Solche und Solche - Die Greizer Kulturszene unter Beobachtung

Wann? 18.11.2012 10:00 Uhr bis 18.11.2012 17:00 Uhr

Wo? Unteres Schloss, 07973 Greiz DE
Unter den Stasi-Fotos aus den 1970er Jahren (oben, v.l. Günter Ullmann, Rudolf Kuhl, Harald Seidel und Jürgen Kornatz) die media nox-Mitglieder Kuhl, Seidel und Kornatz (v.l.) heute.
 
Vor einem großen media nox-Bild Mitte der 1960er Jahre die Musiker heute, v.l.: Rudolf Kuhl, Hermann Losch, Harald Seidel (war zum Zeitpunkt der Fotoaufnahme bei der Armee und ist deshalb nicht auf dem historischen Foto) Jürgen Kornatz und Bernd Müller.
Greiz: Unteres Schloss |

Gegen das Vergessen und die Schönfärberei: Die Ausstellung „Solche und Solche“ erinnert an die Stasi-Bespitzelung der Greizer Kunstszene

In den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelte sich in der Ostthüringer Kreisstadt Greiz eine für die „Provinz“ bemerkenswert vielfältige Kulturszene mit überregionaler Ausstrahlung. Hauptakteure waren die Holzbildhauerin Elly-Viola Nahmmacher und der Lyriker Reiner Kunze sowie die Jazz-Formation media nox. Letztere war eine Band, die 1964 von den drei Jugendfreunden Rudolf Kuhl, Harald Seidel und Günter Ullmann gegründet wurde und die spätestens 1968 ins Visier der Staatssicherheit gelangte: Die Musiker hatten sich mit dem „Prager Frühling“ solidarisiert, indem sie sich entsprechende selbstgebastelte Anstecker an die Jacken-Revers hefteten.

Und hier kommt Manfred Böhme ins Spiel, damaliger Kulturfunktionär in Greiz und engagierter Stasi-Spitzel. Der Klubhausleiter verstand es, sich in den Kreis der Jungendkultur zu integrieren. Er sprach ihre Sprache, versprach ihnen kulturelle Freiräume und verriet seine Freunde. Auch seinen besten Freund aus Greizer Zeit, Günter Ullmann. Der media-nox-Musiker verwirklichte sich in späteren Jahren als Poet. 1977 vertraute er Böhme seine Gedichte an. Dieser leitete die in einer Streichholzschachtel versteckten Zettel umgehend an die Stasi weiter. Das Ministerium für Staatssicherheit fotografierte die Blätter und ließ die Texte in Jena auf ihren subversiven Inhalt überprüfen.

Böhme war 20 Jahre lang inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit und hatte die Chuzpe, im Herbst 1989 als politischer Hoffnungsträger für das Amt des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR zu kandidieren. Seine Enttarnung durch die Entdeckung und Veröffentlichung der Stasi-Akten von Reiner Kunze verursachte 1990 einen großen politischen Skandal. „Böhme war ein ganz schlimmer Fall von Denunziantentum“, sagt Christiane Baumann, die 2009 das Buch „Manfred ‚Ibrahim’ Böhme. Ein rekonstruierter Lebenslauf“ veröffentlicht und jetzt die Ausstellung „Solche und Solche – Die Greizer Kulturszene unter Beobachtung" gestaltet hat: „Doch Böhme war kein Einzelfall. Denn 1989 gab es im Landkreis Greiz 227 inoffizielle Stasi-Mitarbeiter.“

In der zeitgeschichtlichen Sonderausstellung „Solche und Solche – Die Greizer Kulturszene unter Beobachtung“ zeigt das Museum im Unteren Schloss die perfide Bespitzelung der Künstler durch die Staatssicherheit und deren Inoffizielle Mitarbeiter von Ende der 1960er bis in die 1970er Jahre auf. Hauptprotagonisten sind die damals diese Szene prägende Persönlichkeiten. Die Ausstellung lässt Zeitzeugen jener Jahre in Videointerviews zu Wort kommen und dokumentiert anhand historischer Dokumente, Fotos, Skulpturen und Aktenauszüge den Verrat der Künstler durch all zu eifrige Stasi-Zuträger. Die zeitgeschichtliche Schau folgt den Lebensläufen der Betroffenen, stellt deren Wirken und Schaffen im Kontext des Verrats als Bestandteil des DDR-Alltags dar. „Anliegen der Ausstellung ist es, dass die Anonymität der überlieferten Stasi-Akten zugunsten von fassbaren Lebensgeschichten aufgelöst wird“, so Museumsleiter Rainer Koch.

EMPFEHLUNG: Wider der Verharmlosung, gegen das Vergessen, der Verdrängung – ein Besuch der Ausstellung sollte zum Pflichtprogramm der Schulen im Landkreis Greiz gehören! Die multimediale Schau ist bis zum 18. November täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
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