sie bis zu drei Kilometer wandern, rund 600 Meter am Tag. Wenn man bedenkt, dass die Tiere während des Winterschlafs, der Wanderung und der Eiablage nichts fressen, ist das eine echte Kraftanstrengung. "Erst nach der Paarung beginnt das große Fressen im Sommerquartier.

Das Ortsgedächtnis

Experten gehen davon aus, dass Erdkröten ein gutes Ortsgedächtnis haben. "Sie orientieren sich auch an der Horizontlinie, am Geruch ihres Geburtsgewässers und am Erdmagnetfeld", sagt der NABU-Aktivist. Das ist noch längst nicht bis ins Detail erforscht. Wenn man bedenkt, dass diese Amphibienart zwischen 20 und 30 Jahre alt werden kann, kann sie reichlich Lebenserfahrung gesammelt haben. In freier Natur gehen Experten von einer Lebenserwartung von rund zwölf Jahren aus.

Die flinken Männchen

Als Schnellstarter der Frühjahrswanderung gelten die Männchen. Auch wenn sie kleiner als die Weibchen sind, können sie ihr ­machohaftes Gehabe nicht unterdrücken. Manchmal steigen sie bereits unterwegs auf ihre willige Auserwählte - sichern sich so frühzeitig einen Geschlechtspartner - und lassen sich mitunter bequem ­Huckepack bis zum Laichgewässer abschleppen. Ein Männchen lässt nur dann los, wenn es irrtümlich einen Artgenossen entert und dieser den Fehlgriff mit einem lauten "Ök, ök, ök"-Ruf quittiert. Diesen Umklammerungs-Mechanismus "können auch andere sich bewegende Gegenstände gleicher Größe auslösen", sagt Willenberg. An den Laichgewässern kann man Kröten auf Unrat, Holzstückchen oder Fröschen beobachten. Selbst das Plätschern einer Menschenhand startet diesen Instinkt. Der Experte spricht von Fehlpaarungen.  

Der Rückweg

Nun, das widerfuhr ­Heinrich II. nicht. Er erreichte allein den Schutz-Zaun, plumpste in einem Eimer und wurde in diesem standesgemäß wie in einer Sänfte sicher - wie zig andere Artgenossen durch freiwillige Helfer - über die Straße gebracht. "Das machen sie zwei Mal am Tag", sagt Arne Willenberg. Heinrich kommt ­unverpaart am Laichgewässer an. Er wird so lange rufen, bis sich ein Weibchen ihm widmet oder er eines mit seinen Vorderbeinen umklammern kann. Nach der Befruchtung der Eier erfolgt über viele Wochen die Rückwanderung der Erdkröten. Dadurch ist eine Betreuung des Rückzuges durch Naturschützer schwer. Es ist ein gefährlicher Marsch, auch der seiner Nachkommen. Die Jungkröten ­gehen dann im Sommer auf Wanderschaft und können hoffentlich noch öfter ihren Geburtsort auf­suchen.


Zur Sache

• In Thüringen wurden bei der Biotopkartierung von 1996 bis 2012 etwa
11 000 naturnahe Standgewässer erfasst, die potenziell als Laichgewässer von Amphibien in Betracht kommen. Daneben werden technische Gewässer genutzt.
• Die Amphibienwanderung bleibt an vielen Laichplätzen unbemerkt.
• Nur wenn sich Straßen zwischen dem Überwinterungsquartier und dem Laichplatz befinden, und wenn Massen­laichplätze der Erdkröte betroffen sind, kommt es zu auffälligen Wanderungen mit vielen überfahrenen Kröten.
• Im Jahr 2010 wurden 92 feste und 164 mobile Leiteinrichtungen in Thüringen erfasst. Viele feste Einrichtungen gibt es im Ilm- und im Kyffhäuserkreis. Mobile Einrichtungen, die Freiwillige betreiben werden, finden sich vor allem in den Landkreisen Eichsfeld, Schmalkalden-Meiningen, Weimarer Land, Altenburg, im Wartburgkreis und im Saale-Holzland-Kreis.
Quelle: Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

Hintergrund

• In Thüringen sind 17 Amphibienarten erfasst. Sie untergliedern sich in zwei Gruppen: Schwanzlurche - Salamander und Molche und Froschlurche - Frösche, Kröten und Unken.
• Kreuz- und Knoblauch­kröte gelten als gefährdet, die Wechselkröte ist vom Aussterben bedroht. Laub- und Moorfrosch sind stark gefährdet.
• Seit Jahren ist zu beoachten, dass die Zahl der Erdkröten rückläufig ist. Der Straßenverkehr dezimiert den Bestand. Aber auch die Landwirtschaft und die Umweltverschmutzung. Die Erdkröten reagieren empfindlich auf Umweltgifte. Es fehlen aber auch intakte Feuchtgebiete.
• Beim Überqueren der Straßen werden viele Tiere überfahren oder können sogar, durch einen geschwindigkeitsbedingten Strömungsdruck der Autos auf die Fahrbahn, getötet werden. Deshalb ist es ratsam, beim Auftauchen von Amphibien vorsichtig und langsam zu fahren, ohne jedoch andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.
Der NABU bittet Autofahrer auch um verstärkte Rücksichtnahme gegenüber den Betreuern an den Amphibienzäunen. Die Helfer sind am Abend, in der Nacht oder am frühen Morgen bei jeder Witterung an den Straßen unterwegs. „Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer gäbe es kaum Amphibienschutz auf unseren Straßen“, sagt Ulrich Scheidt vom NABU-Landesfachausschuss Amphibien und Reptilien.
• Spätwanderer sind die Wechselkröte (Grüne Kröte), die im Thüringer Becken aber nicht massenhaft vorkommt. Sie ist ein Steppenbewohner. Zum Laichen ab Mai/Juni reicht ihr ein Tümpel.
Auch die Kreuzkörte ist ein Spätlaicher. Sie zählt zu den vagabundierenden Arten. Ihr reicht ein temporäres Gewässer.
• Im Herbst graben sich die Amphibien in eine frostsichere Tiefe für den Winterschlaf ein. Durch eine Schutzfunktion können sie sich - auch während ihr Stoffwechsel auf Sparflamme ist – noch tiefer eingraben.
• Übrigens, ein Feuersalamander kann sogar bis zu 50 Geburtstage feiern.

Zitate

„Uns fehlen intakte Feuchtgebiete. Seit Jahren ist zu beobachten, dass die Zahl der Erdkröten rückläufig ist“, sagte Arne Willenberg.

„Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer gäbe es kaum Amphibienschutz auf unseren Straßen“, sagt Ulrich Scheidt vom NABU-Landesfachausschuss Amphibien und Reptilien.


Mehr zum Thema

www.thueringen.nabu.de
www.amphibienschutz- thueringen.de
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2 Kommentare
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Petra Wolf aus Gotha | 30.03.2016 | 08:53  
meinanzeiger .de aus Erfurt | 30.03.2016 | 13:26  
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