Staatssicherheit in Greiz - Helmut Müller-Enbergs stellt neue Broschüre vor

Dr. Helmut Müller-Enbergs bei seinem Vortrag im Greizer Gymnasium.
 
Dr. Müller-Enbergs sprach vor weit über 100 interessierten Zuhörern.
Greiz: Ulf-Merbold-Gymnasium | „In der Kreisstadt Greiz mit ihren 33.000 Einwohnern gab es eine Kreisdienststelle des MfS in der Lindenstraße 41. Diese Kreisdienststelle verfügte in den achtziger Jahren über durchschnittlich 18 operative Mitarbeiter und die haben Namen." So beginnt die aktuelle Broschüre „Die Kreisdienststelle Greiz und ihr inoffizielles Netz" von Dr. Helmut Enbergs. Mit Fakten, die vor einem viertel Jahrhundert aktuell waren, und Namen, die heute eigentlich keinen mehr interessieren dürften. Irrtum! Als der Autor die Broschüre in einer Gemeinschaftsveranstaltung der Greizer Bibliothek und der Stasiunterlagenbehörde Außenstelle Gera am 10. November 2011 im Ulf-Merbold-Gymnasium Greiz vorstellt, müssen zusätzliche Stühle in der Aula des Hauses aufgestellt werden, damit alle interessierten Zuhörer Platz finden.

Gut zweieinhalb Stunden spricht Dr. Helmut Müller-Enbergs über die Stasi in Greiz, präsentiert Zahlen und Fakten, nennt die offiziellen MfS-Mitarbeiter beim Namen und die „IM" beim Decknamen. Insider und Betroffene kennen die Inoffiziellen Mitarbeiter sowieso. Der prominenteste unter ihnen war sicherlich Manfred „Ibrahim" Böhme, einer der schillerndsten Figuren der Wendezeit. Bis zu seiner Enttarnung als IM. Von 1965 bis 1977 lebte Böhme in Greiz, war hier zeitweise Kulturfunktionär und bespitzelte für die Stasi vor allem Künstler wie Elly-Viola Nahmmacher, Jürgen Fuchs, Reiner Kunze und Günter Ullmann. Den Wandel Böhmes vom Anhänger des „Prager Frühlings" zum IM widmet sich in der Broschüre ein Extra-Abschnitt von Christiane Baumann.

Doch nicht nur Böhme war als Stasi-Spitzel in der Greizer Kulturszene aktiv. Denn die war dem MfS besonders suspekt und wurde als „staatsfeindlicher Untergrund" eingestuft. Der hatte in Greiz Tradition - und war lyrisch. Der Schriftsteller Günter Ullmann nannte einmal 16 Autoren, von denen nicht wenige zum „Greizer Kreis" gehörten. Doch der „Untergrund" wurde seitens der Kreisdienststelle zuallererst mit dem Schriftsteller Reiner Kunze verbunden, gegen den im September 1968 der Operative Vorgang „Lyrik" angelegt und bis zu Kunzes Ausreise im Dezember 1977 geführt wurde. Die Genossen der Kreisdienststelle verfolgten ihn in diesen knapp zehn Jahren im Schwerpunktbereich „Missbrauch der Lyrik". Der gebürtige Greizer Jürgen Fuchs, der die die Verbindungen nie abreißen ließ, und Günter Ullmann gehörten zum dem bearbeiteten Personenkreis. Acht IM, die überwiegend im Bereich Kultur arbeiteten, standen zur Verfügung. Der bekannteste war IM „Paul Bonkartz" - Manfred „Ibrahim" Böhme.

Auch nach der Ausreise von Reiner Kunze registrierte die Greizer Stasi „feindliche Zusammenschlüsse". Sie wurden im Operativ-Vorgang „Medium" verfolgt. Die Menschen, um die es darin ging, bestimmten das operative Interesse der Kreisdienststelle Greiz auch in den achtziger Jahren. Es handelt sich um Personen aus dem Zirkel „Junger Lriker" und der Jazzband „Media nox". Anlass waren Protestbriefe mit Solidaritätsbekundungen für Wolf Biermann und Reiner Kunze. Zugleich verfügte dieser Kreis über Kontakte zu Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach in Leipzig, Wolf Biermann und Robert Haveman. Die Staatssicherheits-Kreisdienststelle versuchte, diesen „staatsfeindlichen" Kreis zu zersetzen. Die Ergebnisse sind bekannt ...

Dr. Helmut Müller-Enbergs hatte in Greiz bereits zwei Veranstaltungen über die hiesige Staatssicherheit durchgeführt. Der Besucherandrang damals und das Interesse danach waren so enorm, dass er sich entschloss, eine Publikation zu dem Thema zu verfassen. Die Broschüre „Staatssicherheit in Greiz“ ist allerdings zur Zeit vergriffen.

Von 1986 bis 1989 studierte Müller-Enbergs Politologie und ist seit 1992 wissenschaftlicher Referent beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Er war von 2003 bis zur Auflösung 2005 Leiter der Forschungsgruppe „Rosenholz“. 2007 promovierte er, war in den USA wissenschaftlich tätig und hatte er eine Gastprofessur an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Syddansk Universitet in Odense, seit 2010 ist er dort Honorarprofessor. In seiner Veröffentlichung zusammen mit Cornelia Jabs im Deutschland Archiv enttarnte er den West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras als SED-Mitglied und Stasi-IM "Otto Bohl".
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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 11.11.2011 | 13:56  
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Petra Seidel aus Weimar | 11.11.2011 | 15:19  
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