"Ich höre was, was Du nicht hörst!" - Experten beraten zum Thema Tinnitus

Mit ihren informativen Vorträgen trafen die Referenten der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. und die Vertreter der regionalen Selbsthilfegruppe Ostthüringen die Anwesenden lösungsorientiert mitten in ihre persönliche Situation.
Zwickau: Evang. Pauluskirche |

Symptom? Fehlfunktion?? Oder doch eine Krankheit??? Rätsel Tinnitus

„Captain Kirk“ William Shatner kann es sagen, Sänger Bono Vox von U2 und Eric Clapton auch. „Ich höre was, was Du nicht hörst: Tinnitus!“ Mit bundesweit über drei Millionen Betroffenen sind Ohrgeräusche, die sonst niemand hört, schon fast eine Volkskrankheit. Menschen, die Tinnitus haben, leiden häufig sehr unter ihren Ohrgeräuschen, denn oftmals ist das Brummen, Rauschen, Piepsen oder Kreischen mit Begleiterscheinungen wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen verbunden. Hilfe gegen den ungebetenen Gast im Ohr und die immense psychische Belastung verspricht ein wachsendes Angebot an Therapiemethoden, Arznei- und Hilfsmitteln, deren Wirksamkeit meist unbewiesen ist.
Informationen und Hilfestellung im Umgang mit dem quälenden Ohrgeräusch erwarteten auch über 50 Teilnehmer aus Zwickau, Westsachsen und Ostthüringen, die sich auch den Weg in den Gemeindesaal der Zwickauer Pauluskirche gemacht hatten. Die Deutsche Tinnitus-Liga e.V. hatte drei hochkarätige Referenten aufgeboten, die sich nach ihren Vorträgen den Fragen der Anwesenden stellten. Draußen im Foyer standen Harry Apitz und Peter Vucic von der auch für Westsachsen zuständigen Tinnitus-Selbsthilfegruppe Ostthüringen für persönliche Gespräche zur Verfügung, informierten über Gruppenaktivitäten und versorgten die Hilfesuchenden mit Informationsmaterial .

Vom Betroffenen zum mündigen Patienten

Die Veranstaltung begann mit den praktischen Erfahrungen eines selbst hochgradig Betroffenenen: Unter dem Titel „Tinnitus, Schwerhörigkeit und Lärmbelastung am Arbeitsplatz“ schlug Volker Albert, Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga e. V., gleich die Brücke zur Alltagssituation Hörgeschädigter, und brachte die vielfältigen Folgen von Kommunikationsstörungen für Betroffene und ihr Umfeld mit einem Zitat des Philosophen Immanuel Kant auf den Punkt: „Nicht sehen trennt von Dingen, nicht hören trennt von Menschen.“ Zustimmendes Nicken herrschte auch bei der Feststellung, wie schwer Stille zu ertragen sei, das Alleinsein mit dem Tinnitus. Diesem Geräusch ohne Schallquelle, das der Wissenschaft Rätsel aufgibt. Vielen Teilnehmern dürften die Zusammenhänge zwischen den Einzelsymptomen von Ohrgeräuschen über innere Unruhe, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Missverständnissen in der Alltagskommunikation, Rückzug und Depressionen, im Spiegel eigener Erfahrungen „in den Ohren geklungen haben.“

"Ob ich den Tinnitus höre oder nicht, entscheidet das Gehirn und nicht das Ohr!"

Obwohl es bei Professor Gerhard Goebel, dem langjährigen Chefarzt der Tinnitus-Klinik Prien, vordergründig um "Sinnvolles, Ungeprüftes und Abzocke in der Therapie bei Tinnitus“ ging, brachte auch für medizinische Laien treffend auf den Punkt, weshalb es ein (All-)Heilmittel gegen Tinnitus nicht geben kann und was stattdessen hilft: "Vielleicht schon nach einigen Tagen macht sich der Tinnitus im Gehirn selbstständig und läuft da im Kreis herum, so wie so eine festgefahrene Software und da kann man am Ohr machen, was man will, das bleibt. Und der Kernsatz ist heute, nach den wissenschaftlichen Studien, die wir im Moment haben, dass das Gehirn entscheidet, ob man den Tinnitus hört oder nicht, und nicht das Ohr."
Dem Überblick über die derzeit populärsten Heil- und Therapiemethoden folgte die Bewertung der Wirksamkeit anhand objektiver Erfahrungen. Auch alternative Heilmethoden blieben davon nicht verschont. Professor Goebel berichtete, wie chinesische Kollegen, die selbst vergeblich nach einem Heilmittel gegen die quälenden Ohrgeräusche suchten, kopfschüttelnd zur Kenntnis nahmen, dass hierzulande als Verlegenheitslösung oft die umstrittene Akupunktur zum Einsatz kommt. „Es gibt sehr viele unseriöse Angebote auf dem Markt“, ist das Fazit des Vizepräsidenten der Deutschen Tinnitus-Liga, der im „tätigen Unruhestand“ auch Sprecher des Fachbeirats der bundesweiten Selbsthilfeorganisation ist. Er rät Betroffenen, sich bei Therapeuten zu vergewissern, ob diese nach der anerkannten Leitlinie der AWMF, der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich-medizinischer Fachgesellschaften arbeiten, um sicher zu gehen.

Rehabilitation vor Verrentung

Den Abschluss machte Dr. Matthias Rudolph, ärztlicher Direktor und Chefarzt der Psychosomatik an der Mittelrhein-Klinik Bad Salzig Unter dem Motto „Reha vor Rente“ informierte er ausführlich über rehabilitative Maßnahmen bei Hörbehinderung und Tinnitus und führte aus, worauf es bei der Antragsstellung ankommt. Sein Argument, jeder für die Reha aufgewendete Euro erspare fast das Vierfache an Folgekosten, sollte die Kostenträger überzeugen, genau wie sein positives Fazit: „68 Prozent aller Versicherten sind zwei Jahre nach der Reha noch vollständig im Erwerbsleben.“

In der Abschlussfragerunde, die akustisch von einem heftigen Gewitter begleitet wurde, stellen sich die Referenten den Fragen der Teilnehmer. Die Unsicherheit und die Angst vor dem Tinnitus zu verlieren, den aktiven Umgang mit dem Phantom im Ohr zu pflegen und nicht zu letzt das Weghören zu üben und zu praktizieren - das blieb den Teilnehmern im Gedächtnis haften, von denen sich einige als Interessenten für die Gründung einer Zwickauer Selbsthilfegruppe innerhalb der DTL eintrugen. Doch vorerst sind Betroffene aus dem Zwickauer Land weiterhin bei den Treffen und Aktivitäten der benachbarten Gruppe Ostthüringen willkommen, deren Termine auf der Webseite www.tinnitushilfe.info zu finden sind.
(Kontakt: tinnitus.shg@gmail.com Tel. Harry Apitz 03663/401731 und Peter Vucic 09282/984950)
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