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harmlose Wildtiere oder „Bestien“ – Gedanken zur Ansiedlung einer möglichen Wolfspopulation in Thüringen

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harmlose Wildtiere oder „Bestien“ – Gedanken zur Ansiedlung einer möglichen Wolfspopulation in Thüringen nach der „Sichtung eines Wolfes“ im Ilm-Kreis (bei Siegelbach-Dosdorf ) und im Zeitzer Forst –Sachsen Anhalt - Beitrag der Thüringer Allgemeinen vom 28.6.2017 und 01.7.2017

Selbstverständlich fasziniert, interessiert und verängstigt der Wolf die Menschen seit dem Wölfe sich wieder auch in Deutschland angesiedelt haben, wie kaum ein anderes Tier. Insbesondere in vielen Publikationen, Diskussionsrunden, zum Beispiel von Wolfsforschern, Landwirten( geschädigten Schäfern) Jägern und Politikern u.a. kommt das öffentliche Interesse immer wieder zum Ausdruck.
Entsprechend hart verlaufen auch die Auseinandersetzungen zwischen den Befürwortern und Gegnern der Wiederansiedlung.
Wenn auch nicht als Wolfsforscher, sondern als jemand der sich über viele Jahre mit den unmittelbaren genetischen Verwandten der Wölfe beschäftigt hat, erlaube ich mir einige Anmerkungen zu dieser „aktuellen“ Problematik.
Wölfe und Hunde können doch unter Umständen einmal miteinander verwechselt, da Hunde als direkte Wolfsnachfahren natürlich viele ähnliche genetische Merkmale aufweisen. Dabei muss man kein „Kynologe“ (Verhaltensforscher für Hunde) sein um zum Beispiel einen Dackel, Mops oder Chiwawa von einem Wolf oder Schäferhund unterscheiden zu können, obwohl der Wolf doch der Stammvater aller der ca. 500 vorkommenden Hunde-Rassen sein soll.
Dem Wolf genetisch am nächsten steht wohl in unseren Breitengraden der tschechische Wolfshund - hier gab es 1958 eine gewollte direkte Erst- Verpaarung einer Wölfin mit einen Deutschen Schäferhund-Rüden in unserem Nachbarsland und entsprechender Zuchtpopulation.
So hatte ich dieses Jahr mit meinen Hunden (Dackel und grauen dt. Schäferhund) in den bayrischen Bergen nahe der Österreichischen Grenze eine „Wolfs-Begegnung“ mit solch einem tschechischen Wolfshund, der allein unterwegs war und wohl zu einer Alm gehörte. Ich war schon auf einiges vorbereitet und glaubte doch auf Grund von langjährigen Umgang mit Hunden mich auszukennen. Erst als dieser Hund relativ nahe war und ich auch ein Halsband erkannte war die „Wolfsbegegnung“ aufgeklärt und doch ohne größere negative Folgen dieser Begegnungssituation verlaufen.
Auch der graue deutsche Schäferhund hat in seinem Erscheinungsbild doch eine starke Äehnlichkeit mit dem Wolfs- Habitus.
Weltweit gibt es wohl 13 Wolfsarten und Unterarten - der Europäische Wolf (Canis lupus) hat meist ein hell-graues Fell mit eine auffällige Mähne im Winterfell, mit Sommerfell erscheinen diese hochbeinig und eher mager. Die Sichtung eines Wolfes in unseren Thüringer Breitengraden ist wohl sicher nicht unmöglich aber doch eher bis jetzt noch ein seltener „Glücksfall“ (evtl. der Einzelwolf-Übungsgelände – Ohrdruf oder der Einzelwolf im Zeitzer Forst-Sachsen-Anhalt).

