Manga-Stars und Comic-Ikonen erobern Anfang September den ­Erfurter egapark
Heute eine Heldin - Aus dem Leben einer Thüringer Cosplayerin

Fürs Foto ist ­Andrea in ihr Relm-Arrowny-Kostüm aus Final Fantasy 6 geschlüpft. Was sie zum diesj­ährigen Comicpark-­Festival tragen will, verrät die Erfurter ­Cosplayerin noch nicht.
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  • Fürs Foto ist ­Andrea in ihr Relm-Arrowny-Kostüm aus Final Fantasy 6 geschlüpft. Was sie zum diesj­ährigen Comicpark-­Festival tragen will, verrät die Erfurter ­Cosplayerin noch nicht.
  • Foto: Michael Steinfeld
  • hochgeladen von Lokalredaktion Erfurt

Von Michael Steinfeld

Etwa anderthalb Stunden benötigt Andrea Bernhardt, um sich in eine Computerfigur der 90er-Jahre zu verwandeln. In dieser Zeit schlüpft sie ins maßgeschneiderte Kostüm, legt Make-up auf, klebt sich falsche Wimpern an, setzt eine blonde Perücke auf und lässt ihre Augen dank farbiger Kontaktlinsen auf Mangagröße wachsen. Dann noch viel Glitter und fertig ist Relm ­Arrowny, die kindliche Heldin aus „Final Fantasy 6“.

„Dieses Spiel gehört zu meiner Kindheit“, sagt die 28-Jährige ein bisschen nostalgisch. Im Computer-Rollenspiel ist die winzige Figur nur einige Grafikpixel groß. „Aber der Künstler Sakizou hat ein schönes Design dazu entwickelt, das mich einfach umgehauen hat. Und der Charakter sowieso – weil Relm einfach niedlich ist. Es gibt keine bessere Möglichkeit, die Charaktere zu feiern, die uns in der Jugend so begeistert haben“, erklärt sie die Faszination am Cosplay. In einen Charakter der Manga-­Serie „Dragon Ball“ war sie damals sogar ein bisschen verliebt, gesteht die Wahl-Thüringerin.

Zur Szene stieß die Jenaer Informatik-Studentin vor 13 Jahren in der Manga-Abteilung der Leipziger Buchmesse. „Ich war gleich total fasziniert.“ Kurz darauf entwarf sie ihre ersten eigenen Kostüme. 105 Kreationen gehören mittlerweile zum Fundus von Andrea Bernhardt, die sich selbst schon scherzhaft als „Cosplay-Oma“ bezeichnet. Die Auswahl reicht von niedlichen Figuren bis zum Gruselclown. Komplizierter Höhepunkt war bisher Vivi Orunitia auf einem Chocobo, also ein kleiner Schwarzmagier rittlings auf einem gelben Laufhuhn. „Ich muss mit dem Charakter irgendeine Verbindung haben. Es muss Spaß machen, ihn auf Fotos darzustellen.“

Die Thüringer Gemeinschaft ist klein und hauptsächlich über Social Media vernetzt. Die Thüringerin hält so Kontakt zu Cosplayern auf der ganzen Welt, tauscht sich in den Gruppen aus, postet Arbeitsfortschritte, gibt gerne Tipps und Tricks weiter. Sieht man sich bei den Veranstaltungen persönlich, kann es durchaus vorkommen, dass man den gut kostümierten Freund erst einmal gar nicht erkennt. „Die meisten feiern, dass man Leute gefunden hat, die so sind wie man selbst“, sagt Andrea, die weiß, dass dem ungewöhnlichen Hobby ein Nerd-Etikett anhängt.

Blutiges Hobby

Gekaufte Kostüme sind generell nicht verpönt. Denn letztlich vereint alle Cosplayer das gleiche Hobby: „Wir haben alle Spaß, uns zu verkleiden.“ Die meisten werkeln aber gerne selbst am Outfit. Bis zu 400 Euro und rund 60 Stunden Arbeitszeit investiert Andrea Bernhardt in ein Kostüm, um dem Vergleich mit dem Original standzuhalten. Mit der Nähmaschine umzugehen, hat sie sich selbst beigebracht. Auch das notwendige Löten, Schleifen, Kleben und Sägen ging mit der Zeit immer besser.

Viele Entwürfe scheitern immer noch. „Wenn ich ganz ehrlich bin, ist es ziemlich frustrierend zwischendurch.“ Oftmals lief ihr schon die Zeit vor den Veranstaltungen davon. „Manchmal habe ich in der Nacht vor der Convention festgestellt, dass ich das Kostüm nicht fertig bekomme.“ Auch ist ihr Hobby nicht so ungefährlich, wie man denken könnte. Als sie sich versehentlich ein Stück vom Finger abgeschnitten hatte, wurde ein Besuch in der Notaufnahme notwendig.

Ihre Erfahrungen gibt sie daher gerne an jüngere Cosplayer weiter. „Sie können sich ja sparen, die gleichen Fehler wie ich zu machen.“ Beim Comicpark im Erfurter egapark im September gibt sie Workshops und freut sich schon auf die Fragen, wie man sich für Fotos in Pose wirft oder Stoffe gekonnt färbt.

Fotos für die Ewigkeit

Am meisten freut sie sich aber über den Cosplay-Wettbewerb, bei dem sie im vergangenen Jahr den zweiten Platz belegte. Dieser Wettstreit erinnert sie oft an ein Modelshooting, denn nicht nur das Kostüm, sondern auch Gestik und Mimik zählen. „Fürs Foto übertreibt man und fühlt sich in den Charakter hinein.“

Auch versucht die Cosplayerin, ihr Kostüm immer originell zu wählen. Manchmal so speziell, dass ihre Figur gar nicht erkannt wird. „Doch wenn ein anderer das gleiche Kostüm trägt, nur viel besser, kann einem das schon den Tag verderben.“ Vom Fotografen beachtet zu werden, hervorzustechen aus der Masse und sich Komplimente zu verdienen, ist der größte Lohn für die Arbeit. „Diese Fotos hat man für die Ewigkeit.“

Kaum runter von der Bühne, gönnt sich die 28-Jährige, wieder aus der Rolle zu fallen. Alles andere wäre ihr zu anstrengend. Denn mit manchen Kostümen kann man nicht einmal trinken, sitzen oder zur Toilette. Und auch wer auf dem Foto elfengleich erscheint, hat zuvor bestimmt über unbequeme Schuhe, die schwere Rüstung oder ver­laufende Schminke gejammert. „Es ist ein selbst gewähltes Unheil. Cosplay ist nun einmal anstrengend.“

Hintergrund:
Cosplay ist ein Verkleidungstrend, der in den 90er-Jahren aus Japan in die USA und nach Europa kam. Dabei stellt der Teilnehmer eine Figur aus Manga, Anime Comic, Film oder Videospiel durch Kostüm und Verhalten möglichst original­getreu dar.

Rund um Comic und Manga dreht es sich beim Comicpark, der Thüringer Messe für illustrierte Literatur am ersten Septemberwochenende.
» Infos: www.comicpark.de

» Kontakt zu Andrea Bernhardt:
www.facebook.com/ayumoncosplay
twitter.com/awesome_ayumon
instagram.com/awesome_ayumon

» Mehr Infos: www.animexx.de
Der Animexx e.V. ist der größte deutschsprachige und gemeinnützige Verein für Fans japanischer Zeichenkunst und Kultur.

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