Ausziehen, danach ankleiden in Lack: Die „Dicke“ zeigt ihr neues Kleid in Weimar

Letzter Pinselstrich: Steffen Kloseck vor der DDR-Diesellok Baureihe 118. Der Thüringer Eisenbahnverein feiert 25. Geburtstag und die „Dicke“ ist ein Eigengeschenk.
   
Lokparade vor dem Lokschuppen.
Weimar: Bahnbetriebswerk |

Eine DDR-Diesellok 118 entblößt Steffen Kloseck ganz allein von Rost und Altfarbe, um sie im neuen Lack wieder anzukleiden. Zu sehen sein wird der stählerne Koloss zum 21. Eisenbahnfest am 28. und 29. Mai in Weimar.


Der Maler

"Um ein guter Maler zu sein, braucht es vier Dinge: Weiches Herz, feines Auge, leichte Hand und immer frischge­waschene Pinsel", sagte der deutsche Maler Anselm Feuerbach (1829  - 1880). Das mag einem Künstler an der Staffelei noch genügen. Doch, wenn Steffen Kloseck vom Thüringer Eisenbahnverein vor einer historischen Lok oder einem Waggon der Deutschen Reichsbahn steht, muss er feststellen, dass nicht einmal die blecherne "Leinwand" fehlerfrei ist. Die Lok­außenhaut zeigt sich oft beschädigt, verrostet und mit zig Lackschichten überzogen. Und in gewisser Weise ist der Ober­lackierer auf dem Gelände des Bahnbetriebswerkes Weimar auch ein Künstler. ­Fan­tasie wird da oft gefragt.

Der Start

Bevor Steffen Kloseck überhaupt mit dem Farbenspiel starten kann, gilt es erstmal: reinigen, schleifen, schmirgeln, ausbessern. Sein jüngstes Kunstwerk ist ihm noch gut in Erinnerung - die größte in der DDR gebaute Diesellok, der Baureihe 118 aus dem Jahr 1969. ­­ 


Die Vorgeschichte

"Im vergangenen Jahr kam der rund 95-Tonnen-Gigant insWeimarer Vereins­domizil. Zuvor verrichtete die ­‚Dicke‘ - ausgestattet mit zwei 12-Zylinder-V-Motoren die zweimal 1000 PS ­leisteten - bis 2009 ihren Dienst bei einer privaten Bahn in ­Magdeburg", sagt Kloseck. Dann kam sie mit Motor­schaden nach Chemnitz. Von dort holte sie der Thüringer Eisenbahnverein, um sie ­museal aufzupeppen.  

Der Außerirdische

Jetzt stand das Häufchen Elend im Lokschuppen an der Ilm und wartete auf das weiche Herz, das feine Auge und die leichte Hand von Künstler Kloseck. Doch der kam mit der Flex und dem ersten Paket Schleifscheiben. Und er richtete nicht schwungvoll seinen Künstlerschal, sondern Atemschutz und Schutzbrille. Von Juni bis September be­freite der Bahn-Enthusiast den stählernen Koloss vom ­alten Lack und Rost. Schubkarrenweise wurde das Schleifgut aus der Halle geschafft. "Ich habe wohl mehr als 300 Schleifscheiben verbraucht", sagt Kloseck. Nach einem Arbeitseinsatz kam er sich oft wie ein Außerirdischer vor, der sämtliche galaktischen Staubteilchen auf dem Weg zur Erde eingesammelt hat.  


Der Vereinsaktivist

Der Weg ist das Ziel für den Erfurter - abklopfen und weiter geht’s. "Das ist mein ­Hobby, ich ziehe das durch", sagt der gelernte Bankkaufmann. "Es ist nicht immer einfach Familie, Freundin, Beruf und Vereinsleben unter einen Hut zu bringen. Doch ich kenne nur Lösungen", sagt Kloseck, der Kassenwart im Verein ist. So wundert es nicht, wenn der 39-Jährige auch schon mal morgens 4 Uhr im Lokschuppen den Pinsel schwingt. Es sind ja noch sechs Stunden bis zum Arbeitsbeginn beim Service einer Privatbahn. "Da kann man einiges schaffen", so Kloseck, der seit 21 Jahren im Verein aktiv ist.  


Der Einzelkämpfer

Da muss man schon sehr bahnverrückt sein, um als Einzelkämpfer - lediglich bei der Fahrgestell-Lackierung half die "Jugendbrigade" mit - eine Diesellok zu ­entblößen und danach wieder vier Wochen lang in Lack neu einzukleiden. "Die Qualität muss stimmen. So mache ich es lieber selbst", sagt Steffen Kloseck. Der harte Kern des 35 Mitglieder zählenden Vereins ist eben vielseitig. "Der eine schraubt, der andere mauert und zimmert, der nächste ist gärtnerisch begabt. Das ­riesige Gelände braucht ­jedes Talent", so der Lackspezi.  

Die Selbstkasteiung

Und das alles verwundert umso mehr, da der Berufs- und Hobby-Bahner das Malern früher gehasst hat. "Ich hatte mit Farbe nichts am Hut." Das nennt man dann wohl künstlerische Selbst­kasteiung oder Selbstheilung, denn seit 1995 hat Steffen Kloseck rund 60 Loks und Waggons lackiert. ­ 

Die Mangelwirtschaft

Auch die 200 Quadrat­meter große "Leinwand" der ­"Dicken" 118 zieren jetzt ­wieder 50 Liter frische Farben in ­Elfenbein-, Rot-, Schwarz- und Grau-Ton - ein Gemälde auf Rädern. Es hätten auch zwei bis drei Liter mehr sein können. Doch der "Bahn-Maler­meister" gestaltete die Diesellok in originaler Sparlackierung der 1970er bis -80er-Jahre - im Look der DDR-Mangelwirtschaft. "Wir ­hatten doch nischt, so wurde der elfenbeinfarbene ­Streifen nur über die Frontpartie ge­zogen und nicht um die gesamte Diesellok", so Steffen Kloseck. Dennoch würde der Maler Anselm Feuerbach sagen: "Das echte Kunstwerk bildet uns, indem wir es genießen."


TERMINE + INFORM@TIONEN

21. Weimarer Eisenbahnfest, am 28. und 29. Mai, Bahnbetriebswerk, Eduard-Rosenthal­straße, von 9 bis 17 Uhr, stündlich: Pendelzug vom Hauptbahnhof zum Festge­lände
Infos: » thueringer-eisenbahnverein.de

ZUR SACHE

Mehr Thüringer Eisenbahn-Romantik
• Heiligenstadt: www.hev-ev.de
• Meinigen: meininger-dampflokverein.de
• Eisenach: www.ige-werrabahn-eisenach.de
• Gera: www.geraer-eisenbahn­welten.de
• Schmiedefeld: www.rennsteigbahn.de
• Arnstadt: www.ebm-arnstadt.de



Das Eisenbahnfest - 25 Jahre Thüringer Eisenbahnverein

Das 21. Weimarer Eisenbahnfest am 28. + 29. Mai steht unter dem Motto "25 Jahre Thüringer Eisenbahnverein e. V.".

Der Verein, welcher sich 1991 aus einer Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Modelleisenbahnerverbandes der DDR gegründet hat, war Anfangs in Erfurt-West zu Hause und führte dort mit weiteren Vereinen des Traditionsbetrieb auf der Strecke Erfurt Hbf - Erfurt/West - Bindersleben durch. Diese Strecke war zu DDR Zeiten die einzige offizielle Museumsbahnstrecke im Osten Deutschlands. Leider musste der Museumsbetrieb 1993 eingestellt werden und der Traditionsbahnhof wich einem Wohngebiet.

Der Verein, welcher 1994 seine erste eigene Lok, die Dampflok 52 8109 kaufte, musste daraufihn ein neues Domizil finden und wurde im alten Bahnbetriebswerk Weimar fündig. Die als Einsatzstelle des Bw Erfurt geführte Dienststelle befand sich innerhalb der Bahnreform mitte der 90er-Jahre in der Auflösung. Anfangs mit einer Lok und vier historischen Eisenbahnwagen gestartet, wuchs die Sammlung auf nun mittlerweile stattliche 32 Lokomotiven, diversen Eisenbahnwaggons aus vergangenen Zeiten sowie weiteren historischen Fahrzeugen aus DDR Zeiten an.

Das Gelände des Bahnbetriebswerkes Weimar ist seit 1980 als Kulturdenkmal des Freistaates Thüringen ausgewiesen. Mittlerweile wurde das gesamte Lokschuppendach erneuert und die Restaurationsarbeiten auf dem Gelände und an den Fahrzeugen sorgen für jede Menge Arbeit der Vereinsmitglieder.

Zum Eisenbahnfest selbst werden neben den in Weimar beheimateten Museumsfahrzeugen auch viele Gastfahrzeuge zu sehen sein. Zum Eisenbahnfest gibt es eine große Lokparade vor dem Lokschuppen, Fahrten auf der Drehscheibe, Pendel- und Schnupperfahrten sowie große Modellbahnbörse im Lokschuppen statt. So wird erstmals eine Kultdiesellok "Nohab" aus den 60er-Jahren in Weimar präsentiert. Auch wird der letzte erhalten gebliebene vierteilige Doppelstockzug aus DDR Zeiten zu sehen sein.

Es werden Führerstandsmitfahrten auf einer Dampflok angeboten, welche die Herzen der Besucher höher schlagen werden und eine Publikumsmagnet sind. Für die kleinen Besucher gibt es eine Kindereisenbahn und Hüpfburg. Zusätzlich werden mehrere alte DDR Feuerwehrfahrzeuge zu sehen sein genauso wie weitere historische Fahrzeuge aus DDR Zeiten wie ein alter Ikarus Bus oder der gute alte Trabi.

Geöffnet ist das Fest an beiden Tagen jeweils von 9 bis 17 Uhr, für Fotofreunde bereits ab 8 Uhr.

Zu erreichen ist das Gelände mit dem Pkw über Eduard-Rosenthalstraße, mit der Stadtbuslinie 3 in Richtung Tiefurt oder mit dem Pendelzug vom Weimarer Hauptbahnhof, welcher stündlich verkehrt. Die Vollsperrung der Eduard-Rosenthalstraße soll zum 21. Mai aufgehoben werden, insofern es nicht zu Bauverzögerungen kommt. Anosonsten gilt die Umleitungsstrecke durch Tiefurt.



Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige