Die Straße der deutschen Sprache verläuft auch durch Thüringen
Duden an Bord

Die Geburtsstätte des Dudens ist das Rutheneum in Schleiz. Hier erarbeitete Dr. Konrad Duden seine ersten Rechtschreibregeln. Das Museum im Haus zeigt sein Wirken und die Geschichte des von ihm begründeten Buches.
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  • Die Geburtsstätte des Dudens ist das Rutheneum in Schleiz. Hier erarbeitete Dr. Konrad Duden seine ersten Rechtschreibregeln. Das Museum im Haus zeigt sein Wirken und die Geschichte des von ihm begründeten Buches.
  • Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Die Porzellanstraße, die Spielzeug- und Burgenstraße sind vielen Thüringern ein Begriff. Die Straße der deutschen Sprache, die ebenfalls durch den Freistaat verläuft, kennen allerdings nur wenige. Prof. Dr. Uta Seewald-Heeg möchte das ändern. Im Interview mit AA-Redakteur Michael Steinfeld sorgt sich die Vorsitzende eines Vereins für Sprachinteressierte zudem, dass Deutsch von zu vielen Anglizismen und falscher Schulbildung bedroht ist.

Sie haben Grund zum Feiern: Die Neue Fruchtbringende Gesellschaft feiert zehnjähriges Bestehen. Die Fruchtbringende Gesellschaft, in deren Tradition Ihr Verein die Sprache pflegt und schützt, wurde sogar schon vor 400 Jahren gegründet. Das ist eine lange Zeit.

Anfang des 17. Jahrhunderts war man noch nicht der Auffassung, dass man in der alltäglichen Volkssprache - ähnlich wie im Lateinischen oder Griechischen - hohe Literatur verfassen könnte. Doch Ludwig I., Fürst von Anhalt-Köthen, regte an, eine deutsche Sprachgesellschaft zu gründen. Er wollte zeigen, dass die eigene Sprache so viele Ausdrucksmöglichkeiten bereithält, dass man mit ihr Verse verfassen kann, in ihr Literatur schreiben kann, dass man dazu letztendlich keine andere Sprache benötigt. Dass jeder in seiner Mundart sprach, hatte bis dato dazu geführt, dass man keine einheitliche Norm für die Schreibung hatte. Der wesentliche Motor, erstmals eine deutsche Grammatik zu verfassen, war Fürst Ludwig, der die Fruchtbringende Gesellschaft ins Leben gerufen hat.

Haben Sie vor zehn Jahren erkannt, dass wir wieder so eine Gesellschaft
brauchen?

Das kann man bejahen - wenngleich die Situation eine völlig andere ist. Denn heute ist Deutsch eine Literatursprache und verfügt über alle Ausdrucksmöglichkeiten. Man muss gar nicht zwangsläufig auf andere Sprachen zurückgreifen. Wenn man an Werbung und Marketing denkt, kann man den Eindruck gewinnen, dass es gar nicht mehr ohne englische Bestandteile geht. Doch das ist nur ein Aspekt. Bei der Gründung wesentlicher war, dass in Schulen geklagt wurde, dass Schüler immer geringere Schreib- und Lesefähigkeiten besitzen. Da wollten wir gegensteuern, indem wir neben dem Schulunterricht interessante oder spielerische Angebote machen, die ein bisschen Lust auf die Beschäftigung mit der Sprache machen.

Müssen wir die deutsche Sprache also schützen?

Es geht darum, zu zeigen, was man alles in der eigenen Sprache formulieren kann. Es gibt zum Beispiel in der Wissenschaft einzelne Vertreter, die dafür plädieren, die komplette Wissenschaftssprache auf Englisch umzustellen. Da vertreten wir eine andere Position aus einer Vielzahl von Gründen. Es soll nach wie vor so sein, dass Menschen wissen, womit sich Forschung beschäftigt. Da muss man dafür sorgen, dass die Inhalte auch in einer Fachsprache des Landes ausgedrückt werden. Wenn man das nicht mehr pflegt, dann geht es einem wie einem ungeübten Übersetzer. Man ringt dann nach Äquivalenten.
Viele nehmen sich nicht mehr die Zeit, über eigensprachliche Benennungen
nachzudenken. Unsere Muttersprache ist nicht nur ein kultureller Fundus, sondern auch ein Schlüssel für Innovation.

Klapprechner statt Laptop

Wie streng halten Sie es denn mit den deutschen Begriffen. Sie sprachen gerade vom Marketing - dies ist ja auch ein englischer Begriff. Sprechen Sie vom Rechner und nicht vom Computer?

Tatsächlich spreche ich meistens vom Rechner. Das liegt daran, dass ich hochschulseitig im Informatikbereich tätig bin.

Vielleicht ist Laptop ein besseres Beispiel.

Da kursieren verschiedene Dinge. Manche sprechen vom Klapprechner. Ich bemühe mich insgesamt schon, wo es möglich ist und dem Verständnis zuträglich, deutsche Bezeichnungen zu verwenden. Interessant ist ja, wenn jemand bei einer Konferenz sagt, er bräuchte einen Digitalprojektor. Dann dauert es länger, als wenn er nach einem Beamer fragt.

Darf sich die Sprache denn nicht verändern?

Sie muss sich immer entwickeln. Das heißt aber nicht immer unter Einfluss von fremdsprachigem Wortgut. In einer globalisierten Welt gibt es immer so etwas wie Sprachkontakt. Es ist völlig natürlich, dass man Anglizismen wie auch Fremdwörter aus dem Lateinischen oder Griechischen in der eigenen Sprache verwendet. Es ist immer nur die Frage: Wie weit geht man damit? Und wie sorgfältig trennt man dies auch? Es kommt aus meiner Sicht sehr darauf an, dass man den Ausdrucksreichtum der eigenen Sprache dadurch nicht einbüßt. Wenn man Sprachpflege betreibt, bedeutet dies eben nicht, dass man alles verbietet, sondern vielmehr, dass man darauf aufmerksam macht, was man mit der eigenen Sprache alles vermag.

Viele nutzen in der digitalen Sprachwelt eine sehr vereinfachte Sprache oder nur noch Abkürzungen. Aus Ihrer Sicht ein Fehler?

Es gibt viel zu viele komplexe Phänomene unserer Welt, die man nicht in einfacher Sprache wiedergeben kann. Es mag ja so sein, dass wir für Textnachrichten viele Kürzel brauchen. So lange man immer noch weiß, wie man Langnachrichten schreibt, finde ich das akzeptabel und völlig in Ordnung. Schwer wird es dann nur, wenn es sich um Jugendliche handelt, die gar nicht mehr verbal kommunizieren. Es wird immer wieder geäußert, dass diese dann verlernen, sich in komplexen Sätzen und kompletten syntaktischen Einheiten auszudrücken.

Smileys nicht in offiziellen Briefen

Kennen Sie die VONG-Sprache? Der Erfinder ist eine Kunstfigur namens Willy Nachdenklich. Er hat sie als Satire gestartet und damit einen Internet-Hype ausgelöst. Beispielsweise ersetzt man ein und eine durch die Ziffer 1. Sie heißt vong, weil sie in Wortkonstruktionen eingebaut wird wie: „Das Wetter ist schön vong Sonne her.“

Selbst wenn ich eine SMS schreibe, bemühe ich mich, wenn dies die Autokorrektur nicht vereitelt, korrekt zu schreiben. Wenn man so schreibt, wie man spricht, sieht das Ergebnis anders aus - je nachdem, ob ich in Bochum, in München oder Hamburg schreibe. Es ist also nicht hilfreich. Ich kann mir schwer vorstellen, dass diese Sprache so wesentliche Akzeptanz findet, dass sie über soziale Medien hinaus zur Anwendung kommt. Und wenn, dann ist dies ein Zeichen, dass jemand nicht in der Lage ist, zu trennen zwischen diesen unterschiedlichen Plattformen und Medien. Das ist etwas, das man heutzutage schulen muss. Das sind wesentliche Unterschiede und es gilt, darauf aufmerksam zu machen, wo diese liegen.

Immer öfter ersetzen Emoticons die Sprache. Nutzen Sie auch Smileys?

In der Hochschule würde ich das in einem gedruckten Brief nie verwenden. Wenn es in einer SMS oder WhatsApp-Nachricht ist, dann kann das durchaus etwas liebenswertes sein. So ein Augenzwinkern auch bildlich zu übermitteln, passt an dieser Stelle. Im Grunde gibt es das wieder, was man in einer direkten
Kommunikation seinem Gegenüber deutlich machen will.

In der Schule werden Lesen und Schreiben verstärkt lautmalerisch gelehrt. Funktioniert dies aus Ihrer Sicht?

Dies halte ich tatsächlich für einen absoluten Irrweg, weil ich meine, dass man den Kindern zwei Lernschritte zumutet, wo bislang nur einer notwendig war. Sie sollen schneller das Schreiben lernen, wenn man nicht so sehr auf die Rechtschreibung achtet. Aber dies führt alles dazu, dass weniger Stabilität in dem System ist und die Schreiber dadurch eher verunsichert sind - viel mehr als durch Reformen von Reformen von Rechtschreibungen.

Wenn Sie es schon ansprechen: Seit der Rechtschreibreform ist die deutsche Sprache einiger Kritik ausgesetzt. In diesem Jahr ist eine Neuauflage des Dudens erschienen. Der liegt seitdem unter Ihrem Kopfkissen?

Ich habe ihn mir noch gar nicht beschafft. Was Zugänge und Streichungen im Duden anbelangt, bin ich manchmal sehr überrascht und stelle mir die Frage, ob tatsächlich Chatforen durchstöbert werden, um Neueinträge zu finden. Es ist natürlich auch ein Markt. Jede Neuauflage bringt wiederum Geld. Ich weiß nicht, ob dies in dieser Frequenz, die betrieben wird, wirklich notwendig ist. Unter dem Kopfkissen habe ich ihn nicht liegen.

Sprachenstraße mit Gotha und Schleiz


Sie betreuen die Straße der deutschen Sprache. Warum gibt es diese Straße?

Diese Initiative ist unter dem Dach der neuen Fruchtbringenden Gesellschaft ins Leben gerufen worden. Ihr gehören Vertreter etlicher Städte aus dem mitteldeutschen Raum an. Sie waren von der Idee begeistert, dass man Sprache, ihre Pflege und den Tourismus bündeln kann. Für viele Orte mit sprachhistorischen Wurzeln ist das eine Möglichkeit, auf weitere Facetten ihres Orts aufmerksam zu machen und Reisende zu sich zu locken. Man kann sich auf die Reise machen auf den Spuren bestimmter Schriftsteller oder Ereignisse der Sprachgeschichte.

Gibt es Aufnahmekriterien, um Teil dieser Straße zu sein?

Man muss den literarischen oder sprachhistorischen Zusammenhang auch heute noch an diesem Ort erleben können - beispielsweise durch regelmäßige Veranstaltungen oder über Museen. Es spricht sich herum, andere Orte werden aufmerksam, bringen Interesse mit und stoßen zu den Sitzungen, die wir zweimal im Jahr abhalten. Es wären schon einige Städte mehr, wenn nicht in vielen Orten diese angespannte Haushaltssituation herrschen würde. Es gibt keine Mitgliedsgebühren, aber einen gemeinsamen Internetauftritt und ein Faltblatt, das die Straße bewirbt. Die Kosten dafür werden von allen gemeinsam getragen. Als wir 2011 erstmals für das Projekt warben, hatten wir Mitteldeutschland im Auge. Wenn man an Luther denkt, ist es ein Kernland der Entwicklung der deutschen Sprache. Unser Ziel ist es, die Route an der Straße kenntlich zu machen.

Apropos Luther: In Thüringen liegen nur Gotha und Schleiz an der Straße der deutschen Sprache. Fehlen da nicht mindestens Eisenach oder Erfurt?

Auch Weimar ist bislang nicht auf der Karte, obwohl die Stadt unbedingt mit dazugehört. Aber Weimar hat bereits so viele Projekte, dass man sich nicht zusätzliche leisten wollte. Das kann sich aber auch durchaus ändern. Eisenach gehört auch zu unserem Verteiler, konnte sich aber bislang nicht an der Finanzierung beteiligen.

Bekommen Sie viele Rückmeldungen? Wie ist die touristische Wirkung der Straße?

Wir bekommen tatsächlich einzelne Rückmeldungen - zum Beispiel, wenn sich Schulklassen auf den Weg machen. Wir versuchen die Straße über unseren Standort und bei Messeauftritten zu  vermarkten. Aber eine Marketingkampagne gab es bisher noch nicht. Doch es gibt mittlerweile Reiseveranstalter, die diese Route interessant finden und Angebote für Busreisen unterbreiten.

Ist so etwas eigentlich typisch deutsch. Oder gibt es in anderen Ländern auch eine Straße der Sprache?

Meines Wissens nach gibt es so etwas in keinem anderen Land.

Kontakt:
www.strasse-der-deutschen-sprache.de
www.fruchtbringende-gesellschaft.de

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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