DomStufen-Festspiele 2019: „Der Name der Rose“, Uraufführung des Musicals von Øystein Wiik und Gisle Kverndokk/ Vorstellung am 15.8.2019
Krimi lösen im Regenschauer

Adson und William  (Florian Minnerop, Yngve Gasoy-Romdal)
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  • Adson und William (Florian Minnerop, Yngve Gasoy-Romdal)
  • Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt
  • hochgeladen von Thomas Janda

Wer als Zuschauer nach oben blickte, der konnte schon die kommende Regenfront vorausahnen, aber noch war man trocken, sowohl auf der Bühne als auch auf der Zuschauertribüne. Die Vorstellung war ausverkauft und die Stimmung beim Publikum prächtig und erwartungsvoll.
Schließlich stand nichts weniger als eine Uraufführung für das gespannte Publikum bereit:

Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“, einst ein Bestseller, jetzt verwandelt in eine Musical-Fassung. Da durfte man gespannt sein.

Inhaltlich geht es in der im Jahr 1327 angesiedelten Geschichte um mysteriöse Todesfälle in einer Benediktinerabtei in den Abruzzen. Der Mönch Adson von Melk führt als Erzähler durch die Story. Außerdem begleitet er seinen Lehrer, den Franziskanermönch William von Baskerville, in das bergige Kloster. Dort erwarten Mitglieder des Franziskanerordens eine Gesandtschaft des Papstes. Damals brisante theologische Fragen, wie die Armut der Kirche, sollen disputiert werden. Wer das Buch gelesen oder den Film gesehen hat, der war inhaltlich gut vorbereitet und konnte nun gespannt die Musical-Umsetzung erwarten.

Wie schaffen es die beiden Norweger Øystein Wiik (Text) und Gisle Kverndokk (Musik) die opulente Handlung des Buches in ein Musical zu packen? Wie gelingt es der Regie von Axel Köhler diese Konvolut aus Krimi, Theologie und Kirchengeschichte auf die Domstufenbühne zu bringen?

Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann, der ein zertrümmertes Mosaik mit dem Christus als Pantokrator auf die Stufen von Dom St. Marien und St. Severi gebaut hat, ließ jedenfalls erahnen, das es opulentes Spektakel geben wird. Eine solche Gesamtkulisse wirkt bei diesem Stoff schon für sich.

Die dramatisch einsetzende Musik der Musical-Fassung zieht auch gleich in das Geschehen hinein und man bemerkt sehr schnell die Buchtreue des Stückes. Zwischen den Gesangsnummern finden viele Dialoge statt und der Zuschauer kann auf Sichttafeln die Tage zur besseren Orientierung mitlesen. Die Bruchstücke des Christus-Mosaiks sind verschiebbar und bilden immer neue Räume für Einzel- und Chorauftritte. Direkt am Dom ist ein mittelalterliches Buch aufgeschlagen, von dort berichtet, wie in Ecos Buch, der altgewordene Mönch Adson von Melk.

Das Geschehen nimmt seinen Lauf, die Morde passieren und William von Baskerville klärt semiotisch auf. In Sprech- und Liedtext deutet er die Zeichen und Spuren. Das ist dann auch etwas das Musical-Problem, denn seiner Sprache fehlt das Musical-Leichte. Zu sperrig wirken Texte. Man hat Umberto Ecos Buch vor 40 Jahren nachgesagt, wenn man die ersten