"Angsträume" – Sonderausstellung über Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen

Besucherinnen der Ausstellung informieren sich über einen Fall rechter Gewalt in Mühlhausen.
 
Ein Ausstellungsbesucher vor der Tafel mit dem Thema der Ausstellung.
Das Museum im Unteren Schloss Greiz zeigt bis zum 17. März 2013 eine Sonderausstellung mit dem Titel "Angsträume – Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen". Die Exposition ist ein Ausstellungsprojekt, das durch die enge Zusammenarbeit zwischen der ezra, den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz sowie Schülern des Ulf-Merbold-Gymnasiums Greiz realisiert wird.

„Ängste sind uns allen bekannt, sie sind individuell spezifisch und vielschichtig. Die Ursachen können vielgestaltig sein. Problematisch wird es, wenn Ängste existenzbedrohend werden und trotzdem selbstverständlich zum gesellschaftlichen Alltag gehören", sagte Museumsdirektor Rainer Koch zur Eröffnung der Ausstellung, die genau diese Problematik thematisiert. "Rechte Gewalt ist auch ein perfides Spiel mit diesen Ängsten. Ein Thema, welches alle gesellschaftlichen Kräfte mobilisieren sollte, aber gerne als Problem gesellschaftlicher Randgruppen abgetan wird", so Koch weiter, der an eigenes Erleben erinnerte. Als Jugendlicher in Quedlinburg war er mit den Brüdern Ingo und Silvio befreundet. Währen Ingo zu DDR-Zeiten die Gewalt der Staatsmacht zu spüren bekam – er wurde in Bautzen inhaftiert, weil er eine DDR-Flagge abgerissen und in einem Kanal "entsorgt" hatte – wurde Silvio 1992 in Berlin auf offener Straße von Neonazis erstochen. "Die Eltern sind an diesem unfassbaren Schicksal regelrecht zerbrochen und haben Jahre gebraucht, um nach diesem Verlust wieder ins Leben zurückzufinden", weiß Koch.

Doch man muss nicht nach Berlin fahren, um rechte Gewalt zu erleben. Denn: „Greiz ist von rechter Gewalt betroffen.“ Der das sagt, möchte seinen Namen nicht veröffentlicht wissen. Weil er Angst hat und schon erfahren musste, dass man für seine Positionierung gegen rechte Gewalt Drohungen und Pöbeleien erntet. Dennoch hat sich der junge Mann mit vier weiteren Schülern des Greizer Ulf-Merbold-Gymnasiums positioniert. Gegen rechte Gewalt. In einer Seminarfacharbeit haben sie sich mit dieser Problematik auseinandergesetzt.
Diese Seminarfacharbeit ist Teil der aktuellen Sonderausstellung, in der das Museum im Greizer Unteren Schloss anhand 15 konkreter Fälle aus Thüringen aufzeigt, dass diese Gewalt überall auftreten und jeden treffen kann.

Konzipiert hat die Dokumentation die mobile Beratung ezra. „Wir hören fast täglich Geschichten von Angriffen auf Menschen von rechten oder rassistischen Tätern“, sagt ezra-Mitarbeiterin Christina Büttner zur Ausstellungseröffnung in Greiz. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeuten solche persönlichen Angriffe tiefe Einschnitte in ihr vertrautes Leben. „Es entstehen ‚Angsträume’. Je nachdem wo die Übergriffe stattfanden, können diese ‚Angsträume’ öffentliche Plätze, Straßenbahnwagen, Supermärkte oder sogar die eigenen vier Wände sein“, weiß Büttner.

Auch der Hof im Unteren Greizer Schloss könne solch ein Angstraum sein. Denn hier attackierten am 18. Juni 2011 Jugendliche aus der rechten Szene Besucher eines Folk-Konzertes mit Fäusten, warfen Glasflaschen und Tische nach ihnen. Es gab mehrer Verletzte. Fünf der Täter konnten gefasst und angeklagt werden. Vier wurden zu Bewährungs- bzw. Vorbewährungsstrafen verurteilt.

Zwei Tage nach dem Überfall gab es eine Demonstration, mit der sich zahlreiche Greizer gegen Rechte Gewalt positioniert haben. Christina Büttner ermutigt alle Menschen, sich zu positionieren und findet es mutig von den Greizer Gymnasiasten, mit ihrer Seminarfacharbeit an die Öffentlichkeit zu gehen.
„Wir haben uns zwei Jahre mit dem Problem ‚Rechte Gewalt’ in Greiz beschäftigt“, sagt der bereits oben zitierte Schüler, „und dabei festgestellt, dass 77 Prozent der Befragten nicht an eine Bedrohung von Rechts glauben.“ Eine Fehleinschätzung, sind die Gymnasiasten überzeugt. Haben sie doch selbst immer wieder erlebt, wie Gleichaltrige in rechtsradikale Kreise abgerutscht sind: „Früher ein Teamkollege beim Fußball, mit dem man sich normal unterhalten konnte, heute ein Glatzkopf mit Hakenkreuz-Tattoo, der einen bei jeder Gelegenheit anpöbelt und des öfteren in Schlägereien verwickelt ist“, so ihre Erfahrungen.

Deshalb finden es die Greizer Gymnasiasten „extrem wichtig, junge Menschen über diese Problematik aufzuklären“ und hoffen, mit der Ausstellung und mit Führungen, die sie anbieten, „der Greizer Bevölkerung, vor allem der Jugend, die Augen öffnen zu können.“

Information: „Angsträume – Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen“ bis zum 17. März 2013 im Museum im Unteren Schloss Greiz. Geöffnet ist täglich (außer montags) 10 bis 17 Uhr.
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