Diese Frau hat Rhythmus im Blut

Michaela Schmeißer unterrichtet seit über 30 Jahren Menschen, die tanzen lernen wollen.
 
Blick in den Saal, der um 1930 auf einem Gartengrundstück entstand.
 
Tanzpaare vor 100 Jahren. (Foto: privat)
Zeulenroda: ... |

Fast 111 Jahre bewahrt die Familie von Michaela Schmeißer aus Zeulenroda die Tradition ihrer Tanzschule. Schmeißer selbst leitet sie in vierter Generation. Im Hinblick auf das 2017 bevorstehende Jubiläum erzählt die Tanzlehrerin Familiengeschichte.

Tanzen sei eine Frage des Gespürs für den Augenblick, findet Michaela Schmeißer. „Ein Feuer, Ausdruck von Lebensfreude.“
Tanzen ist ihr Fachgebiet, Takt- und Rhythmusgefühl wurden Michaela Schmeißer in die Wiege gelegt. Die sympathische Frau führt fort, was ihre Urgroßeltern vor fast 111 Jahren in Zeulenroda aufbauten: Die heutige Tanzschule Schaller-Schmeißer in der Speichergasse. Das Jubiläum will die Inhaberin nächstes Jahr im März würdig begehen – als Höhepunkt plant sie eine Polonaise mit all ihren Tanzschülern.

Es ist schön, mit Michaela Schmeißer am Fenster zu sitzen und den Tanzsaal auf sich wirken zu lassen. Rechts der große Spiegel, in der Ecke das alte Klavier, auf dem der Vater die Tanzschüler begleitete. Links der Empfangstresen. An den Wänden Fotos aus 110 Jahren.
Entstanden ist der eigene Saal in den 1930er-Jahren. ­Davor war das Terrain ein Garten neben der familien­eigenen Gaststätte. „Nebenan befand sich ein Kohlehandel. Irgendwann war das nicht mehr lustig“, erzählt die Tanzlehrerin in vierter Genera­tion, die sich an die Großeltern gut erinnert. Die Generation vor ihnen – Albin Könitzer und seine Frau Anna – haben die Tanzschule 1906 gegründet.
„Sie war eines von drei Standbeinen“, weiß die Urenkelin, die heute selbst Großmutter ist. „Uropa war nebenbei noch Turmbläser und hatte die Gaststätte.“ Damals kam die Tanzschule zu den Menschen: „Meine Urgroßmutter lief nach Auma, Langenwetzendorf und in andere Ortschaften, um die Leute zu unterrichten. Bezahlt wurde oft mit Naturalien.“

In der DDR sind private Unternehmen nicht gern gesehen


Michaela Schmeißers Großmutter übernimmt die Tanzschule nach ihrer Rückkehr von einem Amerika­trip und ihrer Tanzlehrerausbildung. Unterstützt wird sie später von ihrem Sohn, einem Ingenieur, der gut ­Klavier spielen kann. Michaela Schmeißers Eltern arbeiten in anderen Berufen und führen die Tanzschule nach der Übernahme nebenbei, um die Tradition aufrechtzuerhalten.
In der DDR sind private Unternehmen eher unliebsam, weshalb Michaela Schmeißer zunächst keine Zukunft in der Tanzschule sieht – sie wird Lehrer und Erzieher. 1982 absolviert sie doch ihre Tanzlehrerausbildung und führt die Schule ebenfalls nebenbei. „Ich unterrichtete sehr viele Schüler, aber kaum Erwachsene. Dieses Bedürfnis nach Freizeit war damals nicht so ausgeprägt.“
Das ändert sich 1988 mit dem Film „Dirty Dancing“ schlagartig. Schmeißer reagiert sofort auf den neuen Trend: „Ich besorgte mir das Buch zum Film aus dem Westen und bot neben den Klassikern den Mambo an. Plötzlich gab es einen regelrechten Boom.“

