Thüringer sind die fleißigsten Deutschen!

Christine Lieberknecht
 
Bürgermeister im Gespräch, v.l.: Gerd Grüner (Greiz), Stephan Büttner (Berga) und Pedra Hofmeister (Neumühle).
 
Dieter Weinlich, Bürgermeister von Zeulenroda-Triebes, in Begleitung.
 
Erweiterte Bürgermeisterrunde
 
OTZ-Chefredakteur Jörg Riebartsch (M.) im Gespräch mit dem Greizer OTZ-Lokalchef Marius Koity (r.) und dem Leiter des Jobcenters Greiz, Dr. Horst Gerber.
"Wenn man von der Greizer Landrätin eine Einladung erhält, darf man sicher sein, dass Martina Schweinsburg nichts dem Zufall überlässt", begann Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht ihr Grußwort zum 20. Jahresempfang des Landkreises Greiz und bezog sich dabei auf die Musikauswahl des Abends. Die war nämlich mit Bedacht auf die große Weltpolitik gewählt: Die Vogtland Philharmonie mit Musikern aus mehreren Ländern spielte Werke des russischen Komponisten Modest Mussorgski aus dessem Zyklus "Bilder einer Ausstellung" mit dem Höhepunkt "Das große Tor von Kiew".

Ansonsten beglückwünschte Lieberknecht den Landkreis, der 1994 aus den Altkreisen Greiz, Zeulenroda und Gera-Land hervorging, zum 20-jährigen Bestehen und gab einer möglichen Gebietsreform eine Abfuhr. Gut funktionierende Gebilde solle man nicht vom Planungstisch einiger Verwaltungsstrategen aus ändern. Überhaupt habe das Jahr 2013, dass die Ministerpräsidentin als "Jahr der Solidarität" bezeichnet, gezeigt, dass die Menschen im Landkreis Greiz und im ganzen Freistaat zusammen stehen, wenn es darauf ankommt. Die gemeinsame Aufbauarbeit nach dem Hochwasser habe gezeigt, dass es die Menschen sind und ihr Wille, die das Land voran bringen. Überhaupt seien die "Thüringer die fleißigsten Deutschen", wie Christine Lieberknecht auf eine kürzliche Überschrift einer großen Zeitung und aktuelle Statistiken Bezug nimmt. Das träfe auch ganz besonders für Greiz zu, gemäß des Zitates des hiesigen Industriellen aus dem 19. Jahrhundert, Ernst Arnold: "Der Sieg im Leben wird dem Fleißigen zuteil".

Neben der Thüringer Ministerpräsidentin konnte Landrätin Martina Schweinsburg unter den 600 geladenen Gästen die Präsidentin des Thüringer Landtages, Birgit Diezel, zahlreiche Bürgermeister und Landräte sowie weitere Vertretern des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens, aus Wirtschaft, Verbänden und Vereinen und insbesondere Menschen, die bei der Bewältigung der Hochwasserkatastrophe im Juni vorigen Jahres im Landkreis Greiz großen Einsatz gezeigt hatten, begrüßen. Sie dankte auch allen Sponsoren, die den Empfang ermöglicht haben, beispielsweise die Bauerfeind AG, die Vereinsbrauerei Greiz, die Köstritzer Schwarzbierbrauerei, das Blumengeschäft Bornschein & Clauss, die Firma Medirest, das Restaurant "Reihe 1" und die Firma Tischendorf. "Sie und viele nicht genannte haben den heutigen Abend möglich gemacht, für den nicht ein Cent aus der öffentlichen Hand verwendet wurde", so die Landrätin. Für die künstlerische Umrahmung des offiziellen Teils sorgte die Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach unter der Leitung von Generalmusikdirektor Stefan Fraas, zu Buffet spielte die Swing Connection der Kreismusikschule beschwingte Melodien.

Hier einige Auszüge aus der Festrede der Landrätin:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
zum nunmehr zwanzigsten Mal begeht der Landkreis Greiz in seiner heutigen Form den Jahresempfang und ich habe auch keine Sorge, dass es der letzte sein könnte. Dennoch, nach all den Jahren ist dieser Abend für mich noch immer etwas Besonderes ...

Verehrte Gäste,
mit Abstand blicken wir nun zurück auf ein Jahr, welches enorme Herausforderungen für uns bereit hielt deren Folgen uns weit über 2014 hinaus beschäftigen werden. Bildlich noch vor Augen waren es die ersten Tage im Juni die uns schmerzlich zeigten, dass der Mensch ein Teil der Natur ist, die er beeinflussen aber nicht dauerhaft bezwingen kann.

Nach knapp 60 Jahren erreichten die Pegel der Elster und ihrer Zuflüsse Rekordwerte, die wir trotzt umfangreicher Hochwasserschutzmaßnahmen der letzen Jahrzehnte nahezu für ausgeschlossen hielten.

Und so musste ich, erstmals in meiner Amtszeit, am 02. Juni 2013 um 14:03 Uhr Katastrophenalarm für den Landkreis Greiz auslösen – ein hoffentlich einmaliger Vorgang.

So schnell wie das Wasser kam, so schnell mussten wir handeln und das taten wir. Und wir erfuhren dabei Hilfe und Solidarität weit über die Grenzen unseres Freistaates hinaus. Zunächst waren es Einsatzkräfte und Helfer, die sich noch am Sonntagabend auf den Weg zu uns machten um zu schützen und zu retten. Die Schwerpunkte bildeten die Orte an der Elster: Greiz, Neumühle, Berga, Wünschendorf, Bad Köstritz und Caaschwitz aber auch Mohlsdorf-Teichwolframsdorf.

1.142 Einsatzkräfte der Wehren, der Bundeswehr, der Hilfsorganisationen DRK und ASB sowie des THW - unterstützt durch ein Vielfaches an Bürgerinnen und Bürgern –sie alle letztendlich erfolgreich im Kampf gegen das Wasser und verhinderten Schlimmeres. Denn, meine sehr verehrten Damen und Herren, diese Jahrhundertflut forderte in unserem Landkreis keine Menschenleben.
Allen Helfern, stellvertretend heute den hier Anwesenden unser Dank, unserer Anerkennung und unser Respekt! So schnell wie das Wasser kam, war es dann aber auch wieder weg. An Pleiße, Elbe oder Donau hatten die Anrainer da weniger Glück.

Und obwohl die Menschen in unserer Region sofort beherzt zupackten um aufzuräumen, ist die Bilanz verheerend genug. Besonders schmerzlich für uns Objekte wie die neue Sportstätte in Bad Köstritz oder unser Sommerpalais - 2013 Schloss des Jahres in Thüringen.Wenige Tage zuvor erst weihten wir die neu gestalteten Parkbereiche ein.

Gingen erste Schadensbilanzen von rd. 46 Mio. Euro auf der kommunalen und kreislichen Ebene, 20 Mio. Euro in der Privatwirtschaft und nochmals rd. 23 Mio. Euro in privaten Haushalten aus, dürfte der reale Verlust in unserer Region die 100 Mio. Euro Grenze bei weitem übersteigen. Und nicht alles war versichert.

Umso bewegender war für uns die Solidarität und Spendenbereitschaft die wir erfahren durften. Wenige Tage rückte unsere Region in das Zentrum der medialen Berichterstattung und so erreichten uns finanzielle Zuwendungen und Hilfsangebote aus ganz Deutschland. Schüler aus Düsseldorf sammelten ebenso wie Unternehmen und deren Belegschaften, Vereine und Privatpersonen aus allen erdenklichen Regionen der Republik und darüber hinaus. Ihnen gilt unser Dank, unabhängig über welche Organisation die Mittel bereit gestellt wurden und an wen letztlich dieser Gelder ausgereicht werden konnten.
Eindrucksvoll, nicht nur der Umfang der Hilfe, sondern auch deren Kontinuität. So gingen bis zum Jahreswechsel noch Zuwendungen bei uns ein, die wir - wie zuvor angekündigt -zielgerichtet für die Ausstattungen der betroffenen Schulen in Greiz, Bad Köstritz und Berga sowie am Sommerpalais einsetzen werden.

Positiv haben wir auch die avisierten Hilfen von Freistaat, Bund und EU - letztere Anfang Februar 2014 verbindlich zugesagt - aufgenommen. Innerhalb kürzester Fristen wurden Listen erstellt, Plausibilitäten geprüft, Maßnahmepläne erarbeitet und damit eine erneute Flut, diesmal in Papierform und langanhaltend ausgelöst. Es ist wohl uns Deutschen besonders eigen, die Dinge gründlich und umfassend zu bearbeiten. Manche bürokratische Hürde wird da zur unüberwindbaren Barriere - höher als jeder Deich, der doch Schutz und Sicherheit bieten sollte.

