Der Spatz in der Hand: Hilfe in finanzieller Schieflage

Schuldenfalle: Die bittere Suppe muss man erst mal auslöffeln. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt /pixelio.de (Foto: pixelio)
 
Karin Bottin leitet die Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstelle der AWO in Weimar. Sie ist Diplom-Betriebswirtin und hat eine dreijährige Zusatzausbildung für Insolvenzrecht und Schuldnerberatung absolviert. Foto: Schulter
Weimar: Warschauer Straße | Wenn Karin Bottin die RTL-Doku „Raus aus den Schulden“ ansieht, vergeht ihr gern mal den Fernsehspaß. Zwar schätzt die Leiterin der Schuldner- und Insolvenzberatung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Weimar das Wissen von TV-Star Peter Zwegert. „Doch so viel Zeit können wir uns für unsere Klienten gar nicht nehmen. Dafür übernimmt niemand die Kosten“, relativiert sie die Fernsehstory.

Viele Hilfestellungen, die er in seiner Sendung gibt, würden auch gar nicht im Kompetenzbereich ihrer Beratungsstelle liegen. Hier konzentriert man sich ganz allein auf die Regulierung von Schulden. Bei weiterreichenden persönlichen Problemen könne man aber auf ein gutes soziales Netzwerk zurückgreifen, etwa bei Drogenabhängigkeit oder Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.

Im Februar ist die Beratungsstelle in die Warschauer Straße umgezogen. „Viele Hilfesuchenden wohnen in Weimar-West.“ Ihr Team betreut hier rund 400 Klienten im Jahr. Bei einem Großteil von etwa 200 bis 250 Betrof­fenen wird versucht, die finanziellen Probleme mittels eines außergerichtlichen Schuldenbereinigungsplans in den Griff zu bekommen. Bei etwa 180 Betroffenen bleibt als letzter Ausweg nur die private Insolvenz. Den eigentlichen Beratungsbedarf schätzt Bottin höher ein. „Aber wir haben nur drei Berater und eine Verwaltungsangestellte, allerdings nicht in Vollzeit.“ Die Größe der Beratungsstelle orientiert sich an der Einwohnerzahl. Städte und Kommunen sind verpflichtet ein solches Angebot kostenlos vorzuhalten.

Seit der Wende ist die Diplom-Betriebswirtin im Bereich der Schuldnerberatung tätig. Weniger Hilfesuchende sind es über die Jahre nicht geworden, so ihre Erfahrung. Im Gegenteil: Immer mehr junge Leute würden durch überzogene Konsumwünsche in die Schuldenfalle tappen. Auch haben sich im Vergleich zu früher die Summe der Schulden und die Anzahl der Gläubiger erhöht. Drei bis vier Jahre konsequente Arbeit sei bei den meisten nötig, um die finanzielle Schieflage zu beheben, bei einer Privatinsolvent dauert es sechs Jahre. Die Entscheidung ob Insolvenz oder Schuldenbereinigung ist abhängig von der Schuldenhöhe und der Anzahl der Gläubiger. Bottin erklärt: „Das müssen wir von Fall zu Fall entscheiden.“

Doch bevor sie und ihre Kollegen so richtig loslegen können, dauert es etwa ein halbes Jahr. Denn vorher müssen alle Unterlagen vorliegen. „Oftmals müssen wir dafür auch die Gläubiger anschreiben, um zu wissen, wie hoch die aktuelle Forderungsliste ist“, sagt die Beraterin. In der Regel sei viel Papierkram durchzuarbeiten. Manche Klienten brächten ihre Unterlagen kistenweise. „Ein richtiges Chaos.“ 60 bis 70 Prozent ihrer Zeit muss sie für die Sichtung der Papiere einplanen.

Vorrangige Aufgabe der Berater ist es, mit den Gläubigern einen Vergleich auszuarbeiten. Denn bei einer privaten Insolvenz kämen nicht nur Verfahrenskosten auf den Betroffenen zu, es müssten auch strengere Regeln eingehalten werden.

Die meisten Klienten sind ALG II-Bezieher und Hartz-IV-Empfänger und kommen auf Anraten der Fallmanager im Jobcenter. Finanzielle Probleme seien nun mal ein Hemmnis, um den Betroffenen wieder in Arbeit zu bringen. Aber natürlich könnten sie auch aus freien Stücken kommen. In der täglichen Auseinandersetzung hat Karin Bottin des öfteren den Eindruck, dass die Gläubiger froh sind, wenn sich ihre Beratungsstelle einschaltet. „Natürlich lassen manche auch erst einmal Dampf bei mir ab“, zeigt sie Verständnis für jene, die für Waren und Dienstleistungen nicht entlohnt wurden. Aber am Ende sei vielen der Spatz in der Hand lieber, als ewig auf ausstehendes Geld zu warten – und das vielleicht vergebens.

KONTAKT:
Warschauer Straße 26 b,Telefon 0 36 43 - 9 08 73 50

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