Mit den Augen hören

Die Augen helfen den tauben Ohren

Lippenlesen
Als Oberschülerin, so hießen zu DDR-Zeiten die Gymnasiastinnen, staunte ich zum ersten Mal über das wunderbare Zusammenwirken unserer fünf Sinne. Während der Wartezeit beim Augenarzt hatte ich mich angeregt mit einer älteren Dame unterhalten. Uns schien der Gesprächsstoff nicht auszugehen. Bereitwillig hatte sie meine Fragen zu ihrer Gymnasialzeit beantwortet. Plötzlich stockte ihr Redefluss. Hatte sie meine letzte Frage nicht verstanden oder empfand sie mich als zu neugierig? Ersteres war der Fall. Sie bat: „Bitte schauen Sie mich an, sonst kann ich Sie nicht verstehen. Ich bin taub.“
Ich fragte erstaunt: „Sie hören also mit den Augen?“ „Ganz so ist es nicht. Weil ich nichts hören kann, habe ich das Lippenlesen erlernt. Wenn ich Ihnen auf den Mund sehe, verstehe ich sie. Bei Leuten, die deutlich sprechen, klappt das gut.“
Nach vielen Jahrzehnten fand ich in der Januarausgabe der APOTHEKENUMSCHAU einen Beitrag mit der Überschrift „Mit den Augen hören“. Hier werden die Ergebnisse der Forscher des Leipziger Max – Planck - Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften vorgestellt. Anhand von Kernspintomographie – Aufnahmen kann man heute nachvollziehen, dass unser Gehirn aus den gehörten Wörtern und den gesehenen Lippenbewegungen Informationen aus verschiedenen Quellen zusammensetzt. Das gelingt umso besser, je höher die Aktivität in einer Hirnregion ist, die visuelle und akustische Informationen miteinander verknüpft.
Verwirrt und verbittert dachte ich: „ Endlich! Seit mindestens 60 Jahre weiß man, wie man tauben Menschen helfen kann, sich im täglichen Leben zurechtzufinden. Jeder liest in lauter Umgebung seinem Gesprächspartner die Worte von den Lippen ab. Aber die Mediziner erkennen die Ursache für das Lippenlesen 2013 mithilfe der Kernspintomographie. Endlich! Hoffentlich wendet man dieses späte Wissen nun auch zum Wohle Behinderter an!“
Ich hege leichte Zweifel; denn noch immer höre ich häufiger Berichte über Krieg, Kampf, Rüstung, Unterstützung beim Errichten demokratischer Gesellschaftsordnungen in fernen Ländern, Rohstoffgewinnung, Kapitalertrag als über Ergebnisse der Hirnforschung und über deren Anwendung zum Wohle behinderter Menschen.
Seit der Fernsehsendung „Das fantastische Quiz des Menschen“ mit Dr. Eckart von Hirschhausen sind meine Zweifel gewachsen. Ich empfinde Wut und Verzweiflung, weil ich erkannte: Immer noch werden Gelder sinnlos vergeudet, weil sich einige bereichern wollen. Immer noch lässt man verzweifelte Eltern behinderter Kinder mit ihren Sorgen allein oder versucht mit ungenügenden Mitteln zu helfen, mit Spenden Mildtätiger.

Autor:

Hannelore Grünler aus Artern

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