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Wer geht schon freiwillig in den Knast? - Der Thüringer Autor Ronny Ritze tat es und schrieb ein Buch darüber

Ronny Ritze ging freiwillig in den Knast um herauszufinden, ob dieser den Menschen besser macht.
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  • Ronny Ritze ging freiwillig in den Knast um herauszufinden, ob dieser den Menschen besser macht.
  • Foto: Sylwia Mierzynska
  • hochgeladen von Jana Scheiding

Mit dem roten Faden durch das Biotop der Kriminalität? Irgendwann ist der Thüringer Autor und Schreibtrainer Ronny Ritze nur noch ­„der Typ aus dem Knast“. Für sein Buch „TextTäter“ erforscht er drei Jahre lang die Lebenswelten inhaftierter Straftäter und stellt die Frage: Macht das Gefängnis den Menschen besser?

In einer Schreibwerkstatt mit inhaftierten ­Jugendlichen sitzt Leo. Er zieht die Karte mit dem Begriff ‚Mutter‘ und weiß nicht, wie er ihn erklären soll. Zwei der Anführer drängen: ‚Jetzt mach, du Vogel!‘ Schließlich platzt Leo schwitzend und zitternd heraus: ‚Das ist, wenn du nach Hause kommst, und da hat jemand für dich gekocht.‘ Bämm!“
In seinem neuen Buch „TextTäter“ beschreibt Autor und Schreibtrainer Ronny Ritze diese Situation als positiven Stressimpuls. Als ein paar Zeilen weiter zwei Jugendliche aneinander ­geraten und die Worte fallen: „Ich stech' dich ab!“ hat Ritze auch gleich das Beispiel für einen negativen Stressimpuls parat. Mit dem 106 Seiten starken Paperback schließt er ein dreijähriges Projekt ab, das ihn zu Brennpunkten direkt ins Gefängnis führte. Die Erfahrung lehrt ihn, dass es darauf ankomme, früh die Reißleine zu ziehen. Prävention ist dem 37-Jährigen immens wichtig. Denn die vernachlässigten Kinder von heute seien die Straftäter von morgen, warnt er.

"Wir hatten Kletten an den Hosen und rochen nach Schlamm"

Als Ronny Ritze zum ersten Mal in den Knast nach Arnstadt fährt, ist ihm zum Kotzen schlecht. Dort, wo der Autobahnzubringer am Gefängnis vorbeiführt, stromerte er als Kind mit seinen Kumpels an den Baggersee. „Wir hatten Kletten an den Hosenbeinen und rochen nach Schlamm“, erinnert er sich. Im Jahr 2014 sieht die Sache anders aus. Wer ist so verrückt, in ein Gefängnis zu wollen?, fragt sich der Arnstädter. Dann sitzt er ihnen gegenüber – den Kindern jener, die in den Neunzigern den Absprung offenbar nicht geschafft haben. Er blickt in die Gesichter der Wendeverlierer und denkt sich: ­Scheiße, was mache ich hier? Bin ich ein Voyeur, der den krassen Kunden begegnen will? Eigentlich ist er gekommen, um Weihnachtsgeschichten zu erzählen, doch das geht irgendwie nicht.
„Ich schrieb die Anstaltsleiterin an und fragte nach Möglichkeiten für einen Workshop in kreativem Schreiben“, erzählt Ritze. Er bekommt zwölf Wochen. Daraus entsteht das Buch „Schwer gezeichnet“. Die Erfahrungen im Knast treiben den Thüringer um. Mit dem Buch tourt er durch Schulen, betreibt Prävention. Er geht in den Sozialbereich, um zu verhindern, dass Kinder kriminell werden.

"Eine Hälfte ist falsch abgebogen, die andere trägt es in sich"

Wer landet im Gefängnis? „Die Hälfte ist irgendwann falsch abgebogen, die andere trägt es in sich“, sagt Ritze, der irgendwann nur noch als „der Typ aus dem Knast“ bezeichnet wird. Die Frage, ob die Anstalten Menschen besser machen, ist derweil nicht einfach zu beantworten. „Wenn man Menschen zusammenpfercht, entsteht eine Subkultur mit Anführern und Untergebenen“, weiß Ronny Ritze und nennt ein Beispiel: „Der große Steve ist ein Kerl mit 130 Kilo Lebensglück, von oben bis unten tätowiert, acht Jahre wegen schwerer Körperverletzung. Der kleine Steve sieht aus wie Harry Potter, rennt immer weg, wenn man ihn schief ansieht und wurde 72 Mal beim Schwarzfahren erwischt. Im Knast kann der kleine Steve nicht wegrennen. Hier machen große Steves die Gesetze, an die sich alle halten müssen.“ Von den Beamten würden große Steves gemocht, weil sie für Ruhe sorgten. Der Schreibtrainer erzählt von Markus, der bei Leuten einbrach, die zu Hause waren. Als der Polizist den Jungen später auf dem Revier kurz allein lässt, nimmt der die Kaffee­kasse an sich. Für Ritze ist der Knast ein „Biotop der Kriminalität“, wenngleich einige ­Inhaftierte ihn nur ungern verlassen.„Hier hat der Tag Struktur, ich kann Yoga machen und zur Schule gehen. Drin bekommen wir alles vorgesetzt, draußen müssen wir uns selbst kümmern. Daran scheitern viele“, zitiert er einen jungen Delinquenten.

