Besatzungskinder haben noch heute unter ihrem Schicksal zu leiden - Historiker widmen ihnen ein Buch

Prof. Dr. Rainer Gries von der Universität Jena und Prof. Dr. Silke Satjukow (Universität Magdeburg) haben in ihrem Buch das Schicksal von Besatzungskindern untersucht.

In allen vier Besatzungszonen wurden Frauen kurz vor und nach Ende des2. Weltkrieges vergewaltigt. Bis zu zwei Millionen Gewaltnahmen werden allein den Soldaten der Roten Armee zur Last gelegt. Die Historiker Silke Satjukow und Rainer Gries gehen daher von mindestens 300.000 Kindern aus, die durch sowjetische Soldaten gezeugt wurden. Auch französische und US-amerikanische Einheiten vergewaltigten in großer Zahl. Lediglich von den britischen Truppen sind nur wenige Fälle bekannt. Hinzu kamen abertausende Kinder, die aus Liebesbeziehungen zwischen deutschen Frauen und ausländischen Soldaten hervorgingen. Insgesamt gab es mindestens 400.000 Besatzungskinder, doch eine größere Zahl ist nicht auszuschließen.

20 Lebensgeschichten werden erzählt


Die beiden Geschichtsprofessoren Silke Satjukow und Rainer Gries gehen in ihren Forschungen dem Schicksal dieser Besatzungskinder nach. 47 Zeitzeugen haben sie zu diesem Thema interviewt. Die Gespräche sind die Grundlange für ihr Buch „Bankerte! Besatzungskinder in Deutschland nach 1945“. 20 Lebensgeschichten werden in dieser Publikation kontinuierlich erzählt. „Wir gehen durch ihr gesamtes Leben“, erklärt Silke Satjukow. Die Schilderungen umfassen nicht nur die Umstände der Zeugung: „Wir beobachten sie in ihrer Kindheit und Jugend, begleiten sie bei ihrer Einschulung ab 1952 und zu Beginn ihrer Ausbildung Ende der fünfziger Jahre“, ergänzt Gries.

Diskriminiert und stigmatisiert


Nachzulesen ist, wie diese Kinder und ihre Mütter diskriminiert und stigmatisiert wurden. Oftmals auch in der eigenen Familie. Dabei war es unerheblich, ob diese Kinder das Ergebnis einer Vergewaltigung waren oder ob sich die deutsche Frau und der Besatzungssoldaten liebten. „Die Beziehungen waren sehr vielfältig“, so Rainer Gries. Es habe auch so genannte Kartoffelbeziehungen gegeben, in deren Folge sich die Frauen eine bessere Versorgung für sich und ihre Familie erhofften. Die Anfeindungen in jungen Jahren sind nicht folgenlos geblieben. „Noch heute schämen sich viele, Besatzungskinder zu sein“, ist sich Silke Satjukow sicher.

Viele suchen noch heute nach dem Vater und Verwandten


Weihnachten 1945 kamen die ersten auf die Welt. Man schätzt ihre Zahl auf insgesamt 400.000. Jetzt sind sie im Rentenalter, ihre Mütter zumeist sehr betagt oder gar schon verstorben. Manche haben erst aus dem Nachlass über ihre wahre Herkunft erfahren. Gerade in dieser Lebensphase begeben sich viele auf die fast schon illusorische Suche nach ihrem Vater. Diese Erfahrungen haben die beiden Professoren während ihrer Recherchen gemacht. „Das wird noch die nächsten 10 bis 17 Jahre anhalten“, ist sich Silke Satjukow sicher. Die beiden Professoren erhalten aufgrund ihrer Forschungstätigkeit viele Anfragen. „Leider“, so bedauern sie, „gibt es keine zentrale Stelle, wo diesen Kindern geholfen werden kann.“ Aber durch diverse Internetplattformen und eine Öffnung der Gesellschaft für dieses Thema erfahren viele zum ersten Mal, dass sie kein Einzelschicksal ertragen müssen.

Besatzungskinder hatten viele Jahre nicht nur mit direkten oder unterschwelligen Anfeindungen zu kämpfen. Ihnen fehlt auch die Hälfte ihrer Identität. „Das ist anders als bei Scheidungskindern oder Waisen“, so Satjukow. Sofern diese Kinder nicht das Ergebnis einer Vergewaltigung waren, haben sie ihre Väter oftmals idealisiert. Er war ihr Schutzengel in Konfliktsituationen. Sie haben sich als russische Kinder dem Kommunismus stark verbunden gefühlt, andere haben die Vatersprache intensiv gelernt. „Oder sie setzten sich Baskenmützen auf, wenn die Väter Franzosen waren“, so Gries. Viele Lebensjahre waren gekennzeichnet von der Suche nach Identität.


Besatzer hatten in der Regel kein Interesse am Nachwuchs


Satjukow und Gries selbst haben nicht nur mit Betroffenen gesprochen. Während ihrer Arbeit am Buch haben sie auch in Archiven der Besatzungsmächte in Russland, Frankreich, England und den USA geforscht. Ihre Schlussfolgerung: Die Besatzer haben sich nicht verantwortlich gefühlt für den Nachwuchs, den ihre Soldaten mit Deutschen zeugten. Vaterschaftsanerkennungen oder gar Unterhaltszahlungen gab es höchstens in Ausnahmefällen. Nur die Franzosen holten „ihre“ Kinder nach Frankreich, um sie dort zur Adoption freizugeben. Ihr Schicksal ist noch immer weitgehend ungeklärt.

Für die beiden Historiker steht aber auch fest: Besatzungskindern boten den Menschen im Nachkriegsdeutschland ein Chance zur Öffnung. Die ehemals nationalsozialistischen Volksgenossen hätten ab Ende der 1950er Jahre angesichts dieser Kinder Kopf und Herz geöffnet. Gries meint: „Allein durch ihr Dasein stellten sie eine ständige Herausforderung für ihr Umfeld dar. Sie beförderten die europäischen und transatlantischen Annäherungsprozesse.“

DIE AUTOREN


Silke Satjukow wurde 1966 in Weimar geboren. Sie studierte Geschichte, Germanistik, Philosophie, russische Sprache und Literatur sowie Erziehungswissenschaften in Moskau, Berlin, Erfurt und Jena. Heute ist sie Professorin für die Geschichte der Neuzeit an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Sie wohnt in Weimar.

Rainer Gries wurde 1958 in Heidelberg geboren. Er studierte
Lehramtsstudium für Deutsch und Geschichte an
Gymnasien an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Heute ist er Inhaber des transdisziplinären Franz Vranitzky Chair for European Studies am Institut für Zeitgeschichte und am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, Professor für Psychologische und Historische Anthropologie an der Sigmund Freud Privat-Universität Wien/Berlin/Paris sowie Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er wohnt in Weimar.


INFORM@TION:

www.russenkinder.de
www.coeurssansfrontieres.com (Herzen ohne Grenzen, für Besatzungskinder mit französischen Wurzeln)
www.vksvg.de (Verein zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener e.V., mit Vermisstenforum für Besatzungskinder)
www.gi-babies-germany.de
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige