Spannendes Programm
3. Sinfoniekonzert am 23.11.2018/ Theater Erfurt

Christopher Theofanidis  Rainbow Body
Edvard Grieg 
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16
Nikolai Rimski-Korsakow 
Scheherazade op. 35

Christopher Theofanidis  Rainbow Body

Der 1967 geborene Christopher Theofanidis gewann 2003 mit seinem Werk Rainbow Body den Kompositionswettbewerb „Masterprize“. Er hat damit eine Orchesterfantasie geschaffen, die sich auch an Kompositionen von Hildegard von Bingen orientiert.

Das Erfurter Theater brachte das Stück als deutsche Erstaufführung auf die Bühne und sicher hat Myron Michailidis sich dafür eingesetzt. Es ist aber auch dem intensiven Bemühen des Erfurter Theaters zu Verdanken, seinem Publikum Uraufführungen zu präsentieren.

Christopher Theofanidis sagt selbst über die Entstehung seines Werkes: „In den letzten Jahren habe ich der Musik der Mystikerin Hildegard von Bingen viel zugehört, ich bin immer wieder erstaunt über ihre Ausdauer. Hildegards Melodien haben eine sehr einprägsame Botschaft, die sie von anderen Gesängen ihrer Zeit abhebt. Sie sind wunderbar sinnlich und sehr intim mit dem Göttlichen verbunden. Diese Arbeit basiert auf einem ihrer Gesänge "Ave Maria oder auctrix vite" (Ave Maria, Quelle des Lebens).

Rainbow Body beginnt in einer unauffälligen, geheimnisvollen Weise und lenkt die Aufmerksamkeit auf einige wichtige Intervalle und Motive des Stücks. Die erste Melodie taucht zum ersten Mal etwa eine Minute im Werk auf, ich präsentiere sie ohne Begleitung direkt durch die Streicher. In der Orchestrierung versuche ich eine Melodie einzufangen und eine Akustik zu erzeugen, indem ich den Nachhall unterstreiche, wie man ihn in einer alten Kathedrale gehört hat. (…) Rainbow Body hat eine ganz andere Sensibilität als der Hildegard-Gesang, aber ich hoffe, dass es zumindest ein wenig meine Liebe für die Schönheit und Anmut ihrer Arbeit ausdrückt.“

Myron Michailidis führte das Orchester zu einem luziden Klangbild, das einerseits überraschend neu und andererseits auch irgendwie vertraut wirkte. Das Erfurter Publikum zeigte sich erstaunt und begeistert. Die Uraufführung in Deutschland ist damit sehr gut gelungen und das Werk von Theofanidis wird sicher seinen Weg auch an andere Aufführungsorte finden.

Edvard Grieg  Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16

Griegs Klavierkonzert beginnt mit herabstürzenden Kaskaden in a-Moll Dreiklängen am Flügel. Der norwegische Komponist hat, angelehnt an Robert Schumann, ein romantisches Klavierkonzert geschaffen, das die Zuhörer immer wieder in seinen Bann ziehen kann, wenn die Musiker die Rhythmen und folkloristischen Farben treffen. Das verbindende Thema stellt eine ganze Folk-Genre-Episode dar, die sich wie ein norwegischer Springtanz „Halling“ anhört. Die Schärfe des Rhythmus entspricht dem Klang der norwegischen Volksmusikanten. Als Seitenthema tauchen helle und erhabene lyrische Bilder auf, die für Grieg charakteristisch sind. Die besondere Ausdruckskraft der Melodie ergibt sich aus der subtilen harmonischen Färbung jeder ihrer Wendungen, die bei der Wiederholung von Phrasen und Intonationen eine andere Harmonisierung entwickeln. Die lyrischen Themen des Konzerts sind geprägt von einer breiten dynamischen Forcierung.

Der zweite Satz des Konzerts ist ein kleines, aber psychologisch vielfältiges Adagio, dessen dynamische dreiteilige Form sich aus der Entwicklung des Hauptbildes ergibt. Die Komposition des Adagios basiert auf dem kontrastierenden Klang der Solisten- und Orchesterstimmen. Danach gibt es einen Übergang zu einer erhabenen Hymnenlyrik.

Im Finale, geschrieben in Form einer Rondo-Sonate, dominieren zwei Bilder. Im ersten Thema wirkt ein fröhlicher, energischer „Halling“-Tanz, der besteht aus einem elastischen Rhythmus, bei dem sich präzis rhythmische Figuren mit unerwarteten Akzenten abwechseln bis zur furios gesteigerten gemeinsamen Schlusskadenz.

Die Solistin des Abends, Jieni Wan, enttäuschte schon mit den Auftakt-Akkorden zu Beginn des Konzertes. Die Akkorde kamen sehr verzögert und zurückhaltend und der Kaskadenfall wirkte sehr statisch und schleppend. Das war eben nicht eine Eröffnung, wie man sie zum Beispiel von Khatia Buniatishvili, hören kann. Überhaupt fehlte der Solistin Jieni Wan eine tiefere Sichtweise und Reife für dieses Werk. Gewiss, sie beherrschte den Text, doch auch einige Passagen waren technisch nicht immer sauber gespielt. Im Zusammenspiel mit dem Orchester bevorzugte sie ihre eigene Temposicht. Während Myron Michailidis sich mühte das Philharmonische Orchester Erfurt auf einem spannungsvollen Tempo zu halten, hielt die Solistin Jieni Wan mit statischem Spiel dagegen. Irgendwie wurde man den Eindruck nicht los, dass Solistin und Orchester beim Tempo eigene Wege gehen wollten. Für Myron Michailidis war es eine schwierige Aufgabe das alles zusammenzuhalten. Auch beim dynamischen Wechselspiel fehlte es an spannungsreicher Polarität. Besonders im zweiten Satz wirkten Jieni Wans solistische Linien und Bögen fragmentiert und spannungslos. So entstand ein emotional eingeschränkter Höreindruck. Es fehlte der Fluss. Besonders die linke Hand im dritten Satz war zu laut und ihre rechte Hand konnte auch nicht die Geläufigkeit und Brillanz entfalten, wie man sie bei anderen Pianisten erleben kann, ohne noch einmal Beispielnamen zu nennen.

Das Erfurter Publikum zeigte sich dennoch begeistert und Jieni Wan gab noch eine Zugabe mit einem chinesischen Stück, auch hier war sie leider bei einigen Tönen nicht perfekt. Sie spielte bemüht, aber die erwartete Brillanz blieb aus. Schade!

Nach der Pause erklang Scheherazade op. 35 von Nikolai Rimski-Korsakow

Das in Deutschland selten gespielte russische Stück wurde dem Erfurter Publikum auch von Myron Michailidis präsentiert. Nikolai Andreevich Rimsky-Korsakov war ein Marine-Offizier, der eine fantasievolle Weltreise unternahm und der, wie kein anderer Komponist, die Bilder des Wasserelements musikalisch verkörpern konnte. Diese wunderbare Reise durch die Elemente des Windes und des Meeres verband er noch mit der orientalischen Geschichte der Scheherazade, weil dabei jeder sofort an die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ dachte. Aus seiner exotischen Idee wurde zeitlose Musik.

Rimsky-Korsakov hatte Programmmusik entwickelt und den Sätzen später auch Thementitel gegeben: 1. Das Meer und Sindbads Schiff, 2. Die Geschichte vom Prinzen Kalender, 3. Der junge Prinz und die junge Prinzessin, 4. Feier in Bagdad. Das Meer. Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter.

Der Prolog der Suite beginnt mit mächtigen und beeindruckenden musikalischen Vereinigungen, die, wie allgemein angenommen wird, das Bild von Sultan Schahrayâr darstellen. Nach leisen Akkorden der Blasinstrumente ertönt eine wunderbare Violinen-Solo-Melodie, die nur von einzelnen Harfen-Arpeggien unterstützt wird. Dies ist das Motiv der schönen Sheherazade. Die Geige ertönt und vor dem Hintergrund der Bewegung der Celli nehmen die Geigen wieder ihr anfängliches Thema auf. Aber jetzt ist sie ruhig und zieht nicht mehr den furchtbaren Sultan an, sondern die weiten Welten des Meeres.

Das zweite Thema, das in einer Akkordfolge wie Messing erklingt, unterbricht für einen Moment (nur vier Takte) die Dimension der rollenden Wellen. Das sanfte Solo der Flöte wird in derselben Bewegung gehalten. Sindbads Schiff gleitet sanft über die Wellen. Die Spannung steigt allmählich an. Die Elemente der Natur drohen bereits. Zuvor erklungene Themen verbinden sich und die Streicher greifen in das Geschehen ein. Das Bild des Sturms ergänzt den Jubel des Windes, in dem auch Verzweiflung mitschwingt. Aber der Sturm lässt nach. Die Musik wiederholt den ersten Abschnitt des Teils der Reise. Im Abschluss klingt das Thema Meer wieder ruhig und sanft.

