Ingo Appelt vor seinem Auftritt in Erfurt im Interview
AFD-Wähler sind untervögelte Ossi-Männer

Comedian Ingo Appelt kommt nach Erfurt - trotz des AFD-Wahlerfolgs.
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  • Foto: Peter Schaffrath und Felix Rachor
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Comedian Ingo Appelt kommt nach Thüringen. Mit AA-Redakteur Michael ­Steinfeld sprach er vorab über Frauen, AFD-Wähler und sein beschädigtes Image.

Sie bezeichnen sich als Martin Rütter der Männlichkeit. Gibt es denn für uns Männer nur Sitz, Platz und den Maulkorb in Ihrem neuen Programm oder haben Sie auch Leckerlis im Gepäck?
Mit Leckerlis bekommt man die Macken nicht aus den Männern. Man sieht es bei Martin Rütter und den Hunden. Die sind deswegen schlecht erzogen, weil man ihnen nicht klar macht, wer der Chef ist. Dann wird nicht nur der Hund, sondern auch der Mann größenwahnsinnig. Und dann hast du plötzlich so einen Erdogan, Trump, Putin oder Kim-Jong un vor dir sitzen. Da kann man aber gegenarbeiten.
 
Und wie?
Ganz ernsthaft: Ich finde, dass Männer insgesamt noch sehr humorlos sind und sich sehr wichtig nehmen. Wenn Männer unter sich sind und vor allem, wenn man sie alleine lässt, dann werden die schnell gefährlich. Ob dies nun die ganzen Islamisten sind, Amokläufer oder sonstige Knallköpfe. Das sieht man auch an dem Wahlerfolg der AFD. Das sind viele ostdeutsche Männer, weil der Osten teilweise „entvölkert“ wird. Wir haben da einen Männerüberschuss von über 25 Prozent. Klar, die sind untervögelt, die sind frustriert, die fühlen sich abgehängt und müssen dann anscheinend unbedingt rechts wählen.
 
Ich will Sie nicht vorab frustrieren, aber in Thüringen hat die AFD bei der Bundestagswahl 22,7Prozent der Stimmen bekommen. Haben Sie da überhaupt noch Lust, hier aufzutreten?
Ja, natürlich. Ich kenne das Problem jetzt schon ein wenig länger. Im Großen und Ganzen sind gerade im Osten ganz viele sehr nett. Ich bin immer erstaunt, wie freundlich die Menschen sind. Es sind ja nur ein paar Knallis, die den Ruf schädigen. Das geht uns Männern immer so, dass uns ein paar Knallis die ganze Suppe versalzen. Das geht den Flüchtlingen genauso, wenn Sie an Köln denken. Die meisten sind natürlich friedlich, aber es gibt ein paar Knallis. Und die fallen halt immer auf. Wenn man durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen geht, muss man sich ja mittlerweile fast nackig machen. Ich habe gar kein Bedürfnis, ein Flugzeug zu entführen. Es sind nur einige wenige, aber die machen es dann halt. Das ist genau das Problem.

Das Schlimmste, was Männern passieren kann, ist, dass sie frustriert sind. Daran arbeite ich halt mit Humor. Das ist egal, ob du im Osten oder Westen spielst. Das gilt überall. Männer wollen nicht erzogen werden und es auch nicht einsehen. Da sieht man auch, wer das intelligente Geschlecht ist: Die Frauen nämlich. Die sind viel sozialer, interaktiver und haben eine viel niedrigere Frustrationsgrenze als Männer.
 

Pipi-Kaka-Trulala

Es ist offenkundig, wie Sie sich seit einigen Jahren an die Frauen heranwanzen. Sind Sie alsFrauenversteher jetzt das Comedian-Gegenstück zu Mario Barth?
Früher war ich eher so der Männertyp. Doch wenn du nur Männer im Publikum hast, ist das fatal. Das ändert den Humor. Wenn du versuchst, Männern zu gefallen, bist du eher in der Pipi-Kaka-Trulala-Abteilung unterwegs. Frauen haben eine ganz andere Form von Humor.

In England sind die Stand-up-Clubs Pubs. 90 Prozent der Comedy-Zuschauer sind dort Männer. In Deutschland ist Comedy ein Pärchenthema. In Deutschland sitzen in der Comedy gelangweilte Frauen mit ihren nicht so besonders lustigen Männern. Die müssen dort irgendwie ihre Freizeit verbringen, also gehen sie in die Comedy, ins Kabarett oder Kino. Die Entscheidung trifft in allererster Linie die Frau. Und wenn die Frau sagt: Der Appelt ist eine alte Sau, lass uns zum Dieter Nuhr gehen, dann habe ich ein Problem.   
 
Also, alles nur kühles Kalkül?
Ich komme aus der Zeit der Brigitte-Generation, wurde in den 80er-, 90er-Jahren sozialisiert. Wir sind eigentlich in dem Glauben großgeworden, dass die Frau das stärkere Geschlecht ist. Die Frauen sind besser, schlauer, sensibler. Das sitzt als Glaube erst einmal. Ich habe damit gar kein Problem, habe aber festgestellt, dass die meisten Männer damit ein Riesenproblem haben. Dass die Angst davor haben, nur noch die Nummer zwei zu sein. Damit kommen Männer mit ihrem Selbstwertgefühl überhaupt nicht klar. Sie wollen immer noch der Boss sein, der Hauptverdiener, der Coole. Sie dürfen nicht weinen oder in den Arm genommen werden. Sie klopfen sich auf die Schultern, statt sich herzlich zu drücken.
 
Die meisten Frauen halten Sie aber immer noch für den sexistischen Typen mit dem Ficken-T-Shirt. Ichgebe Ihnen jetzt die Möglichkeit, mit diesem Bösewicht-Image aufzuräumen.
Das Ulkige ist: Dieses Image von Ingo Appelt auf der Bühne hat mit dem Ingo Appelt privat gar nichts zu tun. Das passt überhaupt nicht zusammen. Meine Frau ist immer entsetzt darüber, was für ein Bild die Leute von mir haben. Die denken: Ich bin ein Arschloch. Ich bin ein Sexist. Ich bin frauenfeindlich, schwulenfeindlich, kinderfeindlich. Ich hacke alles in Grund und Boden.

Das stimmt überhaupt nicht. Ich bin privat ein liebender Vater, ich bin total nett und zuvorkommend. Ich koche für meine Frau, bringe ihr das Essen ans Bett. Ich bin derjenige, der bügelt und putzt. Es ist so das Gegenteil von dem, was die Leute von mir denken. Das wollte ich schon einmal zurechtrücken.
 
Ziehen Sie dabei wie Kollege Barth auch Ihre Frau ins Programm hinein?
Nicht namentlich. Ich habe immer gerne mit Frauen zu tungehabt, die das Gefühl rüberbringen: „Ich brauch dich nicht. Du bist unwürdig, mit mir zusammen zu sein.“ Solche Frauen habe ich mir ganz gezielt ausgesucht. Ich weiß auch nicht warum. Ich habe diesen sexuellen Frust gehabt und die maskuline Frustration. Das hat sich dann irgendwann so ein bisschen gelegt.

Heute bin ich in einer Position, dass ich darüber lachen kann - über mich und den ständigen Versuch, als Mann cool sein zu wollen. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich als Mann so bösartig und so übermaskulin war. Damit kompensierst du deine maskuline Frustration.
 
Beschrieben werden Sie allerdings immer noch als zotiger Comedy-Rüpel oder als schwarzhumoriges Enfant terrible der Comedy. Was stimmt denn nun?
Was du auf der Bühne machst, ist eine Rolle, immer so ein Spielchen. Enfant? Mit 50 kann man nicht mehr Enfant sein. Aber ich betrachte mich immer noch gerne als provokant. Das mache ich gerne live auf der Bühne, gerne bei den Herren der Schöpfung. Ich will die Seele des Mannes blank legen. Dafür musst du provozieren. Einige Männer sind ausländerfeindlich, frauenfeindlich und homophob. Das sind Reflexe, die man Männern abtrainieren muss. Das passiert zu wenig. Es wird nur mit den Mädels gearbeitet. Dabei sind Männer viel aggressiver, brauchen mehr Bewegung, sind viel schneller frustriert. Das Problem ist: Wir arbeiten nicht mit denen.

Männer sind Machos

Auf der anderen Seite nimmt das Machotum zu. Wir setzen die Homo-Ehe dagegen, das knallt dann aufeinander. Wir nehmen die Leute nicht mit,arbeiten nicht mit ihnen in den Schulen. Ich habe das mal gemacht, ein Hauptschulprojekt, um Ressentiments gegenüber Frauen und Homosexuellen abzubauen. An der Hauptschule sind sie alle cool und hart, wollen alle Fußballer werden und die Mädels wollen alle Models werden. Also völlig verquere Wahrnehmungen. Ich habe den Jungs gesagt: Wollt ihr Sport machen? Dann aber Stöckelschuhe an und im Frauenkleid im Wettlauf über den Schulhof rennen. Das war eine Überredungskunst. Da hast du auch die Panik in den Augen der Jungs gesehen.
 
Hat es denn geklappt?
Tatsächlich. Nur drei haben sich verweigert. Die anderen haben es gemacht, da wurde natürlich viel geblödelt. Aber Stöckelschuhe, Kleidchen und Perücke, Schminke ins Gesicht. Es war ein interessantes Phänomen und hat auch ein paar Wellen geschlagen. Irgendwie ging um, wir wären schwulenfeindlich. Da kam sogar Volker Beck von den Grünen, hat sich das angeguckt und festgestellt, dass es genau das Gegenteil ist. Mit Männern muss man arbeiten, gerade in den unteren Bildungsschichten. Da ist ein Männer- und Frauenbild vorgegeben, dagegen sind die 60er-Jahre modern.
 
