Von Liebe und Zorn – über Jugendliche in der DDR, die anders sein wollten

Wann? 30.08.2013

Wo? Landratsamt Saale-Orla-Kreis, Oschitzer Straße 4, 07907 Schleiz DE
Marina Böttcher (r.) vor dem Plattencover der ersten Renft-LP im Gespräch mit Klaus Renfts letzter Lebenspartnerin Heike Stephan. Der Titel der Ausstellung ist eine Anlehnung an den Renft-Song „Zwischen Liebe und Zorn“.
 
Die Protagonisten der Ausstellung: Fetzer (l.) und Barry (r.).
 
Ausstellungseröffnung mit interessierten Zuhörern.
Schleiz: Landratsamt Saale-Orla-Kreis | .
Wer kennt ihn noch, den „Kronenclub Tanna“? Als solcher sorgten einige Teenager 1965 für Unruhe in dem beschaulichen Städtchen. Ihr Erkennungszeichen: Das Logo der Zigarettenmarke HB. Ihr Interesse: Beatmusik. Die Jungen besuchten alle „Muggen“ einschlägiger hiesiger Bands und kopierten die Musik ihrer westlichen Vorbilder. Das galt in den Augen der Staatsmacht als subversiv. Die jungen Leute gerieten ins Visier der Stasi. Damit ist der Tannaer „Kronenclub“ wohl die erste Gruppe Jugendlicher in Thüringen, die wegen ihrer Musik von der DDR-Diktatur observiert wurde. Den Partei- und Staatsorganen waren das ganze „Yeah, Yeah, Yeah“ und die langen Haare suspekt. Ganz übereifrige Genossen ließen am 21. Oktober 1969 in Pößneck, Neustadt/Orla und Triptis über 60 Langhaarigen unter Zwang die Haare schneiden. Was wiederum zu Protesten von Sympathisanten auf dem Pößnecker Marktplatz führte. Die Polizei schritt dagegen ein und nahm 39 Jugendliche fest. Doch die alternative Beat- und spätere Tramper-Bewegung war nicht zu stoppen.

Immer mehr so genannte „Tramper“ – erkennbar an langen Haaren, Jeans, Parka und gern auch mit Nickelbrille – kamen in den 70er Jahren aus den Nischen der privaten Anonymität. Sie bevölkerten Volksfeste oder andere Großveranstaltungen und zelebrierten hier ihren anderen Lebensstil. Die Schleizer Dreieckrennen, der Zwiebelmarkt in Weimar, der Karneval in Wasungen, die Pfefferbergfeste in Schmölln und die 1000-Jahrfeier 1976 in Altenburg sind nur einige Beispiele. Diese „Zusammenrottungen von Gammlern“ versuchte die Staatsmacht mit Gewalt zu verhindern. Meist vergeblich. In der Skatstadt gingen hunderte Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei gegen etwa 2500 Tramper aus der ganzen DDR mit Schlagstöcken und Hunden vor. Die Polizeigewalt erlebte zum Pressefest auf der IGA in Erfurt 1978 ihren traurigen Höhepunkt. Durch brutalen Hunde- und Schlagstockeinsatz wurden hunderte Tramper, aber auch etliche unbeteiligte Pressefestbesucher, zum Teil schwer verletzt.

„Dabei wollten wir eigentlich nur Musik hören“, erinnert sich Marina Böttcher. Die Erfurterin gehörte zu einer Gruppe Jugendlicher, die ihre Hippie-Träume im real existierenden Sozialismus ausleben wollten. Dazu gehörte die Musik von Bands wie Pink Floyd, Deep Purple oder Led Zeppelin. Zu den einheimischen Favoriten zählten die Thüringer solch bodenständige Musiker wie Jürgen Kerth und Stefan Diestelmann. Und natürlich die Band Renft. „Nach dem Verbot von Renft 1975 und durch die brutalen Polizeieinsätze wurde die ganze Tramperszene politisiert“, schätzt Marina Böttcher heute ein.

