Ein Übersetzerpool soll in Weimar zwischen Flüchtlingsfamilien sowie Schule und Kindergärten vermitteln

Der Wörterbuchfundus in der Bibliothek des Mehrgenerationenhauses in Weimar-West kann nur bedingt helfen, Sprachbarrieren zwischen Flüchtlingen und Deutschen zu überwinden. Deshalb wollen Anne-Kathrin Lange, Koordinatorin vom Mehrgenerationenhaus, und Maximilian Wiesner, Quartiersmanager des Stadtteils, einen Sprachmittlerpool aufbauen.
Weimar: Prager Straße 5 |

In Weimar wird viel getan für Flüchtlinge. Da sind sich Anne-Kathrin Lange und Maximilian Wiesner einig. Doch es fehlt an Unterstützung bei ganz alltäglichen Problemen, meinen die Koordinatorin vom Mehrgenerationenhaus in Weimar-West und der Quartiersmanager des Stadtteils.

Zu oft scheitert eine Verständigung an sprachlichen Barrieren. Das belastet vor allem die Arbeit in Kindergärten, Schulen und sozialen Einrichtungen. Deshalb wollen die beiden einen ehrenamtlichen Sprachmittlerpool aufbauen. Der Allgemeine Anzeiger sprach mit ihnen über das Projekt.

Was motiviert Sie, einen Sprachmittlerpool aufzubauen?

Lange:
Es sind die Erlebnisse von Schulsozialarbeitern und Migrationsberatern, die die Initialzündung für dieses Projekt gaben. Sie sind in einem weit höheren Maße als früher damit beschäftigt, Flüchtlingskinder zu integrieren. Es kommt nicht selten vor, dass Schüler aus Angst vor Strafen einen Elternbrief zu Hause falsch übersetzen. Im Kindergarten kommunizieren Erzieherinnen und Eltern durch Sprachbarrieren nur unzureichend miteinander. So können die Pädagogen nicht wirkungsvoll im Sinne der Flüchtlingskinder arbeiten. Sie sind verloren ohne Vermittler, die die Sprache der Flüchtlinge beherrschen. Die Übersetzer könnten helfen, alltägliche Probleme schnell und unbürokratisch zu überwinden.

Wer kann sich als Sprachmittler engagieren?

Wiesner:
Jeder, der die Sprachen der Flüchtlinge spricht. Besonders denken wir hier an die vielen ausländischen Studenten mit ganz unterschiedlichen Muttersprachen, die derzeit in Weimar leben. Dieses Potential wollen wir anzapfen. Grundsätzlich ist aber jeder eingeladen, uns zu unterstützten.

Wo werden die Übersetzer arbeiten?

Lange:
Es geht um alltägliche Situationen, in denen Flüchtlingsfamilien Hilfe brauchen. Wir müssen aufpassen, dass ihre Kinder nicht ausgegrenzt werden. Da helfen manchmal ein paar Tipps der Kindergärtnerin. Die müssten dann übersetzt werden. Auch bei Elterngesprächen ist die Unterstützung der Spachmittler gefragt.

Sind dem Engagement Grenzen gesetzt?

Lange:
Unsere Sprachmittler sollen nicht bei Arztbesuchen, bei Gesprächen mit Rechtsanwälten oder auf Ämtern vermitteln. Dafür gibt es professionelle Übersetzer.

Gibt es auch Unterstützung für die Sprachmittler?

Lange:
Ja, sie werden durch uns geschult. Wir wollen regelmäßig einen Stammtisch zum gegenseitigen Austausch organisieren. Wir planen auch, ihren Einsatz durch eine Aufwandsentschädigung zu honorieren. In welcher Form das möglich ist, wird derzeit geprüft. Fest steht aber, dass keiner aus der eigenen Tasche draufzahlen soll.

Wiesner:
Zudem sorgen wir dafür, dass die Einsätze zeitlich begrenzt sind. Es wird keine Spontananrufe geben mit der Bitte: Ich brauche schnell einen Übersetzer.

Lange:
Der Pool steht und fällt mit Menschen, die sagen wir dolmetschen. Es muss keiner hinterher noch mit einkaufen gehen. Es geht uns um die reine Sprachvermittlung. Niemand muss ständig verfügbar sei.

Wiesner:
Die Hilfe wird auf einen festen Termin begrenzt. Die Sprachbarriere wird behoben und damit hat der Sprachmittler seine Aufgabe erledigt.

Haben sich schon Sprachmittler gemeldet?
Wiesner: Wir sammeln peu à peu die Kontaktdaten von Leuten, die mitmachen wollen. Es gibt bereits Freiwilligen, die russisch, arabisch, englisch und französisch sprechen. Aber der Bedarf ist natürlich weitaus größer.

In welchen Sprachen brauchen Sie besonders Hilfe?

Lange:
Es wäre toll, wenn wir jemanden finden, der Tigrynia spricht. Damit können wir Flüchtlingen aus Äthiopien und Eritrea helfen. Bedarf haben wir auch in Dari. Diese Sprache wird in Afghanistan gesprochen. Weitere arabischsprechende Sprachmittler sind ebenso gefragt.

Wiesner:
Wir sind für jeden dankbar, der sich meldet. Auch wenn er sagt, er kann erst in einem halben Jahr mitmachen. Der Sprachenpool ist eine Zukunftsaufgabe. Es sieht nämlich nicht so aus, als ob die Flüchtlingsströme in absehbarer Zeit abbrechen. Dringend benötigen wir noch Sprachkundige in Serbokroatisch, Albanisch, Kurdisch, Mazedonisch und Türkisch.

Übernehmen Sie beide die Koordination des Sprachmittlerpools?

Wiesner:
Nein, ein junger Mann aus dem Iran wird die Aufgabe übernehmen. Er ist selbst Flüchtling, lebt seit fünf Jahren in Weimar und spricht sechs Sprachen. Aus eigenen Erfahrungen ist er mit den Problemen der Flüchtlingsfamilien vertraut.

Lange:
Er wird die Sprachmittler coachen und die gemeinsamen Treffen organisieren sowie den Datenpool betreuen. Wir schieben das Projekt jetzt erst einmal an. Als Mehrgenerationenhaus gehört es zu unserer ureigenen Aufgabe, zwischen Generationen zu vermitteln, unabhängig von deren Muttersprache.

KONTAKT

Wer als Sprachmittler tätig werden möchte, kann sich per E-Mail an Sprachmittlerpool@gmx.de oder telefonisch unter 03643/54 82 78 oder 03643/41 41 91 melden.
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