Wurden Sie einfach lange Zeit missverstanden? Sie sind im April 50 geworden. Vielleicht auch ein bisschen reifer mit weniger schlüpfrigen Witzen unter der Gürtellinie?
Wenn man so laut und provokant ist wie ich, wird man so wahrgenommen. Und man findet das auch erst einmal geil. Die Suppe habe ich mir selber eingebrockt. Und am erfolgreichsten war ich, als es so wirklich „schlimm“ war. Ich befand mich in einem Wettlauf gegen mich selber, wie es noch schlimmer, böser und gemeiner geht. Dann kommst du in eine humoristische Beschaffungskriminalität. Das hat mir überhaupt nicht gefallen.

Das habe ich heute Gott sei Dank nicht mehr. Ich mache meine Clubtour, spiele so gerne in diesem geilen Dasdie Brettl. Die Leute sind super drauf. Es gibt kaum ein Publikum, das so enthusiastisch mitgeht wie die Erfurter. Immer wieder erstaunlich und immer wieder gerne. Da fühle ich mich auch nicht mehr missverstanden. Da bin ich Ingo, da darf ich sein.

Die beste Regierung?
Die Heino-Koalition: schwarz-braun.

 
Bei der Verleihung des Comedy-Preises haben Sie auch mit Ihrer weichen Seite überrascht und Ihrer heutigen Frau den Heiratsantrag gemacht. Geheiratet haben Sie dann „heimlich“, wie es die Klatschpresse bezeichnet, in Las Vegas. Widerspricht sich das nicht?
Ich wusste nicht, dass ich diesen Comedy-Preis bekomme. Ich habe noch nie einen Preis bekommen. Meine Frau war da, gehört zur Comedy-Gemeinde. Alle kennen uns seit Jahren. Soija ist im Quatsch-Club tätig. Wir sind das Comedy-Pärchen. Total süß. Das passte gut dahin. Es ging mir einfach um die Geste Sonia gegenüber. Öffentlicher kannst du den Heiratsantrag nicht machen.

Wir haben nicht heimlich geheiratet, sondern im kleinen Kreis. Was ich total hasse, ist eine Hochzeitsfeier zu organisieren. Da hast du 100 Leute sitzen, von denen du nicht weißt, ob sie miteinander klarkommen. In Las Vegas ist das eine Sache von 15 Minuten. Wir wollten schon immer mal nach Amerika. Das ist eine lustige Veranstaltung. Das hat nicht diese Tragik wie in Deutschland. Elvis kommt, singt mit dir drei Lieder, der Pfarrer wünscht uns alles Gute, es geht zum Essen und alle sind begeistert.
 
Sie fühlen sich politisch der SPD verbunden. Ist Martin Schulz der richtige Vorsitzende für die Partei?
Das ist im Moment nicht von besonderer Relevanz. Das Thema ist gerade Andrea Nahles. Sie tritt in den Vordergrund und langfristig wird es der Schulz da nicht machen. Sie müssen ohnehin eine komplette personelle Erneuerung haben. Wobei: Ich glaube das immer nicht. Man geht nicht in die Opposition, um sich zu erneuern. Das ist, wie in die Emscher zu gehen, um zu heilbaden. Das funktioniert nicht. Zwischen Linke und AFD, da wirst du doch nicht grün.

Ich glaube an die Partei nicht mehr so sehr. Die ist auf einem absteigenden Ast. Dabei hat sie unheimlich viel geleistet und gemacht. Aber es ist auch frustrierend: Du kommst 2013 mit 25 Prozent, machst einen Koalitionsvertrag, setzt alles um. Es gibt den Mindestlohn, es gibt die Ehe für alle. Alles ist gemacht worden, alles ist supi. Aber am Ende hast du noch einmal fünf Prozent weniger. Mit dem Wähler ist ja auch nicht zu spaßen.

Ich möchte mit Politikern nicht tauschen. Was für ein undankbarer Job. Du wirst nur getreten, beschimpft, beleidigt und gejagt. Ich kann denen auch gar keinen Rat mehr geben. Mein einziger Rat: Wenn man die AFD bekämpfen will, dann muss sie mit in die Regierung. Denn Merkel hat noch jede Partei kaputt gekriegt. Eigentlich brauchen wir eine Heino-Koalition und die ist schwarz-braun. Dann sind die in zwei Jahren weg vom Fenster.

Ich komme aus der Gewerkschaftsbewegung. Ich strebte eine politische Karriere an. Ich war aktiv im SPD-Unterbezirk. Es hätte passieren können, dass ich heute im Bundestag sitzen würde. Ich bin echt froh, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen ist (lacht).

Termin

Ingo Appelt, „Besser… ist ­besser!“, 10. November, 20  Uhr, DasdieBrettl Erfurt,
Ende 2018 kommt er nach Mühlhausen und Waltershausen

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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