Glücklich im Provisorium. In der Weimarer Stadtkirche predigten Luther und Herder – Heute ist sie eins der meistfrequentierten Denkmale in der Stadt

  Weimar: Herderkirche | Text: Simone Schulter

„Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Das spricht der Engel zu den Hirten, bevor diese sich auf den Weg machen nach Bethlehem, zu Maria, Josef und dem Christuskind. Alljährlich zu Heiligabend sind diese Worte zu vernehmen, wenn man sich zum Krippenspiel zusammenfindet.

Tausendmal gesprochen, tausendmal gehört. Und doch wird in diesem Jahr alles etwas anders sein – in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, die im Volksmund auch Herderkirche genannt wird.

Denn diesmal wird die Gemeinde nicht auf Bänken sitzen, sondern auf Stühlen. Der berühmte Cranachaltar ist durch eine transparente Hülle geschützt, die Kanzel verhüllt. Alles gleicht einem Provisorium und kündet zugleich von großer Freude.

200.000 Besucher kommen alljährlich in die Kirche, mehr als ins Goethehaus. „Nach Buchenwald ist die Kirche das am meisten frequentierte Denkmal in der Stadt“, ordnet Superintendent Henrich Herbst die Bedeutung des Gotteshauses ein, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Seit dem 1. Advent kann die Kirche vorerst wieder genutzt.

Anfang des Jahres starteten hier die Bauarbeiten. Bis zum Jahr 2016 und damit rechtzeitig vor den Feierlichkeiten zur 500. Wiederkehr der Reformation soll die Herderkirche restauriert sein. Zudem entsteht direkt nebenan das Herderkirchzentrum mit einem Saal, neuen Räumen für den Kirchenladen als Anlaufpunkt für Touristen sowie Platz für Kantorat und Verwaltung. Zwei Wohnungen komplettieren den Gebäudekomplex, der zwei Alt- und zwei Erweiterungsbauten als Ensemble vereint.

Pünktlich zum Beginn der Weihnachtszeit konnte der erste Bauabschnitt in der Kirche abgeschlossen werden. Eine Fußbodenheizung und die Temperierung der Wände sorgen künftig für ein Raumklima, dass dem Altar, den Epitaphien, dem gesamten Innenraum weniger zusetzen wird. „9 Grad Celsius soll die Grundtemperatur betragen“, so Pfarrer Sebastian Kircheis. Und das ganzjährig. Damit könne der verschleißenden Nutzung entgegengewirkt werden.
Für die neue Fußbodenheizung mussten die alten Fliesen abgeschliffen und neue verlegt werden. Im Kirchenschiff tritt der Besucher nun auf rote Tonziegeln. „Diese Wahl fand ich anfangs fast zu mutig“, gibt Superintendent Herbst zu. Doch hätten spätere archäologische Funde bestätigt, dass genau solche Ziegeln früher schon einmal verbaut worden waren. Zu Zeiten, als Gottfried Herder hier predigte. „Wir haben uns damit ein Stück der Weimarer Klassik angenähert.“ Im Altarraum wurde Ehringsdorfer Travertin verwendet. Er kommt direkt aus dem gleichnamigen Weimarer Vorort. Der Innenraum strahlt rosafarben, gelb, grau, gold. All diese Farben konnten historisch nachgewiesen werden. Sie bringen Lichte und Weite.

Während des 1. Bauabschnittes wurden auch zwei neue Chorfenster im Altarraum eingebaut, fünf Epitaphien restauriert. 1,5 Millionen Euro hat alles gekostet. Finanziert wurde dies durch Mittel aus dem Unesco-Förderprogramm, durch den Bund, das Land, die Stadt Weimar und die evangelische Kirche. Allein 36.000 Euro steuert die Kirchgemeinde Weimar zu. Das Geld kam durch Spenden, den Verkauf alter Bodenfliesen als Souvenir und einer Herdercard mit besonderen Vergünstigungen wie regelmäßige Baustellenführungen zusammen.

„Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Gleich drei Mal werden diese Worte zu Heiligabend in der Herderkirche zu hören sein. Drei Gottesdienste mit Krippenspiel sind am 24. Dezember geplant. Bis ins Frühjahr hinein will man die Kirche nutzen. Im April beginnen dann die Arbeiten für den 2. Baumabschnitt. Erst wenn alles fertig ist, werden die Kirchenbänke und die Besucherinformation wieder eingeräumt. Rund 4 Millionen Euro schlagen am Ende für Herderkirche und Herderkirchzentrum zu Buche. Doch der Aufwand wird sich lohnen. Zum Reformationsjahr wird die Herderkirche ein besonderer Besuchermagnet werden, denn hier predigte Martin Luther einige Mal höchstselbst.
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