Der Ginkgo-Mythos - Der Baum heilt, schützt, wirkt aphrodisierend und vermehrt sich wieder, nicht nur in Weimar

 
Heinrich Georg Becker - Ginkgo-Papst
  Weimar: Ginkgo-Museum |

Auf den Spuren des sagenumwobenen Baumes aus einer anderen Welt.
AA-Redakteur Thomas Gräser las Goethe – der vor 200 Jahren ein Gedicht dazu schrieb, befragte den „Ginkgo-Papst” in Weimar und unternahm eine Zeitreise.

Nicht erst, als ein wahrhaftiger Scheich aus den Vereinigten Arabischen Staaten sein Geschäft und Museum in Weimar betrat, weiß Heinrich Georg Becker um die globale Wirkung des Ginkgo-Baumes. Die fremdländische Eminenz war wohl auf Bildungsmission und fragte: Was ist Ginkgo? Aber selbst eine vor ihm stehenden Fürstlichkeit macht Becker, das wandelnde "Ginkgo-Lexikon” der Klassikerstadt, nicht verlegen. Hatte er doch die Ginkgo- Hompage ins Arabische übersetzen lassen. Der Scheich setzte sich ins Ginkgo-Museum, rückte seine schneeweiße Kandora zurecht und begann sein Studium. Und das hat Spuren hinterlassen, denn der weitgereiste Gast kaufte Ginkgo-Schmuck und sogar einen Ginkgo-Baum. Ob dieser allerdings im Wüstenstaat gewurzelt hat, ist nicht überliefert. Dagegen aber der Dank des Scheichs. Denn vier Wochen später traf eine vergoldete Schale in Ginkgo-Blattform einer Pariser Künstlerin - abgesandt aus dem Luxushotel Burj Al Arab - bei Beckers in Weimar ein. Ginkgo erobert weiter die Welt. Diese Faszination geht seit dem 17. Jahrhundert so. Was zeichnet diesen Mythos aus? Hier folgen einige Fakten:

Ginkgo das Fossil

Er ist derälteste Baum, der einst auf der gesamten Erde zu Hause war. Seine Wurzeln reichen mehr als 250 Millionen Jahre zurück. Es gab einst 250 Arten. Von denen eine blieb, die sich auch in Thüringen wieder ausbreitet.

Ginkgo & China

Erstmals in Schriften wurde der Ginkgo in China im 13. Jahrhundert erwähnt. Bereits damals waren wohl die Blätter und Nüsse ein Heilmittel. In China werden noch heute Ginkgo-Nüsse bei Familienfeiern und Hochzeiten gereicht. Es besteht der Glaube, dass der Ginkgo sowohl auf die Teufel, als auch auf die "chens”, die Götter Einfluss nimmt. Im alten China galten zeitweilig Ginkgo-Blätter sogar als Zahlungsmittel.


Ginkgo & Geschlecht

Beim Ginkgo gibt es männliche und weibliche Bäume (Zweihäusigkeit). Bis zur ersten Blüte nach zirka 30 bis 40 Jahren ist es schwierig, diese zu unterscheiden. Die weiblichen Bäume sind runder und breiter, die männlichen schmal und hochstrebend. Die weiblichen Bäume entfalten ihre kleinen, konisch spitz zulaufenden Knospen rund 2 bis 3 Wochen später als die fast doppelt so großen, abgerundeten männlichen Knospen.

Ginkgo & Holland

Die ältesten Ginkgo-Bäume in Europa findet man in den Niederlanden. Der deutsche Arzt Engelbert Kaempfer weilte 1690 - im Auftrag der holländischen Vereinigten Ost-Indien-Gesellschaft - für zwei Jahre auf einer Insel vor Nagasaki. Er schmuggelte Samen nach Europa. Um 1730 starten in Utrecht und Leyden Versuche, um den Ginkgo wieder in Europa heimisch zu machen.

Ginkgo & Japan

Im Land der aufgehenden Sonne bildeten sich zahlreiche Mythen und Geschichten um diesen Baum. So blieb der Tempel von Tokio, welcher vollständig von Ginkgo-Bäumen umgeben ist, vor dem Flammeninferno nach dem Erdbeben von 1923 als einziges Gebäude verschont. Und der Ginkgo-Baum am Tempel in Hiroshima überlebte sogar den Atombombenabwurf 1945. In Japan gibt es zahlreiche Ginkgo-Veteranen, bis zu 1000 Jahre alt. Viele sind Heiligtümer. Heute ist der Baum in Japan überall anzutreffen. Selbst das Rathaus in Tokio schmückt er als Logo. Es prangt an der Tourist-Information, an U-Bahn-Zügen und -Wagen sowie an der Dienstkleidung. Universitäten schmücken Ginkgo-Alleen.

Ginkgo & Goethe

Vor 200 Jahrenschrieb der Geheime Rat das Gedicht "Ginkgo biloba”. Veröffentlicht im Gedichtezyklus "West-östlicher Divan”. Da der Ginkgo erst um 1730 wieder hier gezüchtet wurde, waren zur Zeit Goethes die Ginkgos nur zirka 3 bis 4 Meter hoch. Seine erste Begegnung mit dem Ginkgo könnte Goethe auch in Heidelberg erfahren haben.

Ginkgo & Namen

Der Ginkgo erhielt über Jahrhunderte zig Namen. Sie zeigen, wie der Baum die Fantasie anregte: Entenfuß-, Weißnuss-, Tempel-, Mädchenhaarfarnbaum Silberaprikose, Großvater- Enkel-Baum, Vierzig-Taler- Baum, Japanischer Nußbaum, Golden-Tree-Baum. Dass er bei uns vor allem unter dem Namen Ginkgo bekannt ist, geht auf einen Übersetzungsfehler von Engelbert Kaempfer vom japanischen Namen ins Lateinische zurück. Aus dem y in Ginkyo wurde ein g.

