„Gnadenlos“ ist Johnny Armstrong am 13. Januar in Erfurt
Comedy wie ein Gleitmittel

Mit seinem Comedy-Programm „Gnadenlos“ kommt Johnny Armstrong nach Thüringen.
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Schrägen britischen Humor verspricht Komiker Johnny Armstrong. Mit seinem Comedy-Programm „Gnadenlos“ kommt er im neuen Jahr nach Thüringen. AA-Redakteur Michael Steinfeld bot der Nordengländer gleich das Du an.

Du sagst, dass dir deine Mutter das Rasieren beigebracht hat. Folglich hast du jetzt glatte Beine, aber einen zotteligen Vollbart. Wächst der einfach vor sich hin oder musst du viel Pflege in ihn investieren?
Ich öle meinen Bart. Ich pflege ihn täglich. Ähm, war dies tatsächlich die Frage?

Ja, aber offensichtlich keine gute. Wo wir aber schon bei deiner Mutter sind: Sie hat dich zum Maschinenbau-Studium gedrängt und beinahe hättest du sogar promoviert.
Das stimmt. Ich habe offensichtlich schon zu viel von meinem Leben erzählt. Ich habe zwei Jahre in meine Doktorarbeit investiert, ehe ich sie abgebrochen habe.

Du hast dich damit gegen den sicheren Bürojob und für die zunächst brotlose Comedy-Kunst entschieden. Wie hat deine Mutter denn reagiert, als sich der Erfolg dann doch eingestellt hat?

Sie ist überhaupt nicht begeistert. Unsere Beziehung ist etwas schwierig. Sie hasst das, was ich mache. Bei jedem Gespräch, rät sie mir, mit der Comedy aufzuhören. Ich kann zwar davon leben, doch es ist kein sicherer Job. Man weiß nie, wann die Luft raus ist.

Ich habe Maschinenbau studiert, um meine Mutter zu beruhigen. Viele fragen mich immer, wann ich bemerkt habe, dass ich lustig bin. Im Maschinenbau-Büro war ich der einzige, der einen Witz kannte - wie ein Einäugiger im Land der Blinden. Ich musste also auf eine Bühne.

In Deutschland bist du erst seit ein paar Jahren bekannt. Du hast zuvor aber schon viel Bühnenerfahrung in England gesammelt.
Ich habe Comedy in Schottland gemacht. Dann habe ich fünf Jahre lang Comedy in Deutschland gemacht. Ich war in London, in Cardiff in Wales und dann wieder zurück in Deutschland. Ich war 13 Jahre auf der Bühne und hatte dann meinen Durchbruch in Deutschland. Seit drei Jahren kann ich von der Comedy leben.

Erzählst du in allen Ländern die gleichen Gags oder musst du dein Programm anpassen?
Ich kann nicht das Gleiche machen. Ich arbeite viel mit Wortspielen, da ist nur ein Teil übersetzbar. Zum Beispiel: „Hast du Kinder?“ - „Ja, ich hasse Kinder.“ Das geht nicht auf Englisch. Andersherum habe ich einen englischen Witz, der nicht in Deutschland funktioniert. Es gibt auch ein paar kulturelle Unterschiede. Es gibt in beiden Ländern ein paar Tabus.

Zum Beispiel?
Der erfolgreichste Komiker Deutschlands, vielleicht der Welt, ist Mario Barth. Er füllt ganze Stadien mit seiner Comedy über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Engländer fänden das frauenfeindlich. Aber vielleicht helfen solche Witze ja, die Gesellschaft besser zu machen. Wenn es Reibung gibt, ist Comedy wie ein Gleitmittel, dass die Reibung mindert.

Witzig finde ich, dass in Deutschland Kabarett als die höhere Form der Kunst angesehen wird. Dabei ist es doch viel schwieriger, die Leute zum Lachen zu bringen, als über Politik zu sprechen. Du musst die Leute überraschen, obwohl sie heutzutage schon so viel gesehen haben.

Viele Comedians wie Kaya Yanar, Bülent Ceylan oder Serdar Somuncu sind mit Ethno-Comedy bekannt geworden. Du lebst in Berlin als Schotte mit irischem Blut - zumindest an den Händen, wie du sagst. Du hältst dich mit Migranten-Humor aber eher zurück, oder?
Ich mache in dem Bereich nicht so viel. Doch manchmal nutze ich es auch. Zum Beispiel sage ich: „Ich lebe seit vier Jahren hier. Mein Deutsch ist so gut geworden, dass ich Deutschunterricht gebe für Flüchtlinge - und zwar ehrenamtlich. Denn mir ist es wichtig, dass die Flüchtlinge hier in Deutschland bleiben und nicht nach England weiterreisen.“

Natürlich verstehen die meisten, dass ich einen Witz mache. Mein Gott, das hoffe ich zumindest. Aber ich spreche das Thema an, damit die Leute wissen, dass nur ein Arschloch solche Dinge sagt, wie ich eines auf der Bühne darstelle. Das Thema soll nicht unter den Teppich gekehrt werden. Meiner echten Meinung nach sollte man Flüchtlingen natürlich ein Zuhause bieten.