Im Westen kamen die Tanzschüler mit dem Porsche zum Unterricht


Der hält allerdings nur ein Jahr an. „Als die Mauer fiel, hatte ich von einem Tag auf den anderen fast alle meine Tanzschüler verloren. Da machte ich mir zum ersten Mal Sorgen um die Zukunft“, erinnert sich die taffe Tanzlehrerin. „Doch ich gab nicht auf.“
In Königstein im Taunus findet die Ostthüringerin eine Anstellung. „Im Speckgürtel Frankfurts kamen die erwachsenen Tanzschüler mit dem Porsche zum Unterricht“, erzählt Schmeißer. „Ich habe in dieser Zeit viel gelernt.“ Die Pendelei von Zeulenroda, wo sie montags einen Tanzkurs hält, nach Frankfurt kann Michaela Schmeißer zwei Jahre durchhalten. 1991 muss sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. „Doch das westliche Know-How konnte mir niemand nehmen. Nach Anfänger- und Fortgeschrittenemkurs machte ich einfach weiter und bot immer neue Kurse an. Die Menschen hier waren inzwischen beruflich zur Ruhe gekommen und fanden im Tanzen ein wunderbares gemeinsames Hobby.“
Hinzu kommt der gesundheitliche Aspekt: „Tanzen hält Körper und Geist fit. Abgesehen von der Koordination muss man immer an die nächste Figur denken.“

Ich liebe die Samba, aber ich habe keine Zeit zum tanzen


Heute blickt die Tanzschulleiterin auf viele Veranstaltungen und Bälle zurück. Sehr wichtig sind ihr die Schülerabschlussbälle. „Der erste Ball im Leben eines Menschen sollte unvergesslich sein“, meint die Tanzlehrerin. Und Michaela Schmeißer selbst? „Ich liebe Tanzen, vor allem die Samba, aber ich habe kaum Zeit dazu. Ich stehe fast jeden Abend in ­meinem Saal und unterrichte.“
Dass das noch lange so ­weitergeht, ist Schmeißers sehnlicher Wunsch. In Anbetracht ihrer ältesten, 86-jährigen, Schülerin, ist sie enthusiastisch: „Ich liebe meinen Beruf und hoffe, dass er mich noch lange fit hält. Ihn nicht mehr ausüben zu können, kann ich mir einfach nicht vorstellen.“


Zur Sache:
Tanzen aktiviert Bein-, Rücken-, Arm- und Schultermuskeln, schult die Feinmotorik. Das bessere Körpergefühl wirkt sich positiv auf die Körperhaltung aus. Durch Tanzen werden Fehlhaltungen korrigiert, Verspannungen lösen sich. Muskeln werden gelockert, die Konzentration auf Musik und Bewegung trainiert das Gehirn, schult Orientierungssinn und Gleichgewicht. Im Alter zu empfehlen - tanzen belastet nicht die Knochen, schult Koordination, Schnelligkeit, Ausdauer, Kraft und Konzentration. Lieblingstanz der Schüler ist heute der Discofox. Erwachsene mögen Walzer, Rumba, Cha-Cha-Cha, Slowfox.

www.tanzschule-schmeisser.de

Tanz in der Literatur:
Tanz ist das stärkste Ausdrucksmittel der menschlichen Seele
(Thomas Niederreuther)
Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel nichts mit dir anzufangen
(Bischof Augustinus Aurelius)
Der Tanz ist ein Gedicht und jede seiner Bewegungen ein Wort
(Mata Hari)
Tanzen ist die schönste Gelegenheit, einander auf die Zehen zu treten
(Walter Ludin)
Der Tanz ist eines der verstecktesten und raffiniertesten Vorspiele
(Michael Marie Jung)
Im Tanz befreit die Seele den Körper vom Geist
(Lisz Him)
Tango - das sind zwei ernste Mienen und vier Beine, die sich amüsieren
(Carlo Labin)
Ballett ist auf die Spitze getriebene Anmut
(Erwin Koch)
Discodance - einige in spärliche Fetzen gekleidete Menschen vollführen rhythmische Zuckungen, um einen epileptischen Anfall vorzutäuschen und damit das Mitleid ihres Tanzpartners zu erregen
(Karsten Mekelburg)
Tanz ist die Poesie des Fußes
(John Dryden)
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