"Kennen Sie mich noch? Ich war einer Ihrer schwersten Fälle"

Manchmal rauben die Geschichten dem ehemaligen Buchhändler Ritze den Schlaf. Eines Tages ist er ­entschlossen, das Projekt abzubrechen. Nur noch Klassik-Radio statt Deutsch-Rap, schwört er sich. Für die Unterlagen kauft er einen Aktenschrank, den er jedoch nicht allein von der Straße in die Wohnung tragen kann. Ein junges Paar kommt des Weges und der Mann greift ohne viele Worte mit an. Im Treppenhaus fragt er: „Und, kennen Sie mich noch?“ Ritze erkennt einen seiner ­schweren Fälle aus der Gruppe der Schulabbrecher. Jetzt steckt der junge Mann mitten in ­einer Ausbildung. Das berührt den Schriftsteller. „Noch am selben Abend begann ich ‚TextTäter‘ zu schreiben.“
Auf den ehemaligen Schulabbrecher hatte das Schreiben wohl therapeutisch gewirkt, es hatte Blockaden gelöst und ihm geholfen, in Fluss zu kommen. Wie konnte der Schreibtrainer zu ihm und ­jenen im Gefängnis mental vordringen? „Eine Methode sind Erzählsteine. Ein Mitglied aus der Gruppe würfelt eine bestimmte Abbildung und beginnt eine Geschichte zu erzählen. Der nächste muss diese sinnvoll fortsetzen. Ein gutes Mittel ist aber auch der rote Faden. Die Teilnehmer sitzen im Kreis und wer den roten Faden berührt, darf erzählen. So vermeiden wir Chaos.“

Ritze gibt ein Stück Identität zurück

Diese Strategien funktionieren nicht nur im Gefängnis. Sie kommen auch bei Schülern und Jugendlichen an, bei denen das Kind sprichwörtlich noch nicht in den Brunnen gefallen ist.
In seinen ­Schreibworkshops gibt Ritze den jungen Menschen ein Stück Identität zurück, denn oft sind es Opfer von Mobbing und nach Aufmerksamkeit Heischende, die vor ihm sitzen. Deshalb setzt er so sehr auf Prävention.
„Der Täter von morgen – ganz gleich ob Amokläufer, Dieb, Dealer oder Schläger – ist heute ein Kind, das in den Fokus rücken muss, weil es vernachlässigt wird. Wir glauben, die Institutionen werden es schon richten. Doch das ist ein Irrtum. Wir selbst müssen es richten, weil der Knast den Menschen nun mal nicht besser macht.“

Hintergrund: 
» In Deutschland werden über fünf Millionen Straftaten jährlich angezeigt. Etwa 60 Prozent der Verfahren werden eingestellt. 4,7 Prozent der Verurteilten erhalten Freiheits­strafen ohne Bewährung.
» Der Gefängnisaufenthalt für einen Jugendstraftäter inklusive Behandlung, Therapie und Freizeitgestaltung kostet rund 4000 Euro im Monat.
» In Deutschland sitzen derzeit 3600 Jugendstrafgefangene ein, in Thüringen sind es 81. Knapp 70 Prozent werden nach der Entlassung rückfällig. Im Thüringer Jugendarrest landen durchschnittlich zehn Jugendliche, hauptsächlich wegen Vermögensdelikten, Schwarzfahrens, aber auch Körperverletzung und Schulverweigerung.
» Die 2014 in Arnstadt eröffnete Jugendstrafanstalt ist die modernste Jugendhaftanstalt: 15 Hektar Gelände; 1,2 Kilometer Mauer; 80 Millionen Euro Investitionssumme; Platz für 280 Jugendstrafgefangene und 170 Bedienstete; mit Gärtnerei, Kirche, Raum für den Imam, Lehrküche, Werkstätten; Schulgebäude. In den Einzelhafträumen: Kühlschrank, Nasszelle, Kompaktsysteme für Elektronik.
» Rund 300 Lesungen und 500 Schreibwerkstätten hat Ronny Ritze – Schreibtrainer und Herausgeber – zu diesem Thema abgehalten. Er recherchierte von 2014 bis 2018 im Jugend- und Erwachsenenstrafvollzug, arbeitet präventiv mit Schülern und hält Vorträge.
» „TextTäter“ versteht der Autor als ganzheitliches Bildungs- und Präventionsprogramm. Dafür arbeitet er auch mit Schulabbrechern und Schwererzieh­baren, lässt sie Texte, Kurzgeschichten und Tagebucheinträge verfassen. Das Buch enthält neben einem tiefschürfenden und gesellschaftskritischen Vorwort wahre ­Geschichten, erzählt von Tätern und Ange­hörigen. Zudem provoziert der Autor mit der Frage, ob Gefängnisse abgeschafft gehören.
» Poesietherapie – die von Rony Ritze angewendete Therapieform – wurde bereits von Siegmund Freud, C.G. Jung und Ilse Orth erforscht und wird in Schulen, Krankenhäusern und Haftanstalten angewendet. Dabei werden über das Schreiben unbewusste Inhalte sichtbar gemacht. Ängste, Aggressionen und belastende Erlebnisse sollen abgebaut und beherrschbar werden. Straftäter und junge Menschen in Krisen­situationen sollen durch die Texte ihre Grenzen erkennen, Mitgefühl für andere entwickeln und ihre Persönlichkeit stärken.

www.texttaeter.de

Autor:

Jana Scheiding aus Arnstadt

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