Du gibst den Gags immer viel Zeit zu wirken. Und das scheint auch notwendig zu sein. Sind wir Deutschen oftmals ein wenig begriffsstutzig?

Nein, überhaupt nicht. Die Deutschen sind schlagfertig und haben einen richtig guten Sinn für Humor. Ich verstehe nicht, woher das Klischee kommt, dass die Deutschen keinen Humor haben. Ich mache Pausen, weil Comedy ein Dialog ist zwischen Künstler und Publikum. Das Timing ist wichtig. Manchmal müssen die Leute auslachen, manchmal brauchen sie Zeit, den Witz zu verstehen.

Hodenkrebs ein Lacher


Angeblich baust du dein Privatleben ins Programm ein - ob nun Hodenkrebs oder deine Freundin. Wie viel Prozent von dem Erzählten entspricht der Wahrheit?

Hodenkrebs hatte ich nie. Es geht da um einer Reihe von Gags rund um einen Arztbesuch. Ich sage: „Ich hatte eine Beule an meinem linken Hoden. Es hat sich herausgestellt, dass dies mein rechter Hoden war.“

Aber einige Dinge stimmen. Es ist lustig, sein eigenes Leben anzugucken. Da findet man originelle Sachen. Aus dem eigenen Leben stammt zum Beispiel auch, dass ich wegen einer Frau in Deutschland bin, denn ich hatte eine deutsche Freundin an der Uni. Auf der Bühne sage ich aber: „Ich bin wegen einer Frau in Deutschland. Sie wurde in England schwanger, also bin ich geflüchtet.“

Ich habe von einem Engländer in Holland einen ähnlichen Witz gehört. Er sagte: „Ich bin hier wegen einer Frau: Margaret Thatcher.“ Der Witz funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Aber er unterscheidet sich genügend, dass ich den Witz benutzen kann. Ich schaue nämlich immer, ob es einen Gag schon gibt. Wenn ich herausfinde, dass ein anderer Komiker schon auf den Witz gekommen ist, streiche ich ihn aus dem Programm. Ich mache nur originäre Witze, sodass sie das Publikum noch nie gehört hat.

Du hast einige Witze im Programm, die weit unter die Gürtellinie gehen. Wo ist dein Limit?
Jeder hat einen anderen Geschmack. Kunst ist subjektiv und kann nicht jedem gefallen. Die Bewertungen im Internet sind entweder nur ein Stern oder fünf Sterne. Keiner schreibt eine ausgewogene Rezension. Die meisten Leute, die zu meinen Shows kommen, wissen aber, worauf sie sich eingelassen haben. Sie erwarten einen etwas derberen Humor. Und unter der Gürtellinie ist es schon lustig.

Ich denke, es gibt kein Limit. Meiner Meinung nach ist Comedy entstanden, um mit einem Trauma umzugehen. Wenn etwas besonders traumatisierend ist, muss man einen Witz darüber machen. Als mein Vater gestorben ist, haben mir alle ihr Beileid ausgesprochen. Das hat mich nur noch trauriger gemacht.

Es gibt einen sehr schlimmen Witz, den ich selten bringe. Kollegen raten mir auch von dem Witz ab. Er geht so: „Meine Freundin nimmt die Pille - und zwar die Contergan-Pille. Es ist nicht so, dass wir kein Kind haben wollen, wir können uns nur kein Ganzes leisten.“ Wenn man einen Witz über etwas Schlimmes macht, dann vergisst man das Thema nicht. Das ist viel besser, als es unter den Teppich zu kehren.

Oscar Wilde soll gesagt haben, er würde lieber einen guten Freund verlieren als auf eine gute Pointe zu verzichten. Geht es dir ähnlich?
Nein, ich will Leute nicht kränken. Ich kann mir schon auf die Zunge beißen. Ich bin nicht da, um jemanden zu schockieren. Ich möchte alle zum Lachen bringen. Es gibt viele Komiker, die Schockieren und Humor verwechseln. Sie sagen Dinge, die ohne Pointe sind. Wenn ich merke, es gibt viele Ältere oder Kinder im Publikum, dann verzichte ich auch auf die ganz derben Sachen.

Verbringst du Weihnachten in England?
Nein. Meine Mutter ist unerträglich zu Weihnachten. Ich gehe ihr lieber aus dem Weg. In Deutschland ist es für Künstler ein gutes Geschäft, auf Weihnachtsfeiern aufzutreten. Ich spiele auch seit drei Jahren den Weihnachtsmann für die Kinder eines Freundes. Dann sprühe ich meinen roten Bart weiß.

Termin:

Johnny Armstrong - „Gnadenlos“, 13. Januar 2018, 20 Uhr, Dasdie Stage, Erfurt

Mehr Infos:www.johnny-armstrong.com

Tickets: Telefon 0361 - 55 11 66, www.dasdie.de

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