Die ewige Online-Ruhe - Damit das digitale Leben nach dem realen Tod nicht weiterläuft

Viele Menschen bestreiten heute ihre halbes Leben online. Nach ihrem Tod müssen Accounts aufgespürt und Konten gelöscht werden.
 
Marko Kunig ist geschäftsführender Gesellschafter des digitalen Nachlass-Verwalters Pacem Digital aus Vollersroda. (Foto: Privat)
Vollersroda: Pacem Digital GmbH |

Nach dem Tod geht für viele das Online-Leben weiter. Denn kaum einer kümmert sich um den digitalen Nachlass. Bis jetzt. Ein Thüringer Unternehmen, Pacem Digital aus Vollersroda, hat die Nische entdeckt und rennt mit seinem Angebot offene Türen der Bestatter ein.

„Wir hinterlassen fast überall unsere digitalen Spuren“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Marko Kunig: in Datenbanken von Unternehmen, in Social-Media-Profilen oder bei digitalen Verträgen. Und diese Spuren verwischen nicht nach dem Tod. Allein bei Facebook, so manche Schätzung, sind bis zu 30 Prozent der Karteichleichen echte Leichen. „600 Freunden wird dann automatisch weiterhin der Geburtstag angezeigt. Und es laufen lauter Glückwünsche ein, obwohl die Person vielleicht schon ein halbes Jahr tot ist“, bedauert Hans-Joachim Möller, Vorstand im Verband unabhängiger Bestatter e.V. „Es ist eine traurige Geschichte, dass man sagen muss: Die sozialen Netzwerke gehen einfach vom ewigen Leben aus.“

„Es hat jeder so seine kleinen Privatgeheimnisse, die über den Tod hinaus niemanden etwas angehen.“


Damit der Verstorbene auch aus der Onlinewelt scheidet, benötigt Kunig keine Kennwörter oder Account-Hacker. Ob soziale Netzwerke, Onlinebanking oder Datingportale - „wir schreiben alle persönlich an.“ Eine eigens entwickelte Spezialsoftware verrät ihm, wohin die E-Mails gehen müssen. „Wie das funktioniert, ist aber ein kleines Firmengeheimnis.“ Nur so viel offenbart er: Die Suche sei kein reiner Datenbankabgleich und das Unternehmen erreiche 98 Prozent aller genutzten Internetseiten.

Den Stand der Recherche haben die Angehörigen oder der Bestatter immer im Blick. Stoßen die digitalen Nachlassverwalter auf einen Account des Verstorbenen, fragen sie die Hinterbliebenen: Soll er gelöscht oder an die Erben übertragen werden? Nach einem Viertel- bis halbem Jahr, ist der digitale Nachlass aufgelöst. „Wir bleiben dran, bis alles beendet ist“, verspricht Kunig.

Auch auf die Post der Verstorbenen bekommen die Erben in der Regel Zugriff. Allerdings sei es durch den deutschen Datenschutz teilweise nicht immer leicht, die Inhalte der E-Mails an die Hinterbliebenen weiterzuleiten. Dabei sind sie oft eine wertvolle Hilfe auf weitere Vertragsverhältnisse des Verstorbenen.

Kunig selbst liest keine dieser privaten E-Mails. Überhaupt sei Diskretion oberstes Gebot seiner Arbeit. „Es gibt beispielsweise Portale, in denen Verstorbene Mitglied sind, von denen die Angehörigen gar nichts wissen möchten - beispielsweise Dating- oder Erotikportale.“ Stillschweigend löscht er dann diese Accounts. Für Möller die richtige Entscheidung: „Es hat jeder so seine kleinen Privatgeheimnisse, die über den Tod hinaus niemanden etwas angehen.“

„Onlinefirmen kommen ja nicht von sich aus auf jemanden zu und fragen: Lebst du noch?"


Das Wichtigste bei der Recherche sei aber, eventuell vorhandenes Guthaben zu finden. „In der heutigen Zeit ist es tatsächlich so, dass die Leute oftmals bei Versandhändlern wie Amazon oder Bezahlportalen wie PayPal oder ClickAndBuy Konten haben, bei denen sogar Guthaben vorhanden sind“, sagt Möller. „Zum Beispiel die Bildagentur Fotolia: Dort haben viele Hobbyfotografen Bilder eingestellt, die auch bezahlt werden. Da läuft ein Guthaben auf, von dem die Angehörigen einfach nichts mitbekommen. Diese Onlinefirmen kommen ja nicht von sich aus auf jemanden zu und fragen: Lebst du noch?“

Doch auch auf offene Rechnungen stößt Kunig. „Wer viel im Netz unterwegs war, hat vielleicht noch irgendwelche Abos oder Versicherungen abgeschlossen und jährlich wird irgendetwas abgebucht. Dann gilt es, den finanziellen Schaden abzuwenden.“ Oft wissen die Hinterbliebenen gar nichts von den Abbuchungen. „Sie können ja heutzutage fast nicht mehr ohne Kreditkarte oder ohne einen Onlinebezahldienst im Internet kaufen oder buchen“, sagt Möller. „Überall haben wir diese digitalen Bezahlweisen, wo Geldströme hin und her bewegt werden. Nehmen Sie zum Beispiel eine reine Onlinebank, die Ihre Kontoauszüge nicht nach Hause schickt, sondern alles online abgewickelt.“ Aus Möllers Sicht ist das Angebot daher auch für die Wirtschaft interessant. „Es ist gut für einen Bezahldienst oder Onlineversand zu wissen, dass ihr Kunde nicht mehr lebt. Ich glaube, es ist für beide Seiten eine echte Win-Win-Situation.“

So könne auch verhindert werden, dass Kriminelle die Accounts der Toten nutzen könnten. Was leicht passieren kann, warnt Kunig: „Wenn ich eine Traueranzeige lese, kenne ich dann meist den Namen, das Geburtsdatum, den Geburtstort und einen Wohnort. So finde ich leicht die genaue Anschrift. Und sofort habe ich die digitale Identität eines Toten.“ Das Unternehmen wisse schließlich nicht, dass ihr Kunde schon verstorben sei.

Noch sei das Thema digitaler Nachlass bei den Bestattern dennoch nicht so akut, wie es aus Kunigs Sicht sein müsste. „Die Bestatter müssten so eine Leistung in ihrem Beratungsgespräch aufnehmen, wie sie auch über Trauerredner, Blumen oder die Rentenversicherung sprechen. Schließlich sind acht von zehn ihrer Kunden im Internet.“ Möller stimmt zu: „Wir haben als Bestatter wirklich die Pflicht, Sorge zu tragen, dass wir die Angehörigen auch dementsprechend informieren.“

Die Rechtssprechung lahmt ebenso. „Die digitale Welt hat sich schneller entwickelt, als der Gesetzgeber hinterhergekommen ist“, klagt Möller. „Weil sich auch noch keiner weiter Gedanken darüber gemacht hat“, ergänzt Kunig. „Aber das wird von der EU jetzt angegangen. Die Unternehmen arbeiten auch daran Es werden sicherlich in den nächsten Monaten Lösungen kommen müssen.“ Da aber bisher europaweit noch kaum Lösungsansätze bestehen, will das Thüringer Unternehmen jetzt auch international durchstarten.

Kontakt

www.pacem-digital.com
www.bestatterverband.de
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