Wind um die Nase wehend eine einzigartige Landschaft erleben. Verein engagiert sich für den Erhalt der stillgelegten Thüringer Oberlandbahn und bietet Fahrten mit der Draisine an

Tschüssi! Und gute Fahrt! Bevor sich allerdings die muskelbetriebene Draisine in Bewegung setzt, haben die Vereinsmitglieder alle Hände voll zu tun. Auf den nachfolgenden Fotos ist die gesamte Geschichte zu sehen.
 
Am Anfang steht - wie immer - die Arbeit. Vereinschef Steffen Rudolph schleppt die Zwölf-Personen-Draisine vom Ziegenrücker Bahnhof zur Lückenmühle.
Remptendorf: Bahnhof | Wer den Berg hinunter rollen möchte, muss erst mal hinauf. Das ist mit Draisinen – das sind Schienenfahrzeuge ohne Antriebsmotor – einfacher gesagt als getan. Aber die Mitglieder des Vereins Thüringer Oberlandbahn sind schließlich findige Bürschchen. Sie haben sich einen Pkw für die Schiene umgebaut. Auf den Schienen damit rasen ist nicht. Er ist gedrosselt und hat nur einen Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Die Zwölf-Mann-Draisine auf dem Ziegenrücker Bahnhof angehängt, geht es hinauf zur Lückenmühle mit sechs Prozent Steigung. Hinterm Lenkrad sitzt der Vereinschef Steffen Rudolph höchst persönlich. Erstaunlicherweise hat er während der Fahrt im Schneckentempo schön brav die Hände am Lenkrad. Zu lenken gibt es logischerweise auf der Schiene nichts – das Lenkrad ist arretiert. Die Macht der Gewohnheit eben. Eine Dreiviertelstunde braucht das außergewöhnliche Gefährt für die zehn Kilometer.

Angekommen am Bahnhof Lückenmühle, warten bereits die Fahrgäste. Es sind Mitglieder der Gewerkschaftsgruppe der Sozialversicherung GdS aus dem Saale-Orla-Kreis. Das illustre Team sei immer mal zusammen in der Freizeit unterwegs. Natürlich privat finanziert und nicht von den Mitgliedsbeiträgen, betonen sie noch. Voller Vorfreude nehmen sie die Fahrscheine entgegen. Dann heißt es Platz nehmen. Warm angemummelt haben sie sich. Die Eisheiligen haben über Nacht die Temperatur um über 20 Grad sinken lassen. Sitzkissen unterm Popo und Decken auf den Beinen wärmen. Von dem emsigen Treiben der Vereinsmitglieder vorab haben sie nicht viel mitgekommen. Eine zweite, kleinere Draisine wurde noch per Achse von Knau herangeschafft und sozusagen als zweiter Wagon angehängt. Die Fahrt kann beginnen. Kräftig in die Pedale treten heißt es nicht nur für den Vereinschef. Zwei weitere Fahrgäste haben Pedale unter den Füßen. Der Tross setzt sich in Bewegung. Lange strampeln müssen sie nicht. Bereits nach der ersten Kurve geht es bergab. Fahrtwind um die Nase wehend, präsentiert sich den Fahrgästen eine außergewöhnliche Landschaft. Nach jeder Kurve sieht’s anders aus. Frisches, sattes Grün wechselt mit Natursteinmauern, Schieferfelsen, Nadelwäldern, rechterhand Bergen und links tiefen Schluchten. Vieles davon haben sie als Einheimische zwar irgendwann schon mal gesehen, aber noch nie aus dieser Perspektive.