Ginkgo & Kraft

Das Kuratorium "Baum des Jahres” wählte den Ginkgo zum Baum des Jahrtausends. Er ist ein widerstandsfähiger, schädlingsresistenter, schadstoffmildernder Baum. Ein Ginkgo-Baum bindet pro Jahr 182 Kilogramm CO2.

Ginkgo & Gesundheit

In China werden Baumrinde, Blätter und Früchte wohl seit dem 11. Jahrhundert für Heilzwecke genutzt. Deutsche Wissenschaftler fanden in den 1960er-Jahren heraus, dass aus den Blättern ein Extrakt gegen Durchblutungsstörungen gewonnen werden kann. Ein Ginkgo-Extrakt wurde sogar in Damenstrümpfe eingearbeitet, um Thrombose auf langen Flügen zu unterbinden. In der Kosmetik werden die antibakterielle und antimykotische sowie die feuchtigkeitsbindende Wirkungen des Blätterextraks geschätzt. Hautstraffung und -festigung sollen damit erreicht werden können. In Japan gibt es Ginkgo- Sake, Ginkgo-Nüsse und Ginkgo als Aphrodisiakum. Samen kommen in Soßen und Salate. Und manche Asiaten essen die grünen Blätter direkt vom Baum.


Ginkgo & Weimar

Ein Hofgärtner, der von Herzog Carl August nach England entsandt wurde, lernte dort den Ginkgo kennen. Er machte nach seiner Rückkehr in der Orangerie Belvedere erste Vermehrungsversuche mit dem Ginkgobaum. Um 1800 konnte man in Weimar einen Ginkgo- Baum für einen Taler kaufen. Einer der beiden Hofgärtner Sckell pflanzte um 1815 einen Ginkgo am Fürstenhaus - heute der älteste Ginkgo Weimars.

Becker & Ginkgo

Seit über 40 Jahren ist der Ginkgo Hobby für Heinrich Georg Becker. Als Bäcker in Fulda suchte er nach Naturprodukten die die Gesundheit des Menschen unterstützen. Als erster experimentierte er mit Walnussbrot. Dann stieß Becker auf den Ginkgo, sammelte Infos. Per Internet sprudelten ab Mitte der 1980er-Jahre die Quellen. So ist er auch auf Weimar gestoßen, die Stadt, in der er 1996 seine ersten Ginkgo-Bäumchen anbot. Das hat ausgestrahlt. Ein Run auf den exotischen Baum begann, den es seit acht Jahren auch in kleinwüchsiger Form gibt. Mit seinem Ginkgo- Produkte-Geschäft und dem Ginkgo-Museum fand der Weimarer "Ginkgo-Papst” Heinrich Georg Becker seine Erfüllung.


"Der Ginkgo hat in seinen Blättern Wirkstoffe, die in keiner anderen Pflanze vorkommen und nicht industriell hergestellt werden können."
HEINRICH GEORG BECKER

INFORM@TIONEN:


» www.ginkgomuseum.de
» wikipedia.de/ginkgo biloba
» baum-des-jahres.de


Herr & Frau Ginkgo


Man könnte annehmen die Fortpflanzung funktioniere wie bei anderen Pflanzen: Im Frühling öffnen sich die Blüten des weiblichen Baumes, fangen die vom Wind zugewehten männlichen Blütenpollen auf und werden befruchtet. Doch weit gefehlt. Der Ginkgo läßt sich viel mehr Zeit.

Frau Ginkgo hat zur Zeit der Blüte noch keine befruchtungsfähige Eizelle gebildet. Sie fängt erst damit an, wenn der männliche Pollen wirklich die weibliche Samenanlage erreicht hat.

Ende April, Anfang Mai, wenn die Pollen fliegen, fängt Frau Ginkgo zwar die männlichen Pollen auf, lagert diese aber zunächst in ihrer Samenanlage ein. Ist die Eizelle fertig, bildet sie eine Bestäubungsflüssigkeit und saugt damit die eingelagerten Pollen ein. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die weibliche Samenanlage zu wachsen, die einzeln betrachtet zirka Ende August die Größe einer Kirsche hat.

Während dieser Wachstumszeit entstehen in der weiblichen Samenanlage alle für die Befruchtung notwendigen Stoffe. Der im Frühjahr eingelagerte männliche Pollen bildet im Laufe der Zeit winzige Tropfen, die sich nach rund 120 Tagen zur Befruchtung der Eizelle auf den Weg machen.

Fallen die Samenanlagen im November/Dezember vom Baum, kann es sein, dass erst jetzt die Befruchtung in der Nuß stattfindet.

Die abgefallenen Samenanlagen sind meist goldgelb bis bräunlich, man könnte sie für Mirabellen halten, wäre da nicht ein beißender, fast ranziger Geruch, der beim verfaulen des sich ablösenden, stark fetthaltigen Samenfleisches entsteht. Übrig bleiben die Samen (Nüsse), die mittlerweile auch begehrtes Sammlerobjekt vieler zwei- und vierfüßiger Sammler sind.
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5 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 06.08.2015 | 10:26  
Thomas Gräser aus Erfurt | 10.08.2015 | 21:08  
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Renate Jung aus Erfurt | 10.08.2015 | 23:00  
Thomas Gräser aus Erfurt | 11.08.2015 | 11:08  
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Renate Jung aus Erfurt | 13.08.2015 | 23:12  
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