Sterben auf Raten: AWO schließt Erziehungsberatungsstelle

Ab Januar wird es einen neuen Anbieter für die Erziehungsberatung im Landkreis Weimarer Land geben. Die AWO zieht sich endgültig zurück. Foto: Imago (Foto: Imago)
Weimar: Lisztstraße | . Scheiden tut weh. Viele Kinder müssen diese Erfahrung machen. Einige von ihnen fanden bisher in der für sie schwierigen Situation Hilfe bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). In speziellen Gesprächsgruppen haben sie gelernt, mit den neuen Voraussetzungen zu Hause umzugehen. Die AWO Jena-Weimar ist Träger der Erziehungsberatungsstelle für den Landkreis Weimarer Land und übernimmt damit eine Pflichtaufgabe der Kommune.
Nun durchleben die Mitarbeiter der Beratungsstelle einen ähnlich schmerzhaften Prozess wie die Trennungskinder. In der Vorwoche hat die AWO die Trägervereinbarung mit dem Jugendamt aufgekündigt und zieht sich zum 31. Dezember 2012 aus der Beratungstätigkeit für Eltern, Kinder und Jugendliche zurück.
Wie in einer nicht mehr funktionierenden Ehe hatte es auch in diesem Fall schon vorher Probleme zwischen den Partnern gegeben. Wie so oft ging es ums Geld. Um 60 000 Euro hatte der Landkreis seine Zuwendungen für die Beratungstätigkeit im Jahr 2012 gekürzt und von der AWO gefordert, einen Standort ihrer Erziehungsberatung zu schließen. Bis dahin war die AWO, auch der geographischen Ausdehnung des Weimarer Landes geschuldet, mit zwei Beratungsteams sowohl in Weimar als auch in Apolda vertreten. Der Landkreis forderte unter anderem die Schließung einer Beratungsstelle.
Sich trennende Partner üben sich nicht selten im Nachtreten. So ist wohl auch jener Satz aus der einseitigen Pressemitteilung des Landratsamtes zur Kündigung der Trägervereinbarung zu verstehen: „Eine konkrete Begründung (für die Kündigung – Anmerkung der Redaktion) wurde gegenüber dem Weimarer Land nicht angegeben.“
AWO-Vorstandschef Frank Albrecht sieht das etwas anders: „Die Verantwortung liegt hier beim Landratsamt. Der Grund für unsere Entscheidung liegt ausschließlich am Umgang des Landratsamtes mit uns und an der drastischen Mittelkürzung des Vorjahres.“ Im September 2011 habe man mitgeteilt bekommen, dass mit dem Mittelkürzungen zum 1. Januar 2012 auch die Stelle einer der beiden Psychologinnen einzusparen sei. „Viel zu kurzfristig“, findet Albrecht. „Das muss man erst mal verdauen.“ Am Ende habe man einsehen müssen, dass auf dieser Basis keine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mehr möglich ist.
Die AWO versucht jetzt, den Beratungsstellenmitarbeitern neue Aufgabenbereiche innerhalb des Unternehmens anzubieten. So mancher hat sich in den vergangenen Monaten aber auch selbst Gedanken über seine beruflichen Perspektiven gemacht. Beide Psychologinnen werden die AWO verlassen. Sie haben neue Arbeitsplätze gefunden. „Wir gehen aber nicht mit fliegenden Fahnen“, erklärt Sigrid Timmler, bisherige Leiterin der Beratungsstelle. „Es ist für uns ein schmerzhafter Prozess.“
Erst in der Vorwoche war bei der Veröffentlichung der aktuellen Schulabbrecherzahlen erneut medienwirksam der Zusammenhang zwischen elterlicher Fürsorge und schulischen Leistungen öffentlich debattiert worden. Mit der Schließung der Beratungsstelle werden nun Strukturen geschliffen, die über zwei Jahrzehnte im Landkreis aufgebaut worden sind. Leidtragende sind nicht nur die AWO-Mitarbeiter. Sie sind aufgrund der Entwicklung gezwungen, eine Tätigkeit aufzugeben, die sie mit viel Herzblut und Engagement ausgefüllt haben. Leidtragende sind auch Kinder, Jugendliche und Eltern, die in Problemsituationen verlässliche Partner verlieren. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung steht noch aus.


ZUR SACHE:
• Die Erziehungsberatungsstelle soll Kindern und Jugendlichen, Eltern und anderen Erziehungsberechtigten bei der Klärung und Bewältigung individueller und familienbezogener Probleme, bei Erziehungsfragen sowie bei Trennung und Scheidung Unterstützung anbieten.

• Konkret besteht ein Anspruch auf Beratung in allgemeinen Fragen der Erziehung und Entwicklung junger Menschen, Beratung und Unterstützung in Fragen der Partnerschaft, Ehe und Familie, Trennung und Scheidung sowie Beratung und Unterstützung bei der Ausübung der Personensorge und des Umgangsrechtes.

• Die Erziehungsberatung stellt eine Pflichtleistung der Jugendhilfe dar und muss durch den öffentlichen Träger der Jugendhilfe (hier der Landkreis Weimarer Land) vorgehalten werden.
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1 Kommentar
Simone Schulter aus Weimar | 13.07.2012 | 11:50  
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