Wenn man nichts mehr spürt – Diabetes, die tückische Krankheit
Wenn interdisziplinäre Zusammenarbeit Amputationen verhindern kann

Eine medizinische Fußpflege ist bei an Diabetes Erkrankten besonders wichtig, um rechtzeitig Verletzungen und Infektionen feststellen zu können. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und Betreuung des Erkrankten kann in einigen Fällen sogar eine Amputation verhindern helfen.
2Bilder
  • Eine medizinische Fußpflege ist bei an Diabetes Erkrankten besonders wichtig, um rechtzeitig Verletzungen und Infektionen feststellen zu können. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und Betreuung des Erkrankten kann in einigen Fällen sogar eine Amputation verhindern helfen.
  • Foto: HansLinde / www.pixabay.com
  • hochgeladen von Daniel Dreckmann

Der folgende Artikel ist nur einer von vielen spannenden, interessanten, informativen und oft auch überraschenden  Beiträgen der Sonderveröffentlichung "Kliniken - der Ratgeber für Ihre Gesundheit", die an diesem Freitag, 21. September 2018, in allen Ausgaben der Thüringer Allgemeinen, der Ostthüringer Zeitung und der Thüringischen Landeszeitung beiliegt. Wenn Sie sich also für das Thema Gesundheit interessieren, dann kaufen Sie sich am Freitag eine dieser Tageszeitungen.

Deutschlandweit werden jedes Jahr 60 000 Amputationen vorgenommen – 40 000 davon aufgrund von Diabetes. Doch in immer mehr Krankenhäusern in Thüringen arbeiten Spezialisten interdisziplinär zusammen, um solche Amputationen möglichst zu verhindern.

„Der Diabetes ist vor allen Dingen aus drei Gründen hochgefährlich“, sagt Ilhami Benli, Leitender Oberarzt der Gefäßchirurgie an den Ilm-Kreis-Kliniken in Arnstadt. „Die wohl verheerendste Beeinträchtigung ist die Neuropathie, eine Nervenstörung, die sich zunächst in den Äußeren Extremitäten, vor allem in den Füßen bemerkbar macht. Die Betroffenen spüren keinen Schmerz mehr im Fuß.“

Warum das so gefährlich ist, erläutert Ilhami Benli an zwei Beispielen: „Schmerz ist ein Alarmsignal, dass etwas nicht stimmt. Kommt es zur Neuropathie, spüren die Betroffenen nicht, wenn sie sich verletzen und – was noch viel schlimmer ist – wenn es aufgrund der Verletzung zu einer gefährlichen Infektion kommt. Ich habe schon Patienten gehabt, die mir gesagt haben: ‚Ich habe das Problem erst seit zwei Tagen.‘ Und sie zeigen mir einen Zeh, der – umgangssprachlich gesagt – fast schon vergammelt ist. Aber man muss den Menschen glauben, was sie sagen, denn oft breiten sich Infektionen unter der Haut aus und brechen erst nach einiger Zeit nach außen. Und ohne Schmerzempfinden bekommen die Betroffenen das nicht mit, wenn sie ihre Füße nicht jeden Tag penibel untersuchen. Die Nervenstörung kann sogar so ausgeprägt sein, dass man in einigen Fällen sogar Amputationen ohne Narkose vornehmen kann, weil die Menschen eben nichts spüren.“

Ein anderes Problem, das mit der Gefühllosigkeit einhergehen kann, sind unbewusste Fehlstellungen und Fehlbelastungen der Füße die auf die Dauer zu teils gravierenden Fehldeformationen der Füße führen können.

Und die dritte große Gefahr besteht in einer Verkalkung der Blutgefäße. Dabei handelt es sich um eine chronische Entwicklung, die besonders die Unterschenkel betrifft, da die Blutgefäße hier besonders fein sind.

„Wir haben derzeit deutschlandweit etwas 6 Millionen Diabeteskranke. Und die Zahlen werden steigen, weil es immer mehr ältere Menschen gibt, bei denen Diabetes festgestellt wird“, sagt der Leitende Oberarzt. „Ich fürchte nur, dass die Anzahl der Ärzte nicht in gleichem Maße mit ansteigt.“

Dabei ist die richtige Behandlung entscheidend. „Wir sind eine von der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) zertifizierte Diabetesfuß-Behandlungseinrichtung – von denen es in Thüringen glücklicherweise immer mehr gibt. In diesen Einrichtungen arbeiten unter anderem Diabetologen, Gefäßchirurgen und Orthopäden zusammen, um eine optimale Versorgung des Patienten zu gewährleisten“, erklärt Ilhami Benli.

Zunächst wird der Zucker optimal eingestellt, dann werden mögliche Infektionen mikrobiologisch untersucht, auf eventuell resistente Keime geprüft und mit den richtigen Antibiotika eingedämmt, und in einem dritten Schritt die Durchblutung der Gefäße abgeklärt. „Weil die verschiedenen Disziplinen zusammenarbeiten und sich ergänzen, erreichen wir messbare Erfolge und können teilweise sogar Amputationen verhindern“, erklärt der Gefäßchirurg. „Es ist inzwischen nachgewiesenermaßen so, dass in einer zertifizierten Diabetesfuß-Behandlungseinrichtung die sogenannten Major-Amputationen, also Amputationen oberhalb des Sprunggelenkes aufgrund von Diabetes deutlich weniger oft durchgeführt werden, als in nichtzertifizierten Einrichtungen.“

Deshalb rät Ilhami Benli: „Wenn Diabetiker mit der Diagnose konfrontiert werden, dass eine Amputation nötig ist, sollte möglichst eine Zweitdiagnose in einer von der DDG zertifizierten Diabetesfuß-Behandlungseinrichtung eingeholt werden. Wir hatten erst vor wenigen Monaten einen solchen Fall und konnten eine Amputation durch die interdisziplinäre Behandlung abwenden.“

Danach gefragt, ob Patienten nach einer Amputation psychologische Hilfe erhalten, sagt der Leitende Oberarzt: „Die psychologische Betreuung durch Seelsorger, Psychologen und Psychiater ist eigentlich vor allem vor der Amputation nötig. Nach der Amputation geht es den Betroffenen meistens deutlich besser. Sie erholen sich sehr schnell von Infektionen und sind sehr erleichtert. Vor allem Patienten, die nicht an Diabetes erkrankt sind, haben meistens einen sehr langen Leidensweg mit starken Schmerzen hinter sich, bevor überhaupt eine Amputation in Betracht gezogen wird. Die können oft nicht mehr schlafen und essen kaum noch. Eine Amputation bedeutet für diese Menschen, keine Schmerzen mehr zu haben. In diesen Fällen ist eine Amputation tatsächlich eine Heilung.“

Daniel Dreckmann

Eine medizinische Fußpflege ist bei an Diabetes Erkrankten besonders wichtig, um rechtzeitig Verletzungen und Infektionen feststellen zu können. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und Betreuung des Erkrankten kann in einigen Fällen sogar eine Amputation verhindern helfen.
Ilhami Benli, Leitender Oberarzt Gefäßchirurgie an den Ilm-Kreis-Kliniken in  Arnstadt
Autor:

Daniel Dreckmann aus Zeulenroda-Triebes

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.