Wo die Güllesprühanlage orgelt: Bald ist wieder Festspielzeit in Stelzen bei Reuth

(Foto: Roland Barwinsky)
 
(Foto: Roland Barwinsky)
Tanna: ... |

Über den Köpfen hunderter Menschen ist es dunkel, alles Licht auf die Bühne gerichtet. Aus einem Gerät, das wie eine Güllesprühmaschine aussieht, erklingt Musik. In die Melodie mischen sich Kuckucksuhren, jemand spielt Saxophon und aus dem Dunkel marschieren Dudelsackspieler gen Bühne. Der Spot wandert entlang der Saaldecke zu einem Kronleuchter, der plötzlich die Arme ausbreitet und mittels Melkgeschirren und Milchkannen ebenfalls Musik macht. Derweil lässt jemand auf der Bühne einen Traktormotor an und Tischtennisbälle ploppen den Takt. Ein Mann trägt inbrünstig das "Ave Maria" vor. Und während die Zuschauer "Der Mond ist aufgegangen" singen, lässt jemand geräuschvoll Luft aus einem Ballon.

Nein, das ist kein wirrer Traum. Sondern die Landmaschinensinfonie - seit 1994 Höhepunkt der jährlich stattfindenden Festspiele in Stelzen bei Reuth. Unwissenden sei kurz erklärt, warum die Stelzenfestspiele Stelzenfestspiele heißen: Zur Festivalzeit Ende Juni laufen die Bewohner nicht auf Stelzen um die Wette. Stelzen ist ein kleines vogtländisches Dorf an der thüringisch-sächsichen Grenze. Und weil das Örtchen Reuth in der Nähe liegt, bedient man sich des Wortspiels Stelzen bei Reuth.
Gründer und Festspielleiter Henry Schneider nannte AA-Autorin Jana Scheiding fünf gute Gründe, das "Wochenende der Superlative" zu besuchen.

1.
Zum Festival gibts was auf die Ohren: nicht nur Brahms & Co., auch rasselnde Säbeltänze - zum Beispiel, und zwar erstmals unter freiem Himmel. Derzeit studieren etwa 100 Akteure die experimentelle Landmaschinensinfonie ein. Weiteres Novum: eine elektrische Knochenmühle.

2.
Bachs unvollendete Markus-Passion wird zur ausdrucksstarken Symbiose aus darstellender und klingender Kunst. Pantomime und ein Gebärdenchor machen das Konzert in einer Freiluftaufführung insbesondere für hörgeschädigte Menschen zum Erlebnis.

3.
Spannende Vorträge: Prof. Hellmuth Obrig, Facharzt für kognitive Neurologie am Max-Planck-Institut Leipzig, erläutert unter dem Motto "Vom Hirn zur Hand", was sich im Kopf von Links- und Rechtshändern abspielt. Literaturkritiker Jürgen Verdofsky beleuchtet rechts und links im Sprachgebrauch. Rechts- und linkshändige Musiker geben ein Konzert.

4.
Tanzende Hände: Zuschauer erleben ein Konzert, bei dem Musiker auf einem Instrument Töne erzeugen, ohne es zu berühren. Der Russe Lew Termen, der sich in den USA Leon Theremin nannte, erfand das Theremin 1920, das mittels eines elektromagnetischen Feldes funtioniert. Dabei beeinflusst die Position der Hände gegenüber zwei Antennen die Stärke der Veränderung. Die sich ändernde Schwingung des Feldes wird verstärkt und als Ton über einen Lautsprecher ausgegeben.

5.
Die gesamte Dorfbevölkerung ist im Einsatz, kümmert sich um Kultur, Versorgung und Besucher.


Henry Schneider wurde 1955 in Gefell geboren, studierte Bratsche an der Weimarer Hochschule für Musik. Seit 1979 ist er Mitglied des Gewandhausorchesters Leipzig. 1993 gründete er die Stelzenfestspiele bei Reuth.

Die Stelzenfestspiele 2015 finden vom 26. bis 28. Juni statt.
www.stelzenfestspiele.de


https://www.youtube.com/watch?v=5HAhtdSEozs

Fotografische Impressionen vergangener Jahre sammelte unser Korrespondent Roland Barwinsky.
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4 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 17.06.2015 | 00:37  
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Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 18.06.2015 | 22:20  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 19.06.2015 | 11:17  
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Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 22.06.2015 | 16:10  
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