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3 Generationen, ein Beruf
Bücher als Politikum

Peter Peterknecht.
Peter Peterknecht.
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+ Bücher als Politikum +  Der Handel mit Büchern ist in Diktaturen immer +

4000 Reichsmark waren 1935 ein Batzen Geld. Für dieses Summe kaufte sich Karl-Heinz Peterknecht am Anger „Hugo Neumanns billige Buchhandlung“ und stieg in einen Mietvertrag ein. Gleichzeitig begründet er damit, ohne es zu ahnen, eine „Buchhändlerdynastie“, die nun schon in der 4. Generation arbeitet. Eine Konzertagentur, die nebenbei Bücher vertrieb, hatte zuvor den Laden fast in den Ruin getrieben hätte. Peterknecht litt darunter, wie fast alle Buchhändler seinerzeit, dass es nur eine begrenzte Menge an Büchern gab. Zudem war die Liste von Büchern, die nicht mehr verkauft werden durften, lang. Dann wurde er eingezogen, musste in den Krieg. Die Großmutter führte den Laden weiter. Die Fenster waren damals stellenweise verbrettert, das Licht wurde erst eingeschaltet, falls ein Kunde den Laden betrat. „Meine Großeltern kamen mehr schlecht als recht durch den Krieg“, sagt Peter Peterknecht heute, der Inhaber des Ladens am Anger in Erfurt ist und die dritte Generation vertritt.

Hildegard Peterknecht führte die Buchhandlung weiter, wobei 1947 erneut Listen mit auszusondernden Büchern kamen, die heute noch im Original vorliegen. „Wer erwischt wurde, hatte mit einem Prozess zu rechnen.“ Auf diese Weise leiden Buchhändler immer unter Diktaturen, bei den Nationalsozialisten konnte das tödlich enden, zu DDR-Zeiten mit Geldstrafen oder Haft. „In Erfurt gibt es da ausreichend Beispiele dafür.“

Kurt Peterknecht, der bis 1955 ein Antiquariat betrieb, wurde eines Tages von einem LKW der Staatssicherheit überrascht. Alle Bücher seien eingeladen worden, erinnert sich sein Sohn. Angeblich sei in einem dieser Bücher ein Hakenkreuz über eine Seite gemalt worden. Daraufhin habe Kurt Peterknecht ein Geldstrafe zahlen müssen, durfte zudem keine antiquarischen Bücher mehr vertreiben. Daraufhin baute der Erfurter in den Folgejahren die größte katholische Buchhandlung der DDR auf. Und weil er nicht den gleichen Zugang wie die Volksbuchhandlung zu Büchern bekam, tauschte er mit Kaffee, was er von Verlagen und Ausgabestellen bekommen konnte. „Dieses Phänomen hat uns über die gesamte DDR-Zeit getragen“, erinnert sich Peter Peterknecht.

„Mein Vater hat hier auch viele Künstler beschäftigt und andere, die zu DDR-Zeiten keine Chance hatten, einer 'normaler' Arbeit nachzugehen.“ So war die Buchhandlung, auch durch das politische Engagement von Kurt Peterknecht immer mehr, als ein reiner Verkaufsladen.

Dann kam die Wende 1989, neue Bücher, anderes System. Marktwirtschaft. Peter Peterknecht musste sich das schnellstmöglich aneignen, startete als „Auslandsstipendiat“ in Fulda und erlernte in drei Monaten Vertriebswege und Bestellsystem und damit seinen gesamten Beruf neu. „Wir haben lange Zeit sehr viel verkauft und den Fachbuchbereich 1992 dann ausgelagert. Trotzdem haben wir darauf geachtet, mehr als eine Buchausgabe oder -durchreiche zu sein. Heute haben wir viele Bücher hier, wo wir nicht auf einen sehr kurzfristigen Verkauf setzen, die wir aber trotzdem im Sortiment haben wollen.“

Bis vor 15 Jahren arbeiteten Peter und Kurt Peterknecht zusammen, organisierten zudem Lesungen. „Mein Vater ist ein Buchfanatiker, kannte sich sehr gut aus, er liebt Lyrik und Jazz aber keine Zahlen“, erklärt Peter die Symbiose im Familienbetrieb, während Peter sich nun auf die Zahlen im Betrieb stürzte. Auch Sohn Claudius lernte Buchhändler, allerdings nicht im heimische Betrieb. „Vor drei Jahren hat er die Ausbildung gemacht, bei einem Filialisten in Süddeutschland. Ich halte es für wichtig, dass jemand woanders lernt. Man muss über den Tellerrand blicken, sich mit Kollegen austauschen.“

„Um als Buchhändler zu überleben, muss man innovativ sein. Dazu gehört es auch, wie wir es mit den Kinderbuchtagen machen, junge Leute an das Lesen heran zu führen“, sagt Peter. Außerdem habe man ganz früh mit einem Onlineshop 1996 begonnen. „Ich habe mir angewöhnt, immer aus einem fahrenden Zug zu schauen, statt zurück zu blicken. Wir arbeiten mit einer Cloud-Lösung, haben mehrere Online-Shops, arbeiten mit den Großkunden mit einer Be-To-Be-Lösung, haben alle gängigen E-Books und einen Online-Kartenverkauf für unsere Veranstaltungen“ erklärt er das veränderte Arbeiten eines Buchhändlers im Vergleich zu den vorherigen Generationen. „Wenn man sich als Buchhändler in seine verstaubten Ecken zurückzieht, muss man sich nicht wundern, wenn man am Markt nicht überlebt.“

Interview mit Claudius Peterknecht:

Was hat Deine Berufswahl entscheidend beeinflusst?
Buchhändler zu werden war für mich das, was am Ehesten in Frage gekommen ist. Die Nähe zu Büchern, die mich bereits mein ganzes Leben begleiten, hat mich zu dieser Entscheidung gebracht. Wer würde nicht einen Beruf erlernen mit der Aussicht einen gut funktionierenden Laden übernehmen zu können?

Wo sieht Du die Zukunft des Buchhandels?
Wenn der Buchhandel bestehen will, muss er sich drastisch verändern. Ein Teil der Buchhändler ist dabei noch nicht in der aktuellen Zeit angekommen. Neben dem Online Handel ist es schwieriger geworden zu bestehen und darauf muss sich der Buchhandel einstellen und auch mal etwas Neues ausprobieren. Vor allem der Kundenservice und die Zufriedenheit des Kunden müssen dabei weiterhin im Vordergrund stehen. Die Buchpreisbindung ist dabei ein wichtiger Aspekt, der hilft den stationären Handel weiterhin zu stärken.

Was hat sich verändert im Vergleich zu der Zeit, als Dein Eltern den Beruf erlernt haben?
Insbesondere die Digitalisierung hat natürlich dazu beigetragen, dass sich der Beruf gewandelt hat. Wo früher noch über Nachschlagewerke bibliografiert wurde, ist heute mithilfe von Warenwirtschaftssystemen vieles komfortabler geworden. Es haben sich natürlich auch die Bezugsmöglichkeiten für den Kunden geändert und viele neue Bestellwege etabliert.

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