Im zweiten Teil beginnt auch das Thema der Scheherazade, gefolgt vom Solo-Fagott, das eine orientalische Basar-Melodie spielt, die reich verziert ist und sich variierend in den Klangfarben anderer Instrumente weiterentwickelt. Es ist eine Geschichte über orientalische Wunder, die den Zuhörer mehr und mehr fasziniert. Im zentralen Abschnitt zeigen sich Klang-Bilder wie in einer Schlacht.

Vorherrschend ist das Thema des Sultans. Der rhythmisch scharfe Ausruf von Posaunen ertönt. Die Schlachtepisode wird durch die erweiterte Kadenz der Klarinette unterbrochen. Mit dem durchdringenden Pfeifen hoher Holzinstrumente, deren Klang die Piccoloflöte überlappt, beginnt die nächste Episode: Ein fabelhafter Zaubervogel fliegt vorbei. Das Klang-Bild der Schlacht wird wiederholt und im letzten Abschnitt wird das Thema des Prinzen „Kalender“ von Kadenzen unterbrochen.

Der dritte Teil eröffnet mit dem ruhigen Tempo eines Andantino und hat zwei Hauptthemen. Zum einen ist da der Prinz mit einem lyrisch-fließenden Tanz-Motiv und einfachen Harmonien. Auf der anderen Seite steht die Prinzessin gegenüber,
die lebendig und flirty mit der charakteristischen Begleitung einer kleinen Trommel rhythmische Klang-Figuren malt. Diese Themen werden wiederholt und abwechslungsreich von den neuen Farben des Orchesters bereichert. Die Entwicklung wird durch das Thema "Scheherazade" unterbrochen, das von einem Violinen-Solo aufgeführt wird.

Der vierte Teil ist der längste und reich an verschiedenen Bildern. Das erste Thema kommt jetzt noch schneller und vehementer. Das zweite Leitthema des Scheherazade-Motivs wird aufgeregter in den drei- und vierstimmigen Akkorden des Violinen-Solos aufgeführt. Und im Ostinato-Rhythmus entfaltet sich das Bild einer Feier. In die allgemeine Bewegung werden zuvor gespielte Themen eingewoben z.B. das Motiv aus der Geschichte des Prinzen Kalender oder die Melodie der Prinzessin und der militante Ausruf einer Kampfszene.

Auf dem Höhepunkt der Feier ändert sich plötzlich das Bild: Ein Sturm beginnt. Noch bedrohlicher als im ersten Teil steigen die Wellen. Die Passagen der Harfen steigen und fallen in chromatischen Skalen. Das Thema der Schlacht aus dem zweiten Teil erklingt noch einmal mit einem kraftvollen Fortissimo-Akkord, der von einem dröhnenden Klang unterstützt wird. In diesem Moment zerbricht das Schiff an einem Felsen. Die Bewegungen der Wellen beruhigen sich. Es wird stiller. Nachdenklich und ruhig spielt die Kadenz der Geige mit dem Scheherazade-Motiv. Mit einem Pianissimo leiten die Streicher das einst gewaltige, aber jetzt gemilderte Thema des Sultans ein. Dieses Thema wird nun vervollständigt durch das Scheherazade-Motiv, das sich im oberen Register allmählich auflöst.

Myron Michailidis dirigiert das Philharmonische Orchester Erfurt mit viel Temperament. Die Tempi gelingen ihm gut, wenn man sich auch an einigen Stellen mehr klanglich differenzierte Nuancierungen wünschen würde. Besonders im zweiten Satz hätten die Bögen mehr „ausgesungen“ werden müssen. Auch in der Dynamik wäre mehr Varianz wünschenswert gewesen. Insgesamt konnte er mit dem Orchester das Erfurter Publikum begeistern.

Myron Michailidis hat mit dem Philharmonische Orchester Erfurt ein spannendes und abwechslungsreiches Programm vorgestellt, das von den Zuschauern zu Recht mit viel Applaus bedacht wurde.

Autor:

Thomas Janda aus Weimar

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