Kultur
Zum Bücherflohmarkt in Bad Lobenstein gibts diesmal auch Vinyl

Die Gegensätze könnten kaum größer sein – Vinylfan Roland Barwinsky mit Scheiben von Herbert Roth, Bruce Springsteen, Nena und Folk-Blues-Musiker Stefan Diestelmann.
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  • Die Gegensätze könnten kaum größer sein – Vinylfan Roland Barwinsky mit Scheiben von Herbert Roth, Bruce Springsteen, Nena und Folk-Blues-Musiker Stefan Diestelmann.
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Roland Barwinsky, Bibliotheksleiter in Bad Lobenstein, entdeckt in einem Abstellraum hunderte Schallplatten. Der Schatz aus Vinyl kommt zum Bücherflohmarkt am 25. März im Lobensteiner Schloss gerade recht.

Die Schallplatte tot und vergessen? Mitnichten! Wahre Rillenjunkies glaubten die schwarze Scheibe niemals wirklich verloren und sollten Recht behalten: Mitten in einer Welt aus Digitalisierung, E-Books und Flatrate-Streaming erhebt sich das Vinyl ein bisschen wie Phönix aus der Asche.
Die Bibliothekare im Thüringer Kurstädtchen Bad Lobenstein wollten ihren Plattenbestand vor 30 Jahren weder verschenken noch wegwerfen und lagerten hunderte Scheiben im Keller ein. Diesen Schatz entdeckt Bibliotheksleiter Roland Barwinsky Ende 2017 und gerät darüber in Ekstase. „Meine Augen wurden immer größer“, erinnert sich der 55-Jährige. Einen Teil des Bestandes schleppt er in die Ausleihe, wo er die Platten nur zu gerne zeigt.
„Zwischen Schallplatte und CD liegen Welten“, erläutert der Vinylfan. „Die CD ist steril, ohne Charme. Sobald ich eine LP höre, fühle ich mich entschleunigt. Ich schließe die Augen und wähne mich an der Bühne, die Band wenige Meter von mir entfernt. Fans behandeln ihre Sammlung wie ein gutes Möbelstück. Thüringer Sammler reisen durch den gesamten Freistaat, um an alte Platten zu kommen.“Und weil Roland Barwinsky diesen Schatz nicht wieder einmotten möchte, will er die Platten auf dem nächsten Bücherflohmarkt im Neuen Schloss Bad Lobenstein anbieten.

Immer mehr alte Platten kommen auf den Tisch

Während der Kaffee kalt wird, breitet der Bibliotheksleiter immer neue Platten auf dem runden Tisch zwischen Bücherregalen aus. Darunter etliche DDR-Lizenzproduktionen. Zu vielen Scheiben kann er etwas erzählen. Zwischen Madonna, Herbert Roth und dem Zentralorchester der Nationalen Volksarmee blitzt ein Cover mit blauem Jeanshintern hervor. „Zum Bruce Springsteen-Konzert bin ich im Sommer 1988 mit meiner damaligen Freundin nach Berlin-Weißensee getrampt. Es waren 160000 Leute da und wir marschierten ungehindert durch Eintritt und Security. Da war diese sagenhafte Aufbruchstimmung, die ich nie vergessen werde.“
Folk-Blues-Musiker Stefan Diestelmann machte aus dem Oberschüler Barwinsky einen Bluesfan. „Ende der Siebziger war ich 16 und fand die Platte geil. Als ich später auf Blueskonzerte ging, war ich total begeistert.“ Neben der Bluesszene gab es in der DDR eine Jazzszene, weiß Barwinsky. „Dort trafen sich die Intellektuellen. Die Bluesfans waren eher reiselustig und trinkfest. Aber grundehrlich.“

Jürgen Kerth ist für mich der beste Gitarrist des Ostens

Das Stöbern in den Platten beginnt Spaß zu machen. „Jürgen Kerth ist für mich der beste Gitarrist des Ostens – individuell und eigensinnig“, sagt Barwinsky über den Erfurter Musiker. Und als die Beatles mit Hits zwischen 1967 und 70 auftauchen, ist er schon wieder hin und weg. Platten von Udo Lindenberg, ZZ Top, Gisela May, Barbara Thalheim, Karat oder Otto liegen neben ukrainischen Volksliedern, Bach und Goethes Faust. Beinahe ehrfürchtig blättert Barwinsky im leicht vergilbten, aber unversehrten Programmheft. Ob es schmerzt, wenn die Platten zum Flohmarkt den Besitzer wechseln? „Ich besitze selbst eine umfangreiche Sammlung. Außerdem freue ich mich, wenn Menschen an den Platten Freude haben und Erinnerungen auffrischen.“
Das wertvollste Schätzchen hat er sich bis zum Schluss aufgehoben. „Unter den Raritäten ist ein Sampler von Rio Reiser, dem unvergessenen ‚König von Deutschland‘ und nur 46 Jahre alt gewordenen Frontmann von ‚Ton Steine Scherben‘. Jener Band, die einst mit ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht‘ und ‚Keine Macht für Niemand‘ die Soundtracks für eine gesamte Anarcho-Generation lieferte.“

Zur Sache:
2016 wurde mit Vinyl ein weltweiter Großhandelsumsatz von rund 560 Millionen US-Dollar erwirtschaftet. In Deutschland hat sich der Umsatz zwischen 2008 und 2016 verachtfacht. 2016 wurden LPs im Wert von 70 Millionen Euro verkauft (Quelle: Zeit online).
Noch ist Vinyl ein Nischenprodukt, doch die Nachfrage steigt. Pressen werfen heute sogar farbige Platten aus. Problematisch: Mit Einführung der CD wurden viele Vinylpressen verschrottet, die verbliebenen sind Jahrzehnte alt. Maschinen neu zu entwickeln und zu bauen, wäre derzeit unökonomisch.
Ein Plattenpresswerk im mecklenburgischen Röbel an der Müritz kaufte aus Russland und Finnland Maschinen zurück und reaktivierte eine Maschine aus dem Berliner Technikmuseum. Bis zu 70000 Scheiben verlassen täglich das Band. Weitere Plattenpresswerke befinden sich unter anderem in Stollberg, Görlitz und Augsburg.
Termin: 25. März, 13 bis 17 Uhr, Bücher- und Schallplatten-Flohmarkt im Neuen Schloss Bad Lobenstein. Das Lesecafé hat auch geöffnet.

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