Natürlich bedarf es korrekter und vollständiger Anträge. Aber es bedarf auch pragmatischen Handelns bei denjenigen, die darüber befinden und zwar bevor die EU das letzte Häkchen gesetzt hatte. Wenn ich dann noch erfahre, das beispielsweise ein Parkautomat am Greizer Elsterufer nur ersatzfähig ist, wenn sichergestellt wird, dass dieser nicht wieder dem Wasser zum Opfer fallen kann …nun wie das umzusetzen ist, darauf bin ich gespannt.

Vor einem Monat führten wir mit den zuständigen Ressorts Abstimmungen darüber, wie die Bearbeitungs- und Bewilligungsprozesse beschleunigt werden können. Durchweg konstruktiv wie ich meine, denn angekommen sind in dieser Woche erste Wiederaufbaumittel in Höhe von 2,3 Mio. Euro für Greiz, Neumühle, Berga, Wünschendorf, Harth-Pöllnitz und Bad Köstritz. Und ich bin mir sicher, Sie Frau Ministerpräsidentin werden den notwendigen Druck aufrecht erhalten, damit die Hilfe auch weiterhin ankommt.

...

Verehrte Gäste,
gern würde ich den heutigen Abend nutzen um Ihnen die Vielfalt der Aktivitäten vorzustellen, die es im vergangen Jahr im Landkreis Greiz gegeben hat. Ganz gleich ob es sich um ehrenamtliche oder professionelle Projekte handelte, viele waren beispielgebend.

....

Aber meine sehr geehrten Damen und Herren, obwohl ich Ihnen dies und vieles mehr gern ausführlicher darstellen würde, halte ich es für wichtiger,
in meinen Ausführungen auf etwas anderes einzugehen.

Damit meine ich nicht die anstehenden Europa- und Kreistagswahlen im Mai oder die Wahlen zum Thüringer Landtag. Denn für Wahlkampf erachte ich unsere Jahresempfänge nicht als geeignete Plattform – juristisch gewürdigt übrigens. Allerdings möchte ich Sie bitten zu Wahl zu gehen.

Nein verehrte Gäste, es sind die Ereignisse aus dem Herbst 2013, die das öffentliche Leben vorrangig hier in der Kreisstadt bestimmten und die es den Bürgerinnen und Bürgern schwer machten, Normalität zu leben, wo doch genau diese eigentlich nie in Frage stand. Mit Entsetzen, ja Fassungslosigkeit erlebten wir die sich bis Ende November jeden Freitag wiederholenden Demonstrationen in unserem schönen Greiz.

Da reisen "Touristen" aus politisch extremen Lagern von außerhalb an, um hier ihre Feindbilder zu pflegen und Werbung für sich und ihre teilweise doch sehr kruden Weltanschauungen zu machen. Hinter riesigen Sonnenbrillen und mit dunklen Kapuzen zeigten sie „Gesicht“. Die Art ihrer Gastspiele lies wenig Unterschiede zwischen den sich da Bekämpfenden erkennen und Beschimpfungen wie die des rassistischen Drecksnests schädigten das Ansehen unserer Region weit über seine Grenzen hinaus und sorgten für tiefen Unmut in der Bevölkerung.
Unsere Menschen merkten schnell, dass sie da instrumentalisiert werden sollten und die Region als Kulisse und Wahlkampfarena für Polithasardeure missbraucht wird. Dafür, meine sehr verehrten Damen und Herren, darf und kann kein Platz in unserem schönen Landkreis sein!!!

Die Vogtländer haben es 1989/90 bewiesen und wir hatten es erst Anfang Juni wieder gezeigt – wenn es darauf ankommt, stehen wir zusammen. Und so möchte ich diesen Abend nutzen um all jenen zu danken, die in dieser Zeit die richtigen Zeichen setzten und dies auch weiterhin tun. Ich danke den Kirchen, die Raum boten für Besinnung wie beispielsweise zum Friedensgebet am 23.11. Namentlich Superintendent Görbert und Pfarrer Colditz seien hier genannt.