Und während die Landschaft vorbei fliegt, unterhält Steffen Rudolph seine Gäste. Erklärt, was rechts und links zu sehen ist, beantwortet geduldig jede Frage zum Verein. Den gibt es seit vier Jahren. Enthusiasten haben sich zusammengefunden, die landschaftlich reizvolle Strecke der Thüringer Oberlandbahn zu erhalten. Die DB-Strecke ist seit der Stilllegung 1998 an die Deutsche Regionaleisenbahn GmbH (DER) in Berlin verpachtet. Der Verein hat mit DRE einen Kooperationsvertrag geschlossen. Sie dürfen die Strecke für Draisinenfahrten nutzen. Im Gegenzug erhalten die Vereinsmitglieder die Strecke. Dabei werden sie von der DRE mit Material, Werkzeug und Maschinen unterstützt. „Gäbe es die DRE nicht, wären die Gleise längst schon weg“, ist sich Rudolph sicher und fügt an „schließlich erwirtschaftet die Strecke keine Einnahmen“. Die Vereinsmitglieder haben alle Hände voll zu tun. Zwar müsse nicht wie bei der Bahn eine lichte Höhe und Breite von vier Metern freigehalten werden. Dennoch fordert der fehlende Zugverkehr seinen Tribut. Die Natur holt sich die Gleisanlagen zurück. Diesem Umstand wird mit zahlreichen Arbeitseinsätzen entgegen gewirkt.

Nach einer halben Stunde ist der erste Höhepunkt der Fahrt im wahrsten Sinne des Wortes erreicht. Es geht über die Ziemestalbrücke. Die einzigartige Stahlträgerkonstruktion hat eine Länge von 115 und eine Höhe von 32 Metern. Am Ende der Brücke legen die Draisinenfahrer eine Pause ein. Lecker Rostbratwürste, Bier und Sekt warten auf die Fahrgäste. Und ganz nebenbei kann auch die Brücke unter die Lupe genommen werden. Leider hinter den hohen Bäumen nicht zu sehen, befindet sich auf der anderen Seite des Tals die Wysburg. Dass die Brücke begehbar ist, ist auch nicht selbstverständlich. Die Vereinsmitglieder haben es mit viel Arbeit möglich gemacht.

Die Fahrgäste zeigen sich begeistert. Und das nicht nur von der Landschaft und dem Erlebnis, sondern auch von dem emsigen ehrenamtlichen Wirken der Vereinsmitglieder. „In solch einer tollen Kulisse mit außergewöhnlicher Anfahrt haben wir noch nie eine Bratwurst gegessen“, meint Elke Reiher, Vorsitzende des GdS-Kreisverbandes. Während die Männer der Runde ein Bierchen bevorzugen, stoßen die Damen auf dieses tolle Erlebnis mit Sekt an. Dabei wissen sie noch gar nicht, was sie auf der zweiten Hälfte der Fahrt erwartet. Sie werden Ruderern auf der Saale zuwinken. Vier Tunnel warten auf sie. Sie werden riechen, dass hier einst Dampfloks gefahren sind. Und sie werden einen Endspurt einlegen müssen. Natürlich bleibt auch noch Zeit, mehr über den Verein zu erfahren. Beispielsweise, dass bis zur letzten Saison mit logistischem Riesenaufwand jedes Wochenende Draisinen von befreundeten Verein heran geholt werden mussten. Jetzt fährt der Verein mit drei eigenen Draisinen und kann maximal 22 Personen befördern. Oder erzählt die Geschichte von einem befreundeten Hamburger Verein, der mit eigenen Draisinen anreist und die Strecke sogar bergauf per Muskelkraft fährt. Oder erzählt von dem Vorhaben, dass der Verein auf dem Ziegenrücker Bahnhof einen "Lokschuppen" für die Draisinen ausbauen möchte, damit sie ständig vor Ort verfügbar sind. Oder er erzählt, wie schwierig es ist, den ständig neuen Pflanzen im Gleisbett Herr zu werden. Oder er erzählt von den tierischen Erlebnissen bis hin zu ganzen Mufflonherden auf der Strecke. Oder...

Verein Thüringer Oberlandbahn e.V.

Informationen zu Terminen, Fahrzeiten und zur Strecke unter Telefon 0365/71291365 oder im Internet www.verein-thueringer-oberlandbahn.de, E-Mail info@verein-thueringer-oberlandbahn.de.
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 22.05.2012 | 18:25  
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