Religion in Samt und Seide: Kleine Synagoge Erfurt zeigt wertvolle jüdische Betutensilien

Dietmar Görgmaier zeigt auf die aufwändige Stickerei auf einem Toravorhang aus kardinalrotem Seidensamt.
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  • Dietmar Görgmaier zeigt auf die aufwändige Stickerei auf einem Toravorhang aus kardinalrotem Seidensamt.
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Rudolstadt/Erfurt.

Ein wenig paradox ist das schon: Die Heidecksburg www.heidecksburg.de in Rudolstadt hält seit dem 1. Weltkrieg wertvolle synagogale Textilien (jüdische Gebetsutensilien) www.erfurt.de unter Verschluss, weil es dort keinen Gebetsraum gibt, um sie dauerhaft auszustellen. Erfurt hat sogar eine Synagoge, aber keinerlei Ausstattung.

Der promovierte Dietmar Görgmaier ist Vorsitzender des Fördervereins „Alte & Kleine Synagoge“ jüdisches-leben.erfurt.de und hat dieses Paradoxon zumindest für einige Wochen aus der Welt geschafft. Bis 11. Mai wird in der Begegnungsstätte an der Stadtmünze eine Sonderausstellung von 15 synagogalen Textilien der Rudolstädter Judaica aus dem 18. Jahrhundert gezeigt. Leider stellt die Heidecksburg die Exponate nicht dauerhaft zur Verfügung. Weil die wertvollen Stücke zum Teil schwer beschädigt waren, landeten sie 2009 in der Werkstatt von Restauratorin Christiane Schill, die sich den Toramänteln, -vorhängen, -wimpeln und Pultdecken ein halbes Jahr lang intensiv widmete. www.thueringen-tourismus.de
Dietmar Görgmaier führt Besucher gern in den Betsaal der Kleinen Synagoge, wo die Leihgaben aus Rudolstadt aufgebaut sind. www.thueringenweb.de „Ich finde es faszinierend, dass hier alles authentisch ist“, schwärmt er. „Die Synagoge wurde im Krieg nicht zerstört. Hier ist also nichts abgebrannt und wieder aufgebaut, alles original.“
Original sind auch die geliehenen Objekte aus Rudolstadt. Der Raum ist abgedunkelt, damit die kostbaren Stoffe nicht ausbleichen. Automatisch spricht man leiser, beinahe ehrfürchtig. Görgmaier kennt historische Fakten: „1349 siedelten sich zum ersten Mal Juden in Rudolstadt an, die aber im späten Mittelalter vertrieben wurden. Erst im 18. Jahrhundert bildete sich wieder eine jüdische Gemeinde. Fürst Ludwig Friedrich II. von Schwarzburg-Rudolstadt erkannte diese 1796 als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft de.m.wikipedia.org/wiki/Glaubensgemeinschaft an.“ Das erklärt wohl auch, weshalb der Fürst auf Gebetstafeln namentlich erwähnt und somit in die Gebete der Gemeinde eingeschlossen war.
Als das letzte Mitglied der jüdischen Gemeinde, Hildegard Callmann, im Oktober 1911 stirbt, schenken die Erben sämtliche Gegenstände der städtischen Altertumssammlung in Rudolstadt. Ende des ersten Weltkrieges gelangen die Stücke auf die Heidecksburg, wo sie den Nationalsozialismus de.m.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialismus überdauern. 1983 erfasst der damalige Direktor Alfred Koch die Judaica-Sammlung. Fachlicher Austausch ist aber erst nach 1989 möglich. 1993 werden einzelne Objekte auf der Heidecksburg und 1997 im Haus Dacheröden in Erfurt gezeigt.
“Die Tora ist das Pendant zur Bibel der Christen. Sie wird handgeschrieben, bedeutet 'Lehre' und enthält neben der Geschichte Jerusalems www.sueddeutsche.de/thema/Jerusalem 613 Ge- und Verbote“, sagt Görgmaier mit einem Fingerzeig auf die entsprechende Vitrine und bleibt ein paar Schritte weiter vor langen bestickten Schals stehen. „Das sind Torawimpel“, jmberlin.de/zeit/de/leben.php erklärt er. „Sie wurden für die Beschneidung eines Neugeborenen ausschließlich von Frauen genäht und enthalten die Daten von Vater und Sohn. Der Wimpel diente zeitweise sogar als Geburtsurkunde.“

Zum Verein
Der 1998 gegründete Förderverein „Alte und Kleine Synagoge Erfurt e. V.“ www.synagogenverein-erfurt.de will beide ehemalige Synagogen in Erfurt unterstützen. Er organisiert Vorträge, Diskussionen, Konzerte und Ausstellungen. Seit einigen Jahren veranstaltet der Verein die alljährlich im Herbst stattfindenden „Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur in Thüringen“.

Dies & Das
1918 baute man Wohnungen in die Kleine Synagoge An der Stadtmünze 4-5, weshalb sie wahrscheinlich der Zerstörung des 2. Weltkrieges entging. 1993 wurde unter Wandverkleidungen und Zimmerdecken der Toraschrein freigelegt. Seit 1992 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.
Die Judaica-Sammlung gehört zu den kulturhistorisch wertvollsten Beständen im Landesmuseum Heidecksburg.
Die Juden wurden für die schwarze Pest (42 Millionen Tote) verantwortlich gemacht, weil sie angeblich die Brunnen vergifteten, und deshalb vertrieben. 1349 kam es in Erfurt, Arnstadt, Frankenhausen und Stadtilm zu Progromen.

Synagogale Textilien sind Toravorhang, -mantel, -binder und Pultdecke. Der Vorhang bildet mit dem Toraschrank, wo die Tora aufbwahrt wird, eine Einheit. Die Pultdecke liegt auf dem Katheterpult des Kantors, wo die Torarolle verlesen wird. Der Toramantel wird über die Rolle gezogen. Der Toraschrank befindet sich in europäischen Synagogen immer an der Ostwand (ansonsten an der nach Jerusalem ausgerichteten Wand).

Die Torarolle darf bei Beschädigung nicht einfach entsorgt, sondern muss auf einem Friedhof beerdigt werden. Sie ist das Medium, über das sich Gott offenbart.

Der Davidstern de.wikipedia.org/wiki/davidstern bezieht sich auf einen Talisman, den König David besessen haben soll. Er ist die Antwort auf das christliche Kreuz. www.pm-magazin.de

Begleitprogramm Führungen:
6. April, 11/17 Uhr; 10. 4., 17 Uhr; 24. 4., 17 Uhr; 27. 4., 11 Uhr; 10. Mai., 16 Uhr. Finisage inklusive Führung mit Restauratorin Christiane Schill: 11. 5., 17 Uhr. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. www.schloss-burgk.de
Kontakt: 0361/6551661, E-Mail: kleinesynagoge@erfurt.de

Autor:

Jana Scheiding aus Arnstadt

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