Danke den Bürgerinnen und Bürgern, die friedlich die Plätze besetzten, auf denen andere vorhatten Unfrieden zu stiften. Und nicht zuletzt danke ich den Einsatzkräften die Sicherheit und öffentliche Ordnung aufrecht erhielten.
Verehrte Gäste, über Asyl- und Flüchtlingspolitik entscheidet in diesem Land nicht die kommunale Ebene. Aber wir müssen sie umsetzen. So etwas nennt sich amtlich korrekt Aufgabe des übertragenen Wirkungskreises. Und das haben wir gesetzeskonform zu tun – sachlich, objektiv und mit einem hohen Maß an Fingerspitzengefühl. Wäre das doch überall vorhanden.
Hierzu zählt auch die Art, wie wir die Unterbringung der Bewerber sicherstellen. Und so zögerten wir nicht, der dringenden Bitte des Freistaates Thüringen zur schnellstmöglichen Übernahme von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien – eigentlich eine Selbstverständlichkeit in einer humanistisch geprägten Gesellschaft- zu folgen. Menschen, die aus ihrer Heimat flohen, weil man sich dort gegenseitig die Köpfe einschlägt suchten Hilfe - Syrer, Afghanen, Tschetschenen – Familien mit Kindern aus Krisengebieten, in denen Menschen tagtäglich zu Opfern werden. Innerhalb von 3 Arbeitstagen fanden wir dafür eine Lösung - anerkennenswert wie ich meine.
...

Meine sehr verehrten Damen und Herren, DEN Asylbewerber oder DEN Flüchtling gibt es nicht. Jeder dieser Menschen hat seine eigene Geschichte, seine eigene Welt- und Wertesicht. Ihnen allen wollen wir mit Menschlichkeit, Respekt und Würde begegnen. Dass dies in unserem Landkreis verantwortungsvoll gelebt wird dafür stehen Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft. Menschen wie Martina Högger und Dagmar Pöhland.

Frau Högger ist Mitbegründerin und Vorsitzende der Bürgerinitiative „Weil wir Greiz lieben“. Ursprüngliches Ziel: Die Stadt Greiz für ihre Einwohner, Besucher und Gäste attraktiv und anziehend zu gestalten und dabei den Dialog auf sachlicher und konstruktiver Ebene zu fördern. Es ist bewundernswert, dass diese Bürgerinitiative mit Frau Högger an der Spitze, sich als eine der Ersten tapfer, ja sogar mutig den ausländerfeindlichen Parolen entgegenstellte. In der Folge um die Aktionen und Diskussionen zeichnete sie sich dadurch aus, dass sie unabhängig von parteilichen Einflüssen und Zielen in der ihr ruhigen und sachlichen Art und Weise bestrebt war, der Öffentlichkeit und den Demotouristen gleich welchen Lagers zu zeigen, dass Greiz keine Stadt ist, die Asylbewerber von vornherein ablehnt.
Sie hat Menschen ermutigt und bestärkt, mitzumachen im Bestreben miteinander, nicht übereinander zu sprechen und aufeinander zuzugehen - für einen ehrlichen, positiven Dialog. Und sie musste erleben, dass Zivilcourage auch Anfeindungen einbringen kann. Ja, Frau Högger hat wirklich Gesicht gezeigt, ohne Kapuze und Sonnenbrille.

Verehrte Gäste, täglich zeigen Menschen Mut und Tatkraft ohne dass sie dafür vordergründig nach öffentlicher Anerkennung suchen. So wie Frau Högger ist eine von diesen Menschen Frau Dagmar Pöhland. Seit mehr als 16 Jahren engagiert sich Frau Pöhland nicht nur als Geschäftsführerin im Behindertenverband für Menschen, denen es oft schwer fällt und auch oft schwer gemacht wird, ihren Alltag zu bewältigen. Das allein ein Kapitel für sich und eine Anerkennung wert. Was viele von Ihnen aber nicht wissen: Sie koordiniert seit 2002 die Sozialbetreuung der Asylbewerber in unseren Einrichtungen. Dies umfasst neben Bildungsangeboten und Kursen für Integration so alltägliche Belange wie die Organisation des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlichster Kulturen und Religionen aber einem Schicksal: Sie alle sind Flüchtlinge mit persönlichen Erfahrungen, die wohl keiner von uns am eigenen Leib machen möchte.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, viel ist gegenwärtig von Willkommenskultur die Rede. Wie diese vor Ort gelebt wird, das beweisen diese beiden Frauen eindrucksvoll. Hier wird nicht nur geredet, hier wird gehandelt. Und auch wenn sie nicht nach öffentlicher Anerkennung suchen, möchte ich ihnen heute Abend meinen – unseren Dank aussprechen!
...
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