Kultur
Der Thüringer Autor Ronny Ritze ist die reinste Froschnatur. Jetzt zieht er nach Sachsen und lässt ein paar Froschgräten zurück

Früher war ich Frosch...., sagt der Thüringer Autor, Verleger und Lehrer Ronny Ritze.
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Früher war ich Frosch. Was bleibt, sind Gräten – sagt der Thüringer Autor Ronny Ritze. Er will seinen Aktionsradius erweitern und nimmt mit seinem Buch „Froschgräten“ Abschied von Thüringen. Aber nur literarisch.

Eigentlich ist ein Tagebuch etwas ganz Privates. Deshalb teilte es Ronny Ritze - Journalist, Verleger, Buchautor und Lehrer aus Thüringen - auf facebook mit nur wenigen Freunden. Doch die amüsierten sich königlich und brachten ihn, einen Handwerker der deutschen Sprache, auf die Idee, das „Best of“ seiner Erlebnisse in einem Büchlein zu verewigen. Denn wer schreibt, der bleibt – in Erinnerung.
Auf seinem Schreibtisch hat Ritze indes aufgeräumt: Er steuert neue berufliche und amouröse Ufer in Sachsen an, bleibt Thüringen aber teilzeittreu. Und so ist das hundertseitige Büchlein, das soeben als Softcover erschien, nicht nur eine biografische Zwischenbilanz, sondern auch so etwas wie Ritzes literarischer Abschied von Thüringen und insbesondere Stadtilm, wo er die vergangenen zehn Jahre verbrachte. „Früher war ich Frosch. Was bleibt, sind Gräten“, konstatiert der Prosatherapeut und nennt sein Buch daher „Froschgräten“.
AA-Redakteurin Jana Scheiding hat den Frosch getroffen, der auch in Sachsen seinen Teich fand.

Nun seien Sie mal kein Frosch und verraten uns, an welcher Gräte Sie sich verschluckt haben.
Zuweilen verschlucke ich mich an sprachlichen Gräten.

Ist Thüringen sehr grätenreich?
Es gibt eine natürliche Sprachgrenze, irgendwo zwischen Arnstadt und Rudolstadt. Man muss über den Hund fahren – einen Berg, auf dem nicht nur Laster, sondern auch etwas vom Erfurter Dialekt hängenbleiben. Etwas weiter wird die Sprache zum ostthüringischen Slang. Thüringen ist insofern schon grätenreich, ich finde das aber charmant.

Wo entlang führt die Hauptgräte?
In der Landeshauptstadt ist der Thüringer Einschlag schon zu spüren. Man spricht dort gern von Bratwurst mit Sempf. Dort, wo Luther und die Puffbohne heimisch sind, versteht man die Welt aber noch. Schwieriger wird es tatsächlich in Arnstadt und Umgebung. Zwischen Wachsenburg und Ilm-Radweg verläuft eine andere Sprachgrenze. Und weil Stadtilm direkt im Grenzgebiet liegt, können sich die Stadtilmer für keine Seite entscheiden. Mittelsachsen und Ureinwohner des Erzgebirges behaupten, dass hier ein dreckiges Sächsisch gesprochen würde.

Unverschämtheit! Was haben die Stadtilmer diesem stinkenden Fisch entgegenzusetzen?
Die Stadtilmer sind halt anderst. Sie finden das nicht schlümm und brummen kautzig in sich hinein. Sie sagen „Ge“ und „No“ und meinen „Ja“. Vorzugsweise donnerstags zum Markttag halten sie einen Schwatz miteinander:
„Un, Gerda…?
„Na, es Beene. Isch wolld ma zum Dogdor, awer der hat schon wiedar zu.“
„Isch wolld och gehn. Mensch, was mach ischn bloß wechn meiner Hüfde? Muss isch wohl doch ä ma Arnscht nein…“
„Es is schlümm.“
„Was willste mache?! Ärchern tuste dich überall.“
„Machs gud! Isch will noch ma wechn na Bluse gugn.“
„Sach Heinz n schön Gruß!“

Ich kann nicht mehr… Da ist aber - aus Froschperspektive gesehen – Ihr neuer Tümpel keineswegs sauberer.
Sie sagen es. In Mittelsachsen lernte ich zuerst das Wort ningeln. Wer ningelt, hat etwas auszusetzen. Dann gibt es noch den Begriff „Weßschnie“ – ein Ausdruck des Unverständnisses und die häufigste Antwort, die man als Lehrer zu hören bekommt. Die Schüler kommen beiderorts frühs öfter anderst als verabredet und nutschen Bomboms.

Und Sie quaken fortan sowohl in Dieringen also auch in Mittweede, auf Deutsch Mittweida. Mussten Sie dort auch schon Gräten abknuppern?
Ja, neulich beim Bäcker:
„Guten Tag.“
„Grieß disch.“
„Ich hätte gern zwei Doppelte und ein Rosinenbrötchen.“
„Hammar nie mar.“
„Wie bitte?“
„Rosinenbrötchen sin alle.“
„Ach so. Dann war es das.“
„Gundengarte?“
„Nein.“
„Macht enszwanzsch.“
Ich reiche der Verkäuferin einen Zehn-Euro-Schein, sie schaut mich fragend an.
„Ich schau mal, ob ich Kleingeld habe.“
„Ja, ma sehn, ob mir das hingriegn.“
„Ob wir das hinkriegen? Also ich habe 43 Cent, und Sie?
Sie lacht und ruft „Lustsch! Wirklich lustsch!“

Zur Sache:
Ronny Ritze kam 2007 nach Stadtilm und recherchierte für das Jugendradio des hiesigen Jugendclubs. Er war viel unterwegs, kehrte aber – einem Frosch gleich - immer wieder in den heimatlichen Teich zurück. Mit seiner Schreibwerkstatt reist der Prosatherapeut nun durch Sachsen und Thüringen, lehrt an Schulen, was Menschen bewirken können, indem sie Erlebnisse aufschreiben.
In seinem Buch „Froschgräten“ geht es nicht nur um sprachliche Spitzen. Ronny Ritze beschreibt unter anderem die Zeit, als Stadtilm Internet bekam, und erzählt die Geschichte von der vergessenen Gasleitung.
Lesung aus „Froschgräten“ am 6. Dezember, 18 Uhr, in der Stadtbibliothek Stadtilm. Eintritt frei.
Das Buch ist demnächst im Buchhandel und bei Amazon erhältlich.

Früher war ich Frosch...., sagt der Thüringer Autor, Verleger und Lehrer Ronny Ritze.
Ronny Ritze "quakt" jetzt in zwei Teichen.

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