Anzeige

Menschen
LPG-Chef, Sänger, Wetterfrosch, Kirchenretter - Roman Lorenz ist der Macher aus Dienstedt

Roman Lorenz in seiner Küche in Dienstedt.
Roman Lorenz in seiner Küche in Dienstedt. (Foto: Jana Scheiding)
Anzeige

Roman Lorenz sitzt am Küchentisch in seinem Haus in Dienstedt. Vor sich Papiere, Urkunden, Zeitungsberichte, Fotos. Chronologisch geordnet, in Klarsichthüllen verpackt. Es scheint, als habe er sich für ein Bewerbungsgespräch gewappnet. Doch Roman Lorenz ist 88. Die Prüfung für einen Job muss er wohl nicht mehr bestehen.

Nüchtern betrachtet ­musste er sich nie groß ­bewerben. Irgendwie ­haben ihn andere immer haben ­wollen. ­Vielleicht, weil er ohne viele Worte anpackte. So wie 1953, als Bauern aus Dienstedt in den ­Westen gingen und ihre Höfe zurück­ließen. Roman ­Lorenz war schon einige Jahre im Dorf – 1946 kam er als Aussiedler aus dem Sudetenland – und kannte sich mit ­landwirtschaftlicher ­Technik aus. „Es war die Zeit der LPG-Gründungen“, ­erzählt er. „Im Dorf gab es drei leistungsschwache Betriebe, die der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft angeschlossen wurden. Ich sollte LPG-Vorsitzender werden und nach Ablauf der 30­-minütigen Bedenkzeit war aus dem Traktoristen ein Betriebsleiter geworden.“Einstimmig wurde er gewählt und blieb bis kurz vor der Wende LPG-Chef. Seit 1990 ist Lorenz Rentner. Die ­ehemalige LPG ­existiert noch – als Gesellschaft ­bürgerlichen Rechts.

Lorenz war immer ­mittendrin, statt nur dabei. 1947 trat er in den Chor ein. „Zuerst waren wir 40 Männer, später kamen Frauen hinzu“, erzählt der Tenor. „Wir sangen Lieder wie das vom ‚Ramslatal‘. Der hiesige Heimatdichter und Komponist Felix Gebser hat es geschrieben – es war unsere Dorfhymne.“
Doch singen allein machte nicht glücklich. „Anfang der Fünfziger spielten wir Sommertheater. ‚Kleider machen Leute‘ und ‚Der eingebildete Kranke‘. Die Aufführung hatten wir uns im Theater Erfurt angeschaut und eingeübt. Die Leute kamen aus der ganzen Umgebung, um uns zu sehen. Das war großartig“, erinnert sich Roman Lorenz und holt die passenden Fotos aus der Klarsichthülle.In Weimar hatte er das damals durchgesetzt. Zu DDR-Zeiten durfte niemand einfach so ein Theaterstück nachspielen. Die Laienschauspieler mussten bei der Konzert- und Gastspieldirektion um Erlaubnis bitten. „Erst wollten sie nicht, doch ich konnte sie überzeugen. Und in der Pause kamen die Leute von der Direktion zu uns und entschuldigten sich dafür, dass sie nicht an uns geglaubt hatten.“

Durchsetzen sollte sich Roman Lorenz in seinem Leben noch öfter. 1979 kam die Abrissbirne der Dorfkirche bedenklich nahe. „Es war kein Geld da, um das Gebäude instandzusetzen“, erzählt Roman Lorenz. „Der örtliche Kirchenrat hatte sich mit dem Abriss abgefunden, doch ich wollte das nicht zulassen. Ein Dorf braucht seine Kirche und basta.“ Lorenz ­organisierte ­Baumaterialien und spornte zu Arbeitseinsätzen an, um das Gotteshaus zu retten. Es steht noch heute und ist immer wieder Kulisse für gemeinsame Veranstaltungen. Wie die Enthüllung des Ehrenmals für in den Weltkriegen gefallene Dienstedter. 2005 ging Lorenz von Haus zu Haus, sammelte 1590 Euro für den Gedenkstein. „Es waren sehr bewegende Momente, als unser Chor unter Glockengeläut zum Friedhof zog, um das Denkmal einzuweihen.“

Viele Steine ­brachte ­Roman Lorenz ins ­Rollen. Chortreffen und ­LPG-Jubiläum gehören dazu. Für Urlaub war kaum Zeit – höchstens ein paar Tage im LPG­eigenen Wohnwagen in Königs-Wusterhausen. Zu Hause hatte Roman Lorenz nämlich noch eine andere wichtige Aufgabe: Für den Deutschen Wetterdienst zeichnete er Wetterdaten auf. „Ich beobachtete den Himmel und zählte bei Gewitter jeden Blitz. Oft hatte ich mit Versicherungen zu tun, die Schadensmeldungen überprüfen wollten. Das war eine spannende Sache.“

Inzwischen ist er ein bisschen ruhiger geworden, aber keineswegs untätig. „Meine Fenster kann ich noch putzen und mit dem Familienhund spazieren gehen“, betont er und lächelt. Auf Einkaufsfahrten mit dem eigenen Auto begleiten ihn jetzt Kinder oder Enkel. „Es ist schön, dass die Familie im Dorf wohnt. So ist immer jemand für mich da“, ist der betagte Herr froh. Vor 16 Jahren verlor er seine geliebte Frau Gertrud, die mit ihm manche Lebenshürde nahm. Seitdem sorgt sich die Familie rührend um den Vater und Großvater.

Seit über 70 Jahren ist Roman Lorenz Chormitglied in Dienstedt. Aber singen ­ möchte er nicht mehr so oft. Nicht etwa, weil die Stimme versagt. „Die Lieder der neuen Zeit gefallen mir nicht“, bringt es der agile Senior auf den Punkt. Als die Lieder seinen Geschmack noch trafen, habe er kaum eine Probe versäumt, versichert er. Auf das Wetter hat er immer noch ein Auge. Zwar nicht mehr offiziell, aber schaden kann es auch nicht.

Anzeige
Anzeige

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt