Alleingelassen: Hebamme bietet keine Hausgeburten mehr an

Hebamme Vivien Petzsch mit Julius (links) und Kjell, die in ihrer Praxis die Krabbelgruppe besuchen.
Weimar: Schoppenhauserstraße | Vivien Petzsch gibt auf. Nicht aus freien Stücken. Die Umstände wollen es so. Sie machen es ihr unmöglich, ihren Beruf künftig voll ausüben zu können.
Vivien Petzsch ist freiberufliche Hebamme. In Weimar betreibt sie eine Praxis und betreut auf Wunsch Hausgeburten. Doch damit ist jetzt Schluss. Seit Jahren steigen die Kosten der Berufshaftpflichtversicherungen für Hebammen ins schier Uner­messliche. In den vergangenen drei Jahren um rund 80 Prozent. „Nun müsste ich 4500 Euro pro Jahr zahlen. So viele Geburten kann ich gar nicht betreuen, um diese Kosten zu erwirtschaften“, erklärt Vivien Petzsch. Und damit wird nun auch die letzte Hebamme in Weimar die Segel streichen, die Frauen auch während der Geburt im eigenen Heim betreut hat. Wer sich in der Klassikerstadt künftig für eine Hausgeburt entscheidet, muss sich an die Geburtshäuser in Jena oder Erfurt wenden, inklusive der damit verbundenen Fahrzeiten für notwendige Vorsorgeuntersuchungen.

„Den Frauen wird damit die Wahlfreiheit genommen“, bedauert Vivien Petzsch. Seit 2009 ist sie in Weimar tätig, hat in dieser Zeit etwa 20 Kindern auf die Welt geholfen. Sie weiß: „Es gibt ganz unterschiedliche Beweggründe, sich auf eine Hausgeburt einzulassen.“ Diese garantiere den Frauen eine vertraute Umgebung und vertraute Menschen. Die Hebamme ist sich sicher: „Das sorgt für ein sicheres, sanftes Ankommen des Babys im Leben.“ Zumal die Frau bereits während der Schwangerschaft ein intensives Verhältnis zu ihrer Hebamme aufbauen kann. Das schaffe Vertrauen auch unter der Geburt.
Bedenken, dass dieser Weg vermehrt Gefahren für Mutter und Kind bedeute, kann sie zerstreuen. Nur gesunde Schwangere kommen für eine solche Geburt in Frage. Eine mögliche Verlegung in eine Klinik wird mit den Paaren vorher genau abgesprochen. In ihrer Berufspraxis sei das nur zwei Mal notwendig geworden, weil die Geburt ins Stocken kam. Eine Gefahrensituation aber bestand nie.

Mit ihren Nöten fühlen sich Vivien Petzsch und ihre Kolleginnen alleingelassen. Von den Krankenkassen gebe es keine adäquate Anpassung der Honorare. Die Politik greife nicht ein. Immer mehr Berufskolleginnen geben zumindest die Arbeit als direkte Geburtsbegleiterin auf und hinterlassen eine Lücke. Sie selbst wird sich künftig nur noch auf Vor- und Nachsorge beschränken, weiterhin aber auch ihre Kurse zur Geburtsvorbereitung und Babymassage anbieten sowie Krabbelgruppen leiten.

ZUR SACHE:
• Am 5. Mai wird der Internationale Tag der Hebamme begangen.
• Unter dem Motto ­„Hebammen wissen Bescheid“ soll mit vielfältigen Aktionen auf die Unverzichtbarkeit der rund 18 000 Hebammen in Deutschland hinge­wiesen werden.
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