Kultur
Blind Date in Thüringen - David Alessandro Günther spielt am Samstag in Berga

David-Alessandro Günther ist 26 und blind. Seine Violine spielt er nach Gehör.
  • David-Alessandro Günther ist 26 und blind. Seine Violine spielt er nach Gehör.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Jana Scheiding

"Sie wollen meinen Namen wissen? Da muss ich erst in meinen Perso gucken." Dem Witz folgt ein fröhliches Lachen. Beim Telefonat mit David-Alessandro Jean-Marie Günther lässt sich nicht erahnen, dass der 26-Jährige seit Geburt lediglich hell und dunkel unterscheiden kann und mit einer Knochenkrankheit belastet ist, die ihn dann und wann depressiv werden lässt.

Doch meistens ist er voller Lebensmut und Enthusiasmus. "Egal, was passiert, ich mache weiter!", sagt er und man glaubt es ihm aufs Wort. Mit fünf Jahren begann Günther Geige zuspielen, mit sechs setzte er sich ans Klavier. Heute ist der Niedersachse Chor- und Ensembleleiter, absolviert zurzeit eine Ausbildung zum Musiklehrer. Am Samstag gastiert er mit seiner Geige auf dem Herbstfest der Begegnungsstätte "Für und mit Behinderten" im ostthüringischen Berga. Gern würde David auch andere Thüringer mit seiner Kunst erfreuen und behinderten Menschen Mut machen - man muss ihn nur einladen. AA-Redakteurin Jana Scheiding hat mit dem Musiker gesprochen. 
 
 
Welche Nationalität verbirgt sich hinter Ihren Vornamen?
(lacht) Ich bin ein Ur-Deutscher, auch wenn ich glaube, dass mein Englisch besser ist als mein Deutsch. Außerdem spreche ich ein wenig Spanisch, Französisch und Holländisch.
 
Sie sind aber nicht im Wohnwagen unterwegs?
Das Experiment mit dem Führerschein lassen wir lieber. Zumindest bis die Verkehrsschilder in Blindenschrift erfunden werden.
 
Sie spielen Violine und Klavier - wie schaffen Sie das mit Ihrem Handicap?
Ich bin ein Absolut-Hörer. Das heißt, ich kann erkennen, welcher Ton gespielt wird. Nur bei den Akkorden stoße ich gelegentlich an meine Grenzen. Dann gehe ich die einzelnen Stimmen durch oder lasse sie mir vorspielen. Ich lerne also nach Gehör und beherrsche auch die Blinden-Notenschrift.  
 
Wann sollte man beginnen, ein Instrument zulernen?
Je eher, umso besser. Wobei ich mich weigere, zu glauben, dass es im Alter nicht gelingt. Wichtig ist konstanter Unterricht.
 
Hatten Sie dazu immer Lust?
(lacht) Ich habe immer weniger geübt, als ich sollte. Doch meine vielen Auftritte haben das Manko ausgeglichen. Solange man überhaupt spielt, ist alles gut. Ein Instrument verlernt man nicht. Das ist wie beim Schwimmen.
 
Wie begeistern Sie als Lehrer Ihre Schüler für die alten Meister der Klassik?
Meine Devise lautet: Man muss alles einmal gehört haben. Zugegeben, meine Richtung ist eher Rock, Pop, Dance - seit meiner Kindheit verehre ich Michael Jackson. Manchmal fällt es mir schwer, mich auf Unbekanntes einzulassen, aber ich mag auch Klassik. Ich versuche es den Schülern anders zu verkaufen, indem ich ihnen zum Beispiel Filmmusik ihrer Lieblingsserien vorspiele und sie die Instrumente raten lasse. Wir leben heute in einer anderen Zeit. Früher wurde die Musik zu Bildern, heute werden Bilder zu Musik. 
 
Trotz all Ihrer Energie - möchten Sie manchmal alles hinwerfen?
Nein. Ich kämpfe zwar seit drei Jahren gegen Depressionen, aber ich will den Mut niemals aufgeben. Mut, Enthusiasmus und Ziele sind überlebenswichtig. Ich möchte den Menschen etwas geben und ich bekomme viel zurück: Freundschaft und Hilfsbereitschaft, zum Beispiel. Ich habe den wunderbarsten Freundeskreis, den ich mir wünschen kann.
 
Sie unterhalten auch Freundschaften auf Facebook?
Ja. Ich lese jeden Tag, was meine Freunde ins Netz stellen. Lesen funktioniert bei mir via Sprachausgabe - sowohl mein Computer als auch mein I-Phone sind damit ausgerüstet. Für meine Begriffe ein gelungener Beitrag zur Inklusion. Auch Windows verfügt inzwischen über Sprachprogramme.
 
Im Netz sind Sie ziemlich aktiv, wo kann man Sie live erleben?
Ich trete auf, wo man mich engagiert. Am Samstag bin ich zum Beispiel in Berga zu Gast. Gegen weitere Auftritte in Thüringen hätte ich nichts einzuwenden.  
 
 
Hintergrund:
Der Verein "Herzogtum Hohenberg Ruh" lädt am 21. Oktober von 13 bis 19 Uhr zum Herbstbasar in die Begegnungsstätte "Für und mit Behinderten", August-Bebel-Straße 22, Berga / Elster, ein.
Aus dem Programm: Diavortrag über die Philippinen, Klassik und Pop auf der Violine mit David Alessandro Günther, kleiner Flohmarkt.
Der Erlös des Nachmittags kommt der Berufsbildung des Lebenshilfe Gera e. V. zugute.
Wer David Alessandro Günther engagieren möchte, kann unter dajmg@me.com oder 0176 / 70636327 Kontakt aufnehmen.

Autor:

Jana Scheiding aus Arnstadt

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