Zwei Protagonisten der Erfurter Szene, „Barry“ und „Fetzer“ alias Peter Rein und Rolf Günzler, und ihrer prägenden Jugendzeit von 1973 bis 1983 ist die gegenwärtige Ausstellung „Von Liebe und Zorn. Jung sein in der Diktatur“ gewidmet. „Mit der Ausstellung wollen wir auch ein bisschen der Ostalgiewelle entgegen wirken, die unter dem Motto‚Es war ja nicht so schlimm‘ die Erinnerungen an die rigiden Maßnahmen der Diktatur gegen Andersdenkende
verdrängt“, so Kurator Uwe Kulisch zur Ausstellungseröffnung.

Auf 27 Bannern und in fünf Hörstationen, dazu fünf Klappbüchern mit untersetzendem Text- und Bildmaterial wird gezeigt, wie Jugendliche ihr Leben in der DDR empfanden. Und wie die Staatsmacht auf jene reagierte, die sich abseits der staatlich verordneten Lebensweise und Kulturpolitik verwirklichen wollten.

Ausstellungsbeschreibung

Die Ausstellung spiegelt einen Teil der deutschen Geschichte wider. Indem Geschichte und Geschichten nachvollzogen werden können, lädt sie den Besucher ein, über die Vergangenheit nachzudenken und zu reflektieren. Ausgehend von zwei Biographien von Jugendlichen, Interviews mit ihren Müttern und einer spezifischen Gruppe Jugendlicher, die über einen Zeitraum von 12 Jahren in Fotoalben dargestellt sind, kann man die Konflikte mit der Macht und der Repressionspolitik der SED-Diktatur miterleben, kann teilnehmen an den Versuchen, an und in der Gesellschaft zu partizipieren.

In narrativer Form wird den Besuchern, vor allem auch Jugendlichen und Jungerwachsenen anhand des biografischen Lebenszeitraumes zweier Protagonisten Alltag in der DDR-Diktatur nahegebracht. Die dargestellte Geschichte hat zwei Bezugspersonen/Sympathieträger, die in den Gruppierungen emotional verflochten sind, durch die Mütter, Schwestern und den Freundeskreis. Die erste Bezugsperson ist der Fotograf, aus dessen Blickwinkel die verwendeten Fotografien entstanden sind und als zusätzlicher Aspekt kommt seine Art der Gestaltung der Fotoalben zum Tragen. Die zweite Bezugsperson gehört zu seinem engeren Freundeskreis und ist häufig in den Alben präsent. Die zu erzählende Geschichte ist vorrangig im Zeitraum 1973 bis 1983 angesiedelt. Hier wird durch die zwei Handlungsstränge die angestrebte Fragekompetenz durch eigene entstehende Fragen entwickelt. Der erste Strang stellt den gelebten Alltag der Protagonisten im Gegensatz zur indoktrinierten Sozialkultur dar. Der zweite Strang illustriert die schleichende Zunahme der Repression, die zuerst noch als Alltag (in der Diktatur) reflektiert wird. Im Verlauf der Geschichte greift die Diktatur nachhaltig in das Leben des zweiten Protagonisten ein, während der erste weiterhin relativ unbehelligt sein Leben lebt. Der beste Freund des zweiten Protagonisten verlässt 1976 mit seiner Familie die DDR, trotzdem besteht die Freundschaft weiter, über die Grenzen hinweg – bis zuletzt, obwohl dann sogar die heimlichen Treffen in Ostberlin und Prag verhindert werden. Als die Freunde, durch den Freikauf von Peter Rein aus der Haft; in der Bundesrepublik wieder zusammenkommen, versuchen sie ihre Freundschaft und ihre Jugendkultur weiter zu leben.

Die Ausstellung endet mit dem unausweichlichen Repressionserleben und dem teilweisen Rückzug in das Privatleben im Freundeskreis und dem Tod eines der Protagonisten.

Die Besucherinnen und Besucher werden auf sich selbst zurückgeworfen. Kommunikation entsteht schon während der Betrachtung der anderen Blöcke. Nun erfährt diese eine Intensivierung, Fragen werden gestellt zur Relevanz für die eigene Lebenswelt.

Mehr dazu auf www.von-liebe-und-zorn.de
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3 Kommentare
5.076
Joachim Kerst aus Erfurt | 02.08.2013 | 07:22  
Gerd Zeuner aus Zeulenroda-Triebes | 07.08.2013 | 08:45  
5.076
Joachim Kerst aus Erfurt | 07.08.2013 | 23:12  
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