Zurzeit sind in Deutschland schon etwas über 30 Wolfsrudel mit entsprechender Paarung und Einzeltieren welche standorttreu und/oder auch solchen die auf Wanderschaft sind, gezählt worden
Zu einem Rudel zählen 8-10 erwachsene Tiere,(diese werden nur gezählt) mit entsprechenden Nachwuchs bei Verpaarung der Leittiere, ein Wolfsrevier umfasst immerhin bis zu 250 Quadratkilometer(15x15km) und Wölfe können bis zu 75 Km. laufen.
Die Märchen, Erzählungen von Begegnungen und Legenden von ehedem übertrieben es mit dem „bösen Wolf“. Die Legenden von Wolfsforschern und entsprechende anderen Institutionen von heute, übertreiben es aber auch mit dem „guten, harmlosen Wolf“.
Der Wolf ist nun einmal ein faszinierendes Tier und ich würde gerne einmal eine respektvolle Begegnung in der Natur mit diesem beeindruckenden Wesen haben. Man darf und sollte aber die Tatsache nicht unterschätzen, dass Wölfe - Wild und Raubtiere sind und als ausgeprägt, intelligent und anpassungsfähig gelten. Ein Raubtier wird instinktiv immer versuchen mit dem geringsten Aufwand an Energie - Beute zu machen.
Und so sind Haustiere, insbesondere Schafe und Ziegen immer noch leichtere Beute für Wölfe, als Rehe oder Wildschweine, insbesondere wenn diese in der Regel gesund sind.
Da werden auch Herdenschutzhunde und elektrische Zäune bei einer größeren Wolfspopulation kaum helfen. Man kennt das auch von Füchsen im Hühner oder Gänsestall, denn wenn Wölfe eine Herde angreifen so werden immer gleich mehrere Schafe gerissen.
Sicher gibt es in unseren Breitengraden keine signifikanten Statistiken über Angriffe auf Menschen, aber aus Spanien, Italien und Russland, Rumänien, Frankreich und Üebersee (Kanada-Nordamerika) gab es solche realen Vorkommnisse (auch aus Deutschland sind doch einige auffällige Begegnungssituationen bekannt geworden).
Es gibt noch nicht genügend wissenschaftliche Langzeit -Erfahrung darüber, wie sich das Verhalten von Wölfen entwickelt, wenn auch in dichter besiedelten Gebieten vom Menschen für sie keinerlei Gefahr ausgeht.
Es gibt natürlich noch keinen Grund der Panikmache, z. Beispiel in Wolfsgebieten auf Waldspaziergänge zu verzichten oder hier bestimmte Einrichtungen zu schließen u.a. Aber man darf und sollte den „neuen alten Nachbarn“ auch nicht für harmloser halten als er ist. Das Bild vom „sogenannten bösen Wolf“ ist nicht nur eine Erfindung der Märchen, in ihm steckt doch auch historische Erfahrung.
Der Wolf ist natürlich auch „nicht böse“, denn er verteidigt und verschafft nur für sich und seine Nachkommen aus seinen natürlichen Instinkten heraus seine Ressourcen!
Menschen werden von gesunden Wölfen wohl kaum angegriffen, aber wenn der Wolf in die Enge getrieben wird und/oder diese Ihre Beute und/oder den Nachwuchs verteidigen, dann reagieren sie eben wie alle Raubtiere.
Deshalb kann es man natürlich keine Schuldzuweisung gegenüber den Wildtieren treffen.
Denn der Mensch ist und bleibt leider das schlimmste „Raubtier“, da er anderen Tieren die Lebensgewohnheiten eingeengt und schon große Bereiche deren natürlicher Ressourcen vernichtet hat.
Auch hat der Mensch bestimmte Spezies aus anderen Kontinenten „eingeschleppt;“ die sich relativ schnell anpassen und bis dato größere Probleme bereiten als der Wolf (z.B. Waschbär u.a.)
Man weiß, dass Wölfe in der „Regel“ den Kontakt mit und zu Menschen möglichst meiden, sie sind aber durchaus in der Lage, sich durch ihre hohe Intelligenz, gepaart mit einem hochentwickelten Instinkt auch in unserer Kulturlandschaft zu behaupten. Wölfe sind sehr anpassungsfähig in Bezug auf die Nahrungswahl, den Lebensraum und ihre unmittelbare Umweltsituation. Als Natur und Tierschützer kann man die Augen nicht davor verschließen, dass die Natur auch durch die Unvernunft der Menschen leider nicht mehr im Gleichgewicht ist.
So glaube ich auch das Thüringen und Sachsen in seinen jetzigen Strukturen der Natur und der relativ engen Besiedelung sowie der Landwirtschaftlichen -und Wald- Nutzung (selbst für Naturschutzgebiete) eigentlich ungeeignet und nicht realistisch für eine Ansiedlung einer Wolfspopulation ist. Problematisch für Wölfe – wie auch alle anderen heimischen Wildtiere – ist natürlich auch unser dichtes Straßennetz.
Ohnehin ist die Ansiedlung und Größe einer Wolfspopulation und deren Revier von dem verfügbaren Nahrungsangebot aber auch von ausreichenden und genügend Rückzugsgebieten für diese Tiere abhängig. Und da habe ich bis auf sehr wenige Ausnahmen, berechtigte Zweifel für die Thüringer Wald und die anderen Landschaftsgebiete.
Ich bin bestimmt kein Wolfsgegner, und eher ein Natur und Tierfreund als ein Menschenfreund, aber der „einseitiger Tunnelblick“ der Pro und Kontra -Szene lassen konstruktive Lösungen dieser Fragekomplexe zu dem Themenbereich doch sehr fragwürdig erscheinen.
Ob sich Wölfe in einem Gebiet halten können, hängt aber in allererster Linie davon ab, ob wir Menschen den Wolf akzeptieren und mit diesem leben wollen und/oder auf Grund der o.g. realistischen Strukturen und Lebensräume überhaupt können.
Eckehard Dierbach
(Dipl. Vet.Ing. und Sachverständiger zum Tiergefahrengesetz)
(Bilder –mein grauer deutscher Schäferhund-Rüde „Bruno“ und Fotos eines echten Wolfes im Mai aufgenommen in Italien - Region Novara)

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