Weimarer Tafel will Abhängigkeit durchbrechen

Mario Christel, Diakonie-Mitarbeiter, hilft in der neuen Fahrradwerkstatt aus.
 
Marco Modrow leitet die Weimarer Tafel und des Sozialkaufhauses.
Weimar: Georg-Haar-Straße | Die Weimarer Tafel wächst. Am Standort Georg-Haar-Straße befindet sich nicht nur die Lebensmittelausgabe, sondern auch die Kleiderkammer, eine Spielzeuggarage, eine Holzwerkstatt und das Sozialkaufhaus, dessen fünfter Geburtstag derzeit gefeiert wird. Nun ist auch die Fahrradwerkstatt auf das Gelände gezogen. Anlass genug, um mit Tafelleiter Marco Modrow über die Arbeit der Tafel und ihre gesellschaftliche Akzeptanz zu sprechen.

Der Fachkräftemangel wird beklagt, Arbeitslosenzahlen sinken, Sie erweitern Ihr Angebot. Ist das nicht ein Widerspruch?
Nein, wir erweitern uns nicht aus Jux und Tollerei. Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen gibt es einen Personenkreis, dem es schwer fällt, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Unseren Kunden fehlt oft der Schul- oder Berufs­abschluss, sie verfügen nicht über die richtigen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die meisten, die zu uns kommen, haben verschiedene Vermittlungshemmnisse. Sie haben kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Wie viele Menschen nutzen die Weimarer Tafel?
Wir haben eine Zunahme der Tafelnutzer, die nicht sprunghaft, aber stetig ist. Derzeit besuchen uns regel­mäßig 1600 Erwachsene und rund 800 Kinder. 2011 waren es 1200 Erwachsene und etwa 600 Kinder. Diese Menschen wollen wir nicht nur mit ­Lebensmitteln und Sachgütern versorgen. Wenn immer mehr zu uns kommen, müssen wir weitergehende Hilfe an­bieten. Dazu zählen Beratung und Unterstützung auf einer niedrigschwelligen Stufe. Den Menschen muss man Gehör verschaffen.

Haben Sie das bisher nicht getan?
Im Alltag ist meist nicht genug Zeit, um sich Sorgen und Nöte anzuhören. Deshalb wurde das Projekt „Weimarer
Tafel plus“ entwickelt. In Kooperation mit dem Falk-Verein konnte dank privater Spender und der Share Value Stiftung eine Sozialarbeiterin eingestellt werden. Unser Ziel ist es, „Tafelkarrieren“ zu durch­brechen. Manche Familien kommen schon in der zweiten und dritten Genera­tion zu uns. Unser Ansatz ist es, Menschen zu befähigen, ohne unsere Hilfe auszukommen.

Übernehmen Sie damit nicht staatlich Aufgaben?
Die Frage ist berechtigt. Aber das betrifft die gesamte ­ehrenamtliche Arbeit, die durch Politiker immer wieder eingefordert wird. Hier wird sozialpolitische Verantwortung ein Stück weit abgetreten.

Die Tafeln erfahren immer wieder auch Kritik. Berechtigter Weise?
Es gibt das Aktionsbündnis „20 Jahre Tafeln sind genug“. Damit setzen wir uns auseinander, weil bestimmte Kritikpunkte berechtigt sind. Aber ich halte nichts davon, durch den Wegfall der Tafeln sozialen Druck auszuüben, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Der Ansatz hilft unseren Tafelgästen nicht. Nehmen wir das Beispiel einer Alleinerziehenden mit niedrigem Lohn. Wenn wir sie mit günstigen Lebensmitteln versorgen, bleibt Geld übrig für Kleidung, Schulbedarf, auch Urlaub. Ohne unsere Unterstützung wäre das für manche kaum zu stemmen. Das Aktionsbündnis bleibt die Antwort darauf schuldig, wie wir die ungerechte Vermögensverteilung ändern können. Die Tafeln sind ein Beweis dafür, dass wir in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft leben.

Wie hoch schätzen Sie die realen Chancen der Tafelnutzer ein, wieder in Lohn und Brot zu kommen?
Das ist nicht mit Zahlen zu beantworten. Die Tafel hilft ja nicht allein denen, die bei uns Lebensmittel holen, sondern auch unseren Mitarbeitern. Sie sind ebenfalls aus dem ersten Arbeitsmarkt rausgefallen. Bei uns erhalten sie ein Lernfeld, können ihren Alltag wieder strukturieren. Wir erleben häufig, dass unsere Kollegen aufblühen und dadurch bei Bewerbungen ganz anders auftreten.

Und die Tafelbesucher?
Sie wollen wir jetzt verstärkt mit unserem Projekt ­„Weimarer Tafel plus“ ansprechen. Aber das wird uns nicht immer gelingen. Für manche ist es offensichtlich utopisch, auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Umso wichtiger sind öffentlich geförderte Beschäftigungen für Leute mit einem Vermittlungshemmnis. Wir haben eine ausdifferenzierte, hochtechnologisierte Arbeitswelt. Es fehlt an einfachen Tätig­keiten. Wer hier nicht mithalten kann, dem muss geholfen werden.
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