Sie will ja nicht meckern, aber...
Gisela Brand startet nochmal neu durch

Gisela Brand
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Die Erfurter Kabarettistin Gisela Brand startet nach 32 "Arche"-Jahren nun mit einem Soloprogramm an anderer Stelle neu durch:

"Erfurt ist ein bisschen wie Schilda!" Aus Gisela Brands Augen blitzt der Schalk, als sie das sagt. Er ist sogar aus ihrer Stimme herauszuhören und nur schwer zu bändigen. Nein, sie muss das gar nicht weiter kommentieren. Dass es so ist, bereitet ihr diebisches Vergnügen. Und noch mehr: "Es macht mir große Freude, den Finger in die Wunde zu legen." Das ist der Kabarettistin Brot. Nahezu mit allen Sinnen saugt sie auf, was um sie herum passiert. Das tägliche Leben und das Miteinander in der Stadt, auf dem Dorf, in Familie oder Straßenbahn, in der großen Bundespolitik wie in den kleineren Zentren der Macht. "Es macht mir Spaß, Leute zu beobachten. Es gibt da so eine bestimmte Art von Humor, die einfach passiert." Und sogar das ganz normale Leben sei immer auch irgendwie poltitisch. "Das alles hat mich zum Titel meines neuen Soloprogramms inspiriert", erklärt Gisela Brand. Es heißt 'Ich will ja nicht meckern, aber...'

Mit dem will es die 66-Jährige nun noch einmal wissen. 32 Jahre lang kannte man die Kabarettistin als Ensemblemitglied des Kabaretts "Die Arche", 20 davon sogar als Intendantin und Geschäftsführerin. Davon hat sie Abschied genommen, steht auch nur noch bis Jahresende dort gelegentlich auf der Bühne. "Ich musste endlich den Kopf frei bekommen, mich wieder auf das besinnen. was ich am liebsten tue - spielen", begründet Gisela Brand ihren Entschluss. Mit dem Erfurter Theater im Palais hat sie einen wunderbaren Ort für ihr neues Kabarettistenleben gefunden. "Ein kleines, engagiertes Theater", sagt sie und bewundert, wie viel eigenständige Kultur sich in der Stadt entwickelt, ganz ohne Zutun eines Kulturdirektors.

Seit zwei Monaten steckt Gisela Brand in der heißen Phase ihres Soloprogramms. Bei dem sie gar nicht ganz solo ist... Mal abgesehen davon, dass sie auf der Bühne von ihrem Mann Wolfgang Wollschläger und von Javier Chernicoff Unterstützung erhält, sind mit allem Drum und Dran mindestens 20 Leute mit dem Programm beschäftigt. Das sind die, die unter anderem fürs Bühnenbild zuständig sind, für die Kostüme, die Technik und natürlich für die Texte.

Jede Pointe muss sitzen

Für die endgültige Fassung lässt sich Gisela Brand noch ein paar Tage Zeit. "Ich möchte den Ausgang der Wahlen abwarten." Schließlich soll jede Pointe sitzen und die Verpackung stimmig sein. Dafür braucht Gisela Brand oft Fingerspitzengefühl. Sie, die sich niemals scheut, ihre Meinung zu sagen, weiß, dass sie dabei immer auch diplomatisch sein muss. "Man hört eben nicht gern Frauen, die eine politische Meinung vertreten, da kann man nicht so arbeiten wie die Männer", spricht sie über Erfahrungen. Ein Kinderspiel für die Kabarettistin, sie lässt auf der Bühne eine Figur sprechen. Gern auch sehr überspitzt. Auch wenn man unerfahrenen Kabarettbesuchern dann schon einmal erklären muss, dass nicht alles ernst gemeint ist, was sie da hören. Kabarett kann sogar einen Bildungsauftrag haben.

Für ihr Nicht-meckern-aber-Programm lässt Gisela Brand den Erfurter Hof als "Phantomhotel" wieder auferstehen, inklusive der berühmten Regina-Bar. Was dann dort geschieht, will sie noch nicht verraten. Auf jeden Fall begegnen sich dort Menschen aller Gesellschaftsschichten und unterschiedlichen Alters. Von der Oma bis zu den jungen Eltern. "Ich finde es sowieso schön, wenn alle zusammen sind, von ganz jung bis alt", schwärmt Gisela Brand von inspirierenden Zusammenkünften. Im Privatleben und auf der Bühne. Und ihr Publikum kann genau so buntgemischt sein, liebend gern.

Wenn sie an ihre Zuschauer denkt, fällt ihr immer wieder Billy Wilder ein. Und sein Grundsatz: Niemals langweilen! Den hat sie sich längst zu eigen gemacht. Deshalb wird Gisela Brands Soloprogramm sich auch nach der Premiere immer noch einmal etwas verändern. "Ich verspreche, dass ich weiter daran arbeiten werde - so lange ich denken, hören, sehen und laufen kann, wird das passieren!" Und auch die Worte ihres Vaters hat sie ständig im Ohr, er sprach von üben, üben, üben. Das kann Gisela Brand in diesen Tagen vor der Premiere am besten zu Hause. Solo oder auch mit ihrem Mann, der mit von der Partie ist. "Manchmal probe ich spontan eine Szene zwischen Küche und Bügelbrett, ziehe auch durch die einzelnen Zimmer, um mehr Weite zu bekommen", erzählt die Künstlerin von ihrem derzeitigen Alltag. Zum Intervalle-Singen geht sie lieber freiwillig in den Keller, da könne sie alles so schön herauslassen. Nur gut, denkt sie laut nach, dass sie nicht für 'Nabucco' üben müsse, den ganzen Chor bei sich zu Hause unterzukriegen, wäre schon schwieriger.

Gisela Brand kann es kaum erwarten, wieder auf der Bühne zu stehen. Auch, wenn nun schon langsam die Panik vor der Premiere von ihr Besitz ergreift. Sie lächelt sie einfach weg, wie immer. "Ich kann es nicht leiden, wenn Menschen bedröppelt und mit beleidigtem Gesichtsausdruck durch die Gegend laufen", gibt sie zu. "Uns geht es doch gut!" Was aber wäre, würden das plötzlich alle erkennen und wären nur noch glücklich lächelnd unterwegs? "Dann würde ich einen Gegenangriff starten", weiß die Schalkdurchsetzte. Natürlich kabarettistisch, witzig, zum Brüllen komisch.
  
 

Termin:

"Ich will ja nicht meckern, aber...", mit Gisela Brand, Wolfgang Wollschläger und Javier Chernicoff, Regie: Gerda von Prunkwitz. Premiere: 7. Oktober, 20 Uhr, Theater im Palais, Michaelisstraße 30 in Erfurt. Weitere Termine: 9.10., 9.11., 23.11., 25.11., 6.12., 14.12., 30.12. Karten: www.theaterimpalais.de

Autor:

Helke Floeckner aus Erfurt

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