Aktion "Ich kann kochen!" macht Kindern Lust auf Küche und frische Zutaten
Frisch gekocht! - Kinder an den Herd

Junge Patissière: Amelie,  Artur (3) und Oskar T. (v. re.) bei der Vorbe­reitung des Kinder­tiramisus.
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  • Junge Patissière: Amelie, Artur (3) und Oskar T. (v. re.) bei der Vorbe­reitung des Kinder­tiramisus.
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Kinder sollen sich genussvoll und ausgewogen ernähren. Deshalb macht ihnen die Initiative „Ich kann kochen!“ Lust auf Küche. Doch noch immer ist jedes sechste Kind übergewichtig. Zu viel Fastfood, zu viele Schoko­riegel? Wissen Kinder was gesund ist, wo Gemüse, Fleisch und Käse herkommen? Ist ihnen die Küche fremd? Auf der Suche nach Erfahrungen und Lösungen riskierte AA-Redakteur Thomas Gräser einen Blick in die Praxis. Er besuchte die AWO-Kindertagesstätte in Dachwig. Hier wird alle zwei Wochen mit Kindern gekocht.

An die Töpfe, fertig, köstlich! Doch so schnell geht es nicht, als die zehn Drei- bis Sechsjährigen die kindgerechte Küche in der Kneipp-Kindertagesstätte „Zwergenland“ in Dachwig erobern. Zuerst werden die Schürzen angelegt. Bei dem Knoten und Schleife nicht klappen wollen, sind schnell helfende Kinderhände am Binden. Noch die Kochmützen auf dem Kopf richten und los geht’s. Nein, die Zutaten können noch ruhen. Erst mal Produktionsbesprechung.

  „Was ist vor dem Kochen wichtig?, fragt die Erzieherin. „Hände waschen“, schallte es aus der jungen Runde. Und schnell sucht ein Nachzügler – nach einem Na-klar-Schlag mit der flachen Hand auf seine Stirn – den Weg zum Waschbecken. Erledigt, einsatzbereit.

Gespannt lauschen die Kleinen den Plänen von den Erzieherinnen Christina Dreyße und Roswitha Synold. Der heutige Speiseplan: „Kräuter und Butter ergeben?“ Kräuter­butter, weiß eine kleine Kaltmamsell. „Dann werden wir noch Brot backen“, erläutert Synold. Und als sie Dinkelkerne präsentiert, ruft es aus der illustren Runde: Körnerbrot. Das stimmt zwar, doch dazu kommen Sonnenblumen-, Kürbiskerne, Sesam und Leinsamen erst später in die Masse. Nach kurzer Prüfung mit den Fingern ist schnell klar, die Dinkelkörner sind für eine Kostprobe zu hart. Was nun? Zehn Paar Kinderaugen blicken fragend in die Runde. Nach einer kleinen Hilfe­stellung kommt „Fidibus“, die Getreide­mühle ins Spiel. Geklärt. Und als Nachtisch wird Kinder­tiramisu serviert.

"Wir legen den Grundstein für die Zukunft. Die Kinder sollen früh lernen, dass es frisch besser schmeckt",  sagt Erzieherin Christina Dreyße.

Wer möchte Kräuter schneiden, wer möchte backen, wer Nachtisch schichten? Schnell gehen der Reihe nach die Arme in die Höhe. Jetzt geht’s ganz flink. Ran an die Kräuter­töpfe mit Schnittlauch, Petersilie und Basilikum. Ein prüfender Geruchstest bringt die Kinderaugen von Friederike zum Strahlen. Die Schnippler gehen mit Scheren ans Werk. Später kommt das Wiege­messer zum Einsatz, denn halbe oder gar ganze Schnittlauchstängel machen sich nicht so gut im Brotaufstrich.

 „Fidibus“ hat genug Körner „gefressen“ und keiner in der Kinderküche vermisst das mahlende Rasseln. Die Bäcker­meister sind schon fleißig beim Abwiegen der Zutaten. Wache Kinderaugen erkennen sofort die 500-Gramm-Marke. Und später sogar die kniffligere 50-Gramm-Marge. Stopp! Nebenan säumen erste Joghurtspritzer den Tisch. Die Becher lassen sich aber auch doof öffnen, weiß jetzt auch der dreijährige Artur. Doch aufgeben beim Dessert gilt für den Jungpatissièr nicht. Gelassen und genüsslich hat dagegen Amelie schon mal genascht. Ist ja ausdrücklich erlaubt.

Am Ende landet jedenfalls der überwiegende Teil des Joghurts in einer Schüssel, wird mit Himbeeren verfeinert und verrührt. Dabei helfen Oskar T. und Amelie kräftig mit. Der Boden der Auflaufform wird akribisch mit Löffel­biskuit ausgelegt und mit Milch ­beträufelt. Dann wird alles mit der ­Joghurt-Frucht-Masse be­strichen und mit der zweiten Biskuitschicht belegt.

Nebenan rühren die Jungbäcker den Teig. Kraft ist gefragt und plötzlich auch Besen und Schaufel. Passiert halt. Das Mehl wollte nicht indie Rührschüssel. Merle be­seitigt das kleine Malheur. Alles wieder blank. Und nach der anstrengenden Rühr­aktion wandert der erste Brotteig in die Form und dann in den Backofen. Die Küchenuhr wird auf 60 Minuten gestellt. Da ist die Kräuterbutter längst verrührt und portioniert. Und der Nachtisch wuchs Schicht für Schicht. Obendrauf wird er mit Kakaopulver bepudert. Auch das junge Auge isst schließlich mit.  

    Derweilen ist der Wechsel an der Rührschüssel vollzogen. Das Kommando haben Henry und die beiden Oskars übernommen. Schließlich werden ja zwei Brote für zwei Gruppen – die „Gras­hüpfer“ und „Entdeckerzwerge“ – benötigt. Ab damit in die Form und ins „Rohr“. Parallel klappern Friederike, Bela und Lotta bereits mit ­Geschirr beim Abwasch. Alles wieder blitzblank. Auch das gehört zum Kochen. Und das, dass Tiramisu nicht in den Backofen, wie erst angenommen, kommt, sondern in den Kühlschrank, wissen die Kleinen jetzt auch. Und was in der Hefe steckt und wie sie wirkt, haben nicht mal alle Erwachsenen drauf. Alles gut.

Die 45 Minuten vergehen wie am Herd. Alle packen mit an. Es gibt kein Murren und Knurren. Die Kinder sind voll bei der Sache und haben Spaß dabei. Spielerisch mit Freude lernen ist auch im Sinn der Sarah-Wiener-Stiftung mit der Initiative „Ich kann kochen!“, die auch in Dachwig hilft. Kinder sollen sich selbstbestimmt und gesund ernähren. Und selbstgemachte Speisen schmecken. Das ist im Dachwiger „Zwergenland“ beim späteren gemeinsamen Essen auch noch ein Erlebnis.

KOMMENTIERT

Von Thomas Gräser

Ja, auch ich kann kochen. Doch was mir die Drei- bis Sechsjährigen dargeboten haben, konnte ich in deren Alter keinesfalls. Ich war freudig verblüfft. Ganz selbstverständlich wurde unter Anleitung, auch ohne, hantiert. Und dass ein Holzrührlöffel nur zum Topfschlagen benutzt wird, kann man den Kindern aus Dachwig nicht mehr vormachen. Soll eines von ihnen Dinkelmehl oder Leinsamen holen, bringt es kein Salz und keine Linsen. Wie eigenständig hier Vorschulkinder mit Küchenutensilien umgehen gibt Zuversicht, auf häusliches Kochen und gesunde Ernährung.
 Nun sind die Voraussetzungen im „Zwergen­land“, mit einer Kinderküche, mit Herd, Spülbecken und Wasseranschluss im Gruppenraum sowie ein Kräutergarten, auch vorbildlich. Das sieht anderswo oft anders aus. Dort gibt es nicht mal Schüsseln oder Rührgeräte. Doch mit Salat schnippeln und Brötchen belegen lockt man dauerhaft keine Kinder an den „Herd“. Es gilt halt auch die frische warme Küche zu fördern. Und dafür müssen in den Kitas Voraussetzungen geschaffen werden. Damit Kinder, gefragt nac­h der häuslichen Essenzu­be­reitung, nicht mehr sagen können: Bei uns bringt es ein Mann in bunten Schachteln an die Tür.

"Für die Kinder ist es wichtig zu wissen, wo Gemüse wächst, wo es herkommt, wie man es zubereitet. Und das es frisch besser schmeckt. Wir setzen auf probieren und schmecken. Da hilft uns die Gruppendynamik", sagt Christina Dreyße.

Für gesundes Kochen

Die Initiative der Sarah-Wiener-Stiftung bildet kostenlos Genussbotschafter aus - 250 von ihnen sind bereits in Thüringer
Kinder- und Jugendeinrichtungen tätig

Aus der Tüte oder frisch vom Feld? Pommes mit Mayo oder Rohkostsalat mit Nüssen? „Wo immer mehr Fertig­produkte den Markt überschwemmen und überall Fastfood lauert, brauchen wir Wissen über Lebensmittel“, sagt Starköchin Sarah Wiener. Wie kann das besser gelingen als durch Spaß am selber kochen und den Genuss frischer Zutaten?
 Die Ernährung in Kinder­tagen ist prägend. Essgewohnheiten werden oft Jahrzehnte lang beibehalten. Deshalb sollte Ernährungsbildung schon ab dem Kita- und Grundschulalter starten. Kinder sollen zu informierten Essern heranwachsen – und die Chancen haben, gesund groß zu werden.
 Die Realität zeigt leider: Viele Kinder wissen nicht, wie sie sich eine leckere, ausge­wogene Mahlzeit selbst zubereiten können. In vielen ­Familien wird nicht frisch gekocht, häufig auch nicht gemeinsam gegessen. Möhren schälen, Kartoffeln stampfen: Die Kinder erleben nicht, wie viel Spaß das macht. Sie wissen nicht, was für tolle, vielseitige Lebensmittel es gibt – geschweige denn, wo Tomate, Mirabelle und Wurst eigentlich herkommen.
 Die Initiative „Ich kann kochen!“ vermittelt nicht nur von klein auf ein Gefühl für Lebensmittel und fördert nachhaltig die Gesundheit. Das gemeinsame Kochen wirkt sich auch positiv auf die Ess- und Tischkultur sowie die Sozialkompetenz aus, stärkt die Feinmotorik und fördert das Vertrauen der Kinder in die eigenen Fähigkeiten.

Studien des Robert Koch-­Instituts zum Ernährungsverhalten von Kindern zeigen:

17  Prozent aller Kinder  können nicht selbständig eine Mahlzeit zubereiten oder kochen nie.

50  Prozent  aller Kinderessen  weniger als drei  Portionen Obst oder Gemüse am Tag.

1,9   Millionen Kinder sind  übergewichtig.

„Ich kann kochen!“ richtet sich an alle Menschen, die in Kitas, Schulen und außer­schulischen ­Lernorten mit Kindern arbeiten. Zu einer kosten­freien Fortbildung als Genussbotschafter(in) anmelden können sich so: GrundschullehrerInnen, ErzieherInnen, Sozial­päda­gogen, Kinder- und Heil­erziehungspfleger, Sozialas­sistenten oder ­-ar­beiter. Sie tragen danach ihr Ernährungs­wissen als Genussbotschafter in ihre Einrichtung. Und da ist es sehr hilfreich, wenn die Initiative „Ich kann kochen!“ obendrauf saisonale Rezepte und 500 Euro Starthilfe von der Barmer bereitgestellt.

TERMIN + INFORMATIONEN 

Kostenfreie Fortbildungen: Jena, 13. März; Gera, 27. März;
Erfurt, 11. April + 6. Juni; ­Weimar, 8. Mai; Gera, 16. Mai

Mehr auf: » ichkannkochen.de oder Barmer Ersatzkasse oder Sarah-Wiener-Stiftung


Mehr aus dem "Zwergenland"

° "Wir fördern die Sinne, vermitteln was dem Körper gut tut. Wir gehen auf den Ursprung von Lebensmitteln ein und schärfen den sinn für den Umgang mit Ressourcen", sagt Christina Dreyße.

° Die Kita macht Ausflüge zum Bundessortenamt (Prüfstelle Dachwig), zu Fahner Obst und in Gärten.

° In der Kita - mit 89 Kindern - werden Holunderblüten-Sirup und -saft gewonnen. Hier werden auch Löwenzahn-Gelee angerührt und Kräutersalz kreiert.

° Die Kita bietet einen Elternbrunch mit einem Büffet welches die Kinder zusammenstellen. "So erreichen wir auch die Eltern und geben ihnen Anregungen", sagt Christina Dreyße.

° Die Einrichtung hat einen Gemüse- und Kräutergarten.

° Der Kita-Slogan ist: „Erkläre mir, und ich verstehe, zeige mir, und ich tue es selbst, lass es mich tun... und ich erinnere mich stets daran.“

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