Vortragsreihe MIGRATION UND FLUCHT. GESCHICHTEN UND ERFAHRUNGEN AUS DEM EXTREMEN 20. JAHRHUNDERT

Wann? 11.11.2016 19:30 Uhr

Wo? Tourist-Information , Markt 10, 99423 Weimar DE
Weimar: Tourist-Information | Die Geschichte des extremen 20. Jahrhunderts ist geprägt durch Migration und Flucht: bereits in der Zeit des Ersten Weltkrieges wurden ganze Bevölkerungsgruppen vertrieben, die Armenier aus der Türkei etwa, aus anderen Ländern wanderten Hunderttausende aus; das nationalsozialistische Deutschland mussten seit 1933 rund eine halbe Million Menschen verlassen; fast ebenso viele Republikaner gingen in Folge des vor 80 Jahren beginnenden Spanischen Bürgerkrieges ins Exil; am Ende des Zweiten Weltkrieges zählten die Alliierten bis zu 12 Millionen „Displaced Persons“ – Geflüchtete, Vertriebene, Deportierte oder aus anderen Gründen Entwurzelte. Unmittelbar darauf lösten die Errichtung kommunistischer Diktaturen in Osteuropa und der Kalte Krieg neue Migrations- und Fluchtbewegungen aus. Die DDR etwa verließen allein bis zum Mauerbau 1961 dreieinhalb Millionen Menschen. Nach 1989/90 setzten insbesondere die Kriege im ehemaligen Jugoslawien erneut eine große Flucht- und Migrationsdynamik in Gang. Seit einigen Jahren versuchen nun immer mehr Menschen aus Afrika und Asien vor blutigen Konflikten, etwa in Nigeria, Mali, Syrien oder Afghanistan, in Europa Schutz zu finden.
Angesichts der sich im vergangenen Jahr zuspitzenden humanitären Katastrophe nahmen insbesondere Deutschland, Schweden und Dänemark weit über eine Million geflüchtete Menschen auf. Dass sich im Gegensatz dazu osteuropäische Länder, aber auch Großbritannien, dem bislang verweigerten und EU-weit nach Abschottung gerufen wird, verweist nicht zuletzt auf die begrenzte Anerkennung der vor 65 Jahren in Genf verabschiedeten UN-Flüchtlingskonvention. Vor welchem Erfahrungshintergrund ist diese entstanden und welche Wirkung konnte sie dennoch entfalten? Welche Rechte hatten und haben Geflüchtete? Und wovon hängt ab, wie sich einzelne Länder ihnen gegenüber verhalten?
Diesen und weiteren Fragen gehen sechs Expertinnen und Experten zwischen dem 14. Oktober und dem 25. November 2016 in ihren Vorträgen in der Tourist-Information Weimar nach. Nach einem ersten Überblick reicht das Themenspektrum von den dramatischen Folgen des Spanischen Bürgerkrieges und der Flucht- und Auswanderungsbewegung aus dem nationalsozialistischen Deutschland über die Geschichte der UN-Flüchtlingskonvention und die Problematik der Ausreisen aus der DDR bis hin zu gegenwärtigen Herausforderungen.

Vortragsreihe der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen
in Verbindung mit dem Förderverein Buchenwald e. V.
und der Stadt Weimar

Vortrag von DR. RENATE HÜRTGEN
Migration hat viele Gesichter: Die Antragsteller auf Ausreise aus der DDR
In der aktuellen Debatte vergessen wir allzu oft, dass vor etwas über einem Viertel Jahrhundert auch in Deutschland Menschen auf der Flucht waren, um auf „halblegalem“ oder illegalem Weg von der DDR nach Westdeutschland zu gelangen. Zwischen 1945 und 1961 hatten dreieinhalb Millionen Menschen die DDR Richtung Westen verlassen. Nach der Grenzschließung am 31. August war dieser Weg versperrt, nur wenige wagten die sehr risikovolle Flucht über die zunehmend dichter werdende Grenze. Seit Mitte der 1970er Jahre stellten immer mehr DDR-Bürger einen Antrag auf Ausreise. Dies war zwar eine weniger gefährliche Möglichkeit, in den Westen zu gelangen, führte jedoch in den meisten Fällen zu erheblichen existenziellen Einschränkungen, auch zu Inhaftierungen. Wer waren diese „Ausreiser“? Und warum wollten sie die DDR verlassen? Welche Vorstellungen hatten sie vom „Ankunftsland“ und wie erfüllten sich ihre Erwartungen? Welche Fragen wirft diese deutsch-deutsche Migration für unsere heutige Integrationsdebatte auf?
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