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Night of the Proms
Ex-Chicago-Sänger Peter Cetera im Interview

Chicago-Sänger Peter Cetera. Foto: Heyder
Chicago-Sänger Peter Cetera. Foto: Heyder
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+ Die Musik als Einwegprodukt? + Start in der Garage + Musikalische Mutter +

Was war anders, 1967 eine Band zu gründen im Vergleich zu heute?
Man musste einerseits Glück haben, aber auch viel arbeiten. Es gab sicher insgesamt mehr kleine Klubs als heute, aber Du hast eben nicht diese Massen an Leuten erreicht. Bei den Talentshows heute treten 12-Jährige auf, die singen das erste mal vor mehr Leuten, als ich es in meinem ganzen Leben getan habe. Allerdings ist es durch diesen unglaublich schnellen Konsum auch schwerer geworden. Konsumieren, einsaugen und ausspucken. Es fehlt die Zeit, einen eigenen Stil zu entwickeln. Das ist o.k., aber nicht mehr meine Welt. Denn die Musik wird zu einem Einwegprodukt.

Und bei Ihnen?
Nachdem ich ohne Hilfe und Unterstützung in meine Solokarrie startete, habe ich später eine Zeit lang Pause gemacht. Ich dachte, es gibt da draußen kein Raum mehr für mich. Aber die Leute kamen auf mich zu, erzählten mir, dass dieser oder jener Song ihnen viel bedeutet hat. Ich habe dem meine Aufmerksamkeit gewidmet. Die Welt ist so groß, und da gibt es doch einen Platz für jeden. Es gibt immer ein Publikum. Und ich genieße das!

Wie sah Ihr erster Proberaum aus?
Es war tatsächlich eine Garage. Meine Grage. Da war ein Auto drin und ich stand da mit meinem kleinen Amp, die Boxen habe ich noch selbst gebaut. Ich kaufte meinen ersten Bass: einen Danelectro Shorthorn Bass. Goldfarben und sehr billig. Das klang noch nicht gut zu der Zeit. Und alles war noch verschwommen, ich mochte Sport, Baseball und Football. Aber meine Mutter hat viel gesungen zu Hause. Später sang ich mit dem Radio mit. Und meine Freunde sagten, man, du kannst singen.

Und wie kamen Sie zum Bass?
Ich dachte, das ist der leichteste Weg um zu spielen. Er hat nur vier Saiten. Noch davor habe ich aber Akkordeon geübt. Ich habe polnische und ungarische Vorfahren, da musste man Akkorden spielen, denn die Eltern hätte mir nie eine Gitarre gekauft. Irgendwann habe ich selbst eine 25-Doller-Gitarre erstanden und spielte ein paar Akkorde darauf. So hat sich eine Liebe entwickelt,  für die ich meine Seele hingegeben habe.

Wie fanden Sie den Weg aus der Garage heraus?
Es fing an mit einigen Konzerten für die Highschool-Tanzabende am Samstag, Stück für Stück. Dann folgten andere Partys. Und plötzlich wurde ich bezahlt. Was war das? Aufgestiegen war man bereits, wenn man eine Hochzeit spielte. Später trat ich mit verschiedenen kleinen Bands in Klubs auf, erst nur als Bassist. Da war ich gerade 18. Ich war nie ohne Arbeit. Und habe Geld verdient, mit 19 schon mehr als mein Vater, der Maschinist war. Ich lebte bis 21 zu Hause, das ging gut so.

Kam der Punkt, an dem die Eltern gesagt haben, so gehts nicht?
Na klar, sie wollten wissen, was ich mache, wenn ich mit der Musik fertig bin. Das könne man nicht als Beruf machen. Zwischenzeitlich habe ich gejobbt. Auf dem Bau, manchmal nur für Tagesjobs, manchmal sogar Nachtschichten. Aber das ging nicht voran. Da habe ich die Sache hingeschmissen. Welchen Job ich machen will? Ich sagte meinen Eltern, ich weiß es nicht. Ich ging zu IBM, zu einer Zeit, als Computer so groß waren, wie dieser Raum hier. Aber auch das wurde nichts, denn alles, was ich wollte, war Musik zu machen.

Und es hat funktioniert …
Ja, darüber kann ich sehr glücklich sein. Manchmal vergesse ich, was für ein Glück ich damit haben. Wobei ich von mir sagen kann, dass ich sehr hart dafür arbeiten musste. Zu meiner Zeit war die einzige Möglichkeit davon zu leben, die Top 40 zu spielen, zu klingen wie jemanden anders, möglichst nah an der Platte zu sein.

Was sind die Zutaten für einen guten Peter-Ceter-Song?
Ich kann das gar nicht genau sagen, ich bin sehr fixiert auf Melodien, das ist ganz wichtig. Etwas in meiner Stimme sagt den Leuten, dass ich aus ganzem Herzen singe. Der große Geschichtenerzähler bin ich nicht, die Texte haben immer etwas abstraktes. Aber ich singe jede einzelne Zeile mit vollem Herzblut, das macht es aus.

Wie wichtig ist die Bläsergruppe von Chicago?
Das macht schon den ganz speziellen Sound von Chicago aus. Ein der Hauptzutaten. Das hat außer uns sonst keiner gemacht. Außer James Brown vielleicht. Und wir waren Weiße und konnten diese Soul-Sachen spielen. und oft stand das Publikum da und hat sich gewundert. Außerdem hatten wir drei einzelne Sänger, das half auch.

Was erwarten Sie von der NOP-Tour?
Ich war 1982 das letzte Mal in Deutschland auf Tour, ich will einfach ein Lebenzeichen von mir geben. Dieser Cetera, schaut, es gibt ihn noch und er singt noch immer. In diesem Jahr habe ich mehr gearbeitet als in den vergangen 35 Jahren, war ständig mit meiner Band The Bad Daddys unterwegs. Und sie haben mir eine paar Videos geschickt von der NOP, das Konzept ist einzigartig. Ich dachte zudem, dass ist der beste Weg, mich den Deutschen noch einmal vorzustellen. Das sieht aus, als würde das eine große Show mit viel Spaß werden, an der ich ein Teil sein darf.

Sie spielen Songs von Chicago und Peter Cetera?

Ich spiele nur Songs, die ich auch geschrieben habe und auch singe. Es ist kein Chicago-Tribute. Alles andere würde keinen Sinn machen.

Gibt es Dinge, die Sie im Musikgeschäft immer noch überraschen?
Ja, es gibt immer noch diese Momente, in denen Du sagst, wow, was ist das denn? Und bevor da weiß, wer es ist wunderst Du Dich, was es ist. Ab und zu hört man mal eine Band. Mir ging es so mit Arcade Fire Montreal in Kanada.

Und haben sie selbst noch Zeit, sich Live-Musik mal anzuschauen?
Leider viel zu wenig. Wenn ich unterwegs bin hast Du am Nachmittag Soundcheck und am Abend Konzert, da bleibt keine Zeit und dann ist man schon wieder auf der Reise zum nächsten Event. Das letzte mal habe ich in Japan eine Band gesehen, das war eine Beatles-Revival-Band. Das war großartig, sie sprachen kaum ein Wort Englisch, haben aber alle diese Songs gespielt.

Welche Dinge sind wichtig in ihrem Leben?
Ich habe zwei Töchter und versuche die Familie zusammen zu halten. Ich genieße die Zeit, die wir zusammen verbringen.

Zur Person: Peter Paul Cetera; geboren am 13. September 1944 in Chicago, Illinois. Er ist zugleich Sänger, Songwriter und Bassist. Bekannt wurde er mit der Rockband Chicago, die er 1985 verließ. Danach war er als Solokünstler erfolgreich.

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