Das singende, klingende Treppenhaus: Wie die Arnstädterin Undine Engel eine ganze Hausgemeinschaft zusammenhält

Zu Weihnachten trifft man sich in der Saalfelder Straße im Treppenhaus. Sogar einen Weihnachtsbaum und Musik gibt es. Unten auf der Straße werden derweil Bratwürste gebraten.
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  • Zu Weihnachten trifft man sich in der Saalfelder Straße im Treppenhaus. Sogar einen Weihnachtsbaum und Musik gibt es. Unten auf der Straße werden derweil Bratwürste gebraten.
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Bei Undine Engel aus Arnstadt ist der Name Programm: Sie hilft gern, kann Ungerechtigkeiten nicht ausstehen und will dafür nichts als gelegentlich ein Dankeschön.

Drei, vier, fünf Mal im Jahr herrscht im blitzsauberen Hausflur des Arnstädter Wohnblocks Saalfelder Straße 1 d-f dichtes Gedränge. Da stehen hübsch eingedeckte Bierzelttische, auf den Bänken liegen Sitzkissen - in Beschlag genommen von einer quirligen Menschenmenge, die sich auf die Wohnungen im Block verteilt. Jeder hat sein eigenes Gedeck mitgebracht. Es ist gemütlich. Mittendrin Arnstädter Politprominenz und der Vermieter, die sich sichtlich wohlfühlen und das auch kundtun. Die letzte Party dieser Art liegt noch nicht lange zurück - da stimmte sich die Hausgemeinschaft mit eigenem Kulturprogramm auf Weihnachten ein.
Frontfrau des Organisationsteams ist Undine Engel, deren Name im Einklang mit ihrem Handeln steht. Geholfen, Freude bereitet, sich eingesetzt hat sie schon immer. Schonungslos, uneigennützig. "Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen", sagt sie mit fester Stimme.

Für den Aufbau von KISS gab es die Thüringer Rose

Viele Jahre war Undine Engel im Sozialbereich tätig. Gründete in Arnstadt die Selbsthilfeorganisation "KISS" und erhielt dafür auf der Wartburg die Thüringer Rose. Irgendwann kam der Abschied vom Berufsleben, doch für Engel war das kein gesellschaftlicher Rückzug. "Mir fehlten meine Kollegen, das tägliche Miteinander", erinnert sie sich. Und daran, dass sie sich ein neues Betätigungsfeld suchte. Als Vertrauensfrau ihres Wohnblockes - Bindeglied zwischen Vermieter VWG und den Mietern - konnte sie sich weiterhin engagieren.
Vor neun Jahren war an gemeinsame Bustouren, Singen und Feiern im Hausflur noch nicht zu denken. "2008 kurz vor Weihnachten erzählten mir Mieter, wie sie ihre Wohnungen verschönern wollten", erzählt Undine Engel. "Doch als Vertrauensfrau wusste ich, dass der Vermieter den Block sanieren würde und die Mieter nicht in den Wohnungen bleiben konnten. Also nahm ich alle zusammen, um zu verhindern, dass sie unnötig Geld ausgaben."

Solche Hausgemeinschaften können sich Vermieter nur wünschen

Bis heute ist der Wohnblock Saalfelder Straße 1 d-f ein Vorzeigeobjekt der VWG, die sich solche Wohngemeinschaften auch für andere Objekte wünscht. Zu verdanken ist das wiederum Undine Engel. 2010 - nach der Sanierung - organisierte sie eine Party zum Kennenlernen. "Durch die baulichen Veränderungen begegneten wir uns öfter, vorher waren die Hausaufgänge voneinander getrennt gewesen". Engel backte Kuchen und ging von Tür zu Tür, um die Mieter einzuladen. Jeder sollte einen Stuhl und ein Kaffeegedeck mitbringen. "Es gelang mir sogar, einen Künstler aufzutreiben, der im Hausflur Violine spielte", erzählt Engel und lacht. Es sollte eine einmalige Sache bleiben. "Doch dann kamen Weihnachten, Frühling, das Sommerfest auf der hauseigenen Grünanlage und die erste spontane Glühweinparty bei 17 Grad minus. Ich hatte unten Lichtertüten aufgestellt und den Nachbarn Bescheid gesagt, wann sie aus dem Fenster schauen sollten. Doch sie schauten nicht nur, sondern kamen mit Taschenlampen und Liederbüchern. Wir haben dann gemeinsam gesungen."
Auch bei der alljährlichen städtischen Putzaktion kämpft die Hausgemeinschaft an vorderster Front. Nach getaner Arbeit treffen sich alle auf ein bis zwei Bratwürste.
Undine Engel ist dieser Zusammenhalt wichtig. "Viele Menschen sind einsam und Einsamkeit macht krank. Wenn man öfter zusammensitzt, lernt man sich kennen und verhindert manchen Konflikt. Wir haben im Haus eine offene Wohngruppe des Marienstifts. Das sind Menschen mit Handicap, die hier voll integriert sind. Sie konnten es gar nicht erwarten, zur Weihnachtsfeier Gedichte aufzusagen."
Den Job als Vertrauensfrau hat Undine Engel inzwischen aufgegeben, nicht aber ihr Engagement - für den Arnstädter Verein "Herzblatt" und die Mietergemeinschaft. "Auf der Bautafel stand damals 'Gemeinsam schöner wohnen'. Wir wollen diesen Slogan mit Leben füllen."

Zur Sache:
KISS steht für Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe. In Arnstadt steht sie unter Trägerschaft der AWO. Für deren Aufbau erhielt Undine Engel 1997 die "Thüringer Rose". Mit dieser Auszeichnung würdigt das Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie in Erinnerung an die Heilige Elisabeth von Thüringen jährlich auf der Wartburg Menschen, die sich selbstlos und ehrenamtlich für Hilfsbedürftige einsetzen.
Der Freundeskreis Kinderorthopädie "Herzblatt e.V." des Marienstifts Arnstadt unterstützt Patienten und deren Angehörige bei kinderorthopädischen Belangen.
Der Wohnkomplex Saalfelder Straße 1 d-f ist ein Vorzeigeobjekt der Vereinigten Wohnungsgenossenschaft Arnstadt von 1954 eG (VWG), die sich dem genossenschaftlichen Solidargedanken verpflichtet fühlt und die Wohngemeinschaft mit Know How für die Feierlichkeiten unterstützt.

Autor:

Jana Scheiding aus Arnstadt

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