Kehrseite der Medaille: Wie stehen Landwirte zur Tierhaltung wie im Bilderbuch?

Es ist unscheinbar, was Landwirtin Petra Hirsch in den Händen hält: Eine Glasscherbe. Die findet sie regelmäßig auf ihrer Kuhweide, weil gleich neben der Weide Jugendliche auf einem idyllisch gelegenen Rastplatz Party machen.
 
Gerald Hirsch steht mit einer Glasscherbe und einer kleinen Schnapsflasche auf der Kuhweide. Im Hintergrund ist der Rastplatz zu sehen.
Oettersdorf: Landwirtschaftsbetrieb Hirsch |

Massentierhaltung steht immer wieder in der Kritik. Und wenn in einer Zuchtanlage die bei den Tierschützern eh schon umstrittenen gesetzlichen Auflagen nicht erfüllt werden, gerät schnell die gesamte Branche in Verruf.

Wenn die Massentierhaltung so verpönt ist, welche Art von Tierhaltung ist denn gewünscht? Wie sieht das Idealbild der Tierhaltung aus, das bereits den Kindern vermittelt wird? Schaut man in Kinderbücher, sind kleine Bauernhöfe zu entdecken, auf denen zwei Pferde, ein paar Kühe und Schweine und zwischendrin noch Hühner und Gänse gehalten werden. Es gibt ein bisschen Wiese und vielleicht drei Hektar Feld.

Der heutige Landwirt, der mit seiner Landwirtschaft Geld verdienen muss, kann über dieses Bild der Tierhaltung nur mit dem Kopf schütteln. So auch die Hirschs aus Oettersdorf, die seit 1992 ihren Hof wieder privat betreiben. „Die Menschen wünschen sich eine Tierhaltung wie im Bilderbuch. Was da den Kindern vorgegaukelt wird, erweckt den Eindruck eines glücklichen Landlebens. Allerdings kann auf diese Art und Weise kein Landwirt kostendeckend produzieren“, so Gerald Hirsch. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht derartige Bauernhöfe gibt. „Es sind oftmals Aussteiger, die solche Höfe betreiben“, erklärt er. Die zweite Kategorie sind laut Hirsch reiche Leute, die mit der Landwirtschaft kein Geld verdienen müssen.

Seit Jahren werden die Preise für Fleisch und Milch von den Handelsketten diktiert. „Kaum ein Verbraucher macht sich Gedanken darüber, dass bei derart niedrigen Lebensmittelpreisen kosteneffektiv produziert werden muss“, resümiert Gerald Hirsch. Getreide könne man noch zurück halten, bis der Ankaufspreis wieder steigt. Bei Milch geht das nicht: „Wir können bei der Milchkuh nicht einfach den Hahn zudrehen“, so Petra Hirsch.

Etwa 15 Mutterkühe plus die Nachzucht haben die Hirschs. „Die Mutterkuhhaltung funktioniert bei uns nur, weil es ein Familienbetrieb ist. Da muss nicht jede Arbeitsstunde berechnet werden“, erklärt sie und ihr Vater fügt an, dass die Mutterkuhhaltung letztlich durch den Ackerbaubetrieb finanziell gestützt wird. Aber dafür kommt die Mutterkuhhaltung der von vielen Verbrauchern gewünschten Bilderbuch-Tierhaltung recht nah. So lang es die Vegetation erlaubt, stehen die Tiere auf der Weide. Sie werden auf Grünland nahe der Stadt Schleiz gehalten, das für sonstige Maschinenbearbeitung nur schlecht zu gebrauchen ist. Das sei durchaus üblich und wird so auch von anderen Landwirtschaftsbetrieben praktiziert.

Jetzt kommt die Kehrseite der Medaille. Während Tiere in den verachteten Massentierhaltungen gegen äußere Einflüsse eher ungefährdet sind, trifft dieser positive Fakt bei der Bilderbuchhaltung auf der Weide leider nicht zu.

Die Umgebung der stadtnahen Weide ist logischerweise auch Erholungsgebiet für die Städter. Wanderer sind entlang des Wehrteiches und Birkenwäldchens unterwegs, Mütter mit Kinderwagen und Spaziergänger mit Hunden. Jugendliche feiern gern mal eine Party am idyllisch gelegenen Rastplatz – keine fünf Meter neben der Weide.

Genau an dieser Stelle fangen die Probleme der Bilderbuch-Tierhaltung an. Erst jüngst musste eine Milchkuh wegen einer eingetretenen Glasscherbe behandelt werden. „Ohne darüber nachzudenken, werfen die Jugendlichen ihre leeren Bier- und Schnapsflaschen auf die Weide“, zeigt sich Petra Hirsch entsetzt. Ebenso wenig begeistert zeigt sie sich, wenn Weidepfähle heraus gerissen werden, wenn Hunde auf der Weide buddeln oder Äste hinein schleppen, wenn Mütter mit Kinderwagen mitten durch die Kuhherde spazieren und wenn Gartenabfälle entlang der Weide entsorgt werden. So entstehen unnötige Gefahren nicht nur für die Tiere. Zur Rede Gestellte reagieren laut Petra Hirsch unterschiedlich: „Nicht alle zeigen sich einsichtig“.

Eine gute Gelegenheit, mit den Hirschs über die heutigen Bedingungen der Landwirtschaft ins Gespräch zu kommen, ist das Maislabyrinth. Das hat ab Samstag, dem 9. August, am gewohnten Platz an der B2 gegenüber von Oettersdorf geöffnet. Thema ist diesmal Ägypten.

Fotos:
Hauptbild: Es ist unscheinbar, was Landwirtin Petra Hirsch in den Händen hält: Eine Glasscherbe. Die findet sie regelmäßig auf ihrer Kuhweide, weil gleich neben der Weide Jugendliche auf einem idyllisch gelegenen Rastplatz Party machen. Weitere Fotos auf meinanzeiger.de.

Wenn noch Platz für ein kleines Bild ist, dann entweder das Kuhporträt ohne weiteren Bildtext oder dass mit Landwirt Gerald Hirsch: Gerald Hirsch beim regelmäßigen Kontrollgang über die Weide der Mutterkühe.
1
1
1
1
1
3
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
7 Kommentare
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 07.08.2014 | 03:46  
117
Klaus Köhler aus Gera | 07.08.2014 | 13:53  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 09.08.2014 | 10:23  
117
Klaus Köhler aus Gera | 12.08.2014 | 21:16  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 13.08.2014 | 01:49  
1.604
Mike Picolin aus Gera | 13.08.2014 | 11:57  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 15.08.2014 | 01:01  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige