Nur eine Frage: Wann ­schimpfen Sie wie ein ­Rohrspatz, Frau Dr. Glesner?

Spatzen schimpfen schon von klein auf, sagt man. Dabei ist der Rohrspatz ein Trivialname der Rohrammer. Diese singt oft sehr ausdauernd und gut hörbar im Schilf von einer Singwarte aus. Der Gesang klingt etwas unmelodisch und rau. (Foto: Pixelio/Rafi)
Weimar: "Klassik Stiftung Weimar" |

- Die Antwort kommt von Dr. Julia Glesner, Sprecherin der Klassik-Stiftung Weimar
- Schon Dichter Christoph Martin Wieland kannte die Redensart.
- Knarrender Ton, dumpfer und gröber als das Knarren der Nachtigall.

Wie ein Rohrspatz schimpfe ich, wenn mich etwas so ge­ärgert hat, dass ich dem nur noch in einem lauten ­Schimpfen oder einem lärmenden Wortschwall Ausdruck geben kann. Namensgebend für diese Redensart ist der Rohrspatz, auch Rohrammer genannt, der unserem Haussperling ähnelt.

Belegt ist die Redensart seit dem 18. Jahrhundert – so auch bei Christoph Martin Wieland, einem der erfolgreichsten Schrift­steller dieser Zeit, der in „Pervonte oder die Wünsche. Ein neapolita­nisches Märchen“ (1778-96) schreibt: „Ich weiß es noch, als wär‘s von gestern her; Besinne mich gar wohl, wie Ihr die Nase rümpftet und wie ein Rohrspatz auf mich schimpftet“ (2. Teil, Vers 56).

Die Stimme eines Würgers


Wielands Zeitgenosse, der Vogelkundler Johann Friedrich Naumann, schreibt über diesen Vogel: „Seine Lockstimme ist ein schnalzendes tiefes Tack oder Zatsch und ein knarrender Ton, dumpfer und gröber als das Knarren der Nachtigall. Dies tiefe schnarchende Karr oder Scharr hört man besonders, wenn er ­etwas Auffallendes in seiner Nähe bemerkt. In der Angst stößt er harte schäckernde Töne aus, die der Stimme eines Würgers ähneln, und die Jungen haben, solange sie der elterlichen Pflege bedürfen, eine quäkende Stimme, die dem Lockton des Bergfinken gleicht.“

Wieso das Schimpfen dieses Vogels vom Volksmund liebevoll als Schimpfen verstanden wird, berichtet Kurt Krüger-Lorenzen in seinen „Deutschen Redensarten“: „Unserem Jäger fällt er bei der Pirsch häufig auf die Nerven, weil der Rohrspatz blitzschnell reagiert und Warnrufe ausstößt."

Dr. Julia Glesner

...ist die Pressesprecherin der Klassik-Stiftung Weimar, zu der auch das Wielandgut Oßmannstedt gehört, das rund zehn Kilometer nordöstlich von Weimar liegt. Das Wieland-Museum und der Park mit der Grabstätte des Dichters sind ein beliebter Ausflugsort.

Mehr Infos: www.klassik-stiftung.de
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Renate Jung aus Erfurt | 07.08.2015 | 19:27  
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