Reingard Thiele arbeitet seit fünf Jahren in der Kleiderkammer

Seit fünf Jahren arbeitet Reingard Thiele in der Kleiderkammer im Arbeitslosenzentrum.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das ist keine Phrase. Aus dem Austausch mit seiner Umwelt zieht er sein Selbstwertgefühl. Dafür steht auch die Geschichte von Reingard Thiele. Ihr Leben ist gezeichnet von Umbrüchen, Rückschlägen und erzählt doch auch vom Glück, das man im Kleinen finden kann.

58 Jahre ist die gelernte Finanzkauffrau heute alt. Nach der Wende – geschieden und alleinerziehend – musste sie neue berufliche Wege einschlagen. Sie ist in der Gastronomie gelandet, hat in einer Kantine und im Spülbereich eines Hotels gearbeitet. Doch dem ständig wachsenden Druck hielt sie nicht stand. Als ihr Arbeitsbereich ausgegliedert werden sollte, ging sie nicht mit zum neuen Arbeitgeber. Schlechtere Bezahlung und noch mehr Aufgaben: Das wollte und konnte sie nach zwei Nervenzusammenbrüchen nicht mehr.

Den Weg zurück in eine 40-Stunden-Woche hat sie nicht geschafft. „Ich kann nicht mehr nach Stoppuhr arbeiten“, sagt Thiele. Eine Erwerbsunfähigkeitsrente wurde ihr, trotz eines Kopfdrehsyndroms, aber nicht gebilligt. Einer der Gutachter bescheinigte ihr, sehr wohl noch sechs Stunden arbeiten zu können. An den Behördenmarathon denkt sie mit Schrecken zurück. „Das hat mich viele Nerven gekostet.“ Nun lebt sie von Arbeitslosengeld II und hat im Arbeitslosenzentrum im Brühl doch eine Beschäftigung gefunden.

Als Ein-Euro-Jobberin hat sie hier 2008 in der Kleiderkammer angefangen. Doch die Ein-Euro-Jobs gibt es nicht mehr. Bürgerarbeit heißt das neue Zauberwort, mit dem man Menschen wieder fit machen möchte für den ersten Arbeitsmarkt. „Aber so lange wie gefordert arbeiten, kann ich nicht mehr“, sagt Reingard Thiele bedauernd. Zu Hause rumsitzen will sie deswegen noch lange nicht. „Da würde ich verrückt werden!“ Und so kommt sie immer noch dreimal die Woche für je drei Stunden in den Brühl, um in der Kleiderkammer zu helfen – allerdings ehrenamtlich. „Frau Thiele ist unsere gute Seele“, erklärt Birgit Brendel. Sie leitet den Thüringer Arbeitslosenverband in Weimar, der das Arbeits­losenzentrum mit zahlreichen Angeboten betreibt.

Besonders gefällt es Reingard Thiele, wenn sie in der Kleiderkammer beraten kann. „Die Leute fragen mich: Kann ich das anziehen?“ Sie gebe dann ihren ehrlichen Rat. Bedauerlich sei, dass nicht noch mehr Bedürftige den Weg in den Brühl finden. „Wir haben so hübsche Sachen hier.“ Vor allem über die viele Kinder- und Babykleidung freut sie sich. Die Garderobe sei sauber und modisch. Darauf würde geachtet, wenn Kleiderspenden abgegeben werden. Und wenn einmal ein Knopf fehlt oder ein Reißverschluss kaputt ist, kann das in der angrenzenden Nähstube repariert werden. Feste Preise gibt es in der Kleiderkammer nicht. Wer möchte, kann eine kleine Spende abgeben. 50 Cent oder ein Euro seien ausreichend.

„Ich brauche eine Beschäftigung, die mich ausfüllt und bei der ich mit dem Herzen dabei bin.“ Wenn Reingard Thiele solche Sätze sagt, sind das keine leeren Worthülsen. Sie freut sich, gebraucht und geachtet zu werden. Das hört und sieht man ihr an. Sie hat ihre Erfüllung gefunden, auch wenn es dafür kein Geld gibt. „Ich fühle mich nicht überflüssig. Ich weiß, ich kann noch etwas bewirken“, erklärt sie ihr Engagement.

Erst kürzlich wurde Reingard Thiele mit dem Thüringer Ehrenamtszertifikat ausgezeichnet. An die kleine Feier erinnert sie sich gern. Die Urkunde hat sie ihrer Wohnung ausgehangen. „Als ich sie meinen Sohn zeigte, sagte er: Mutti, ich bin stolz auf dich.“ Mehr Bestätigung braucht sie nicht.

Öffnungszeiten
Die Kleiderkammer am Brühl hat
Montag bis Mittwoch 9 bis 16 Uhr,
Donnerstag 9 bis 18 Uhr und
Freitag 8 bis 12 Uhr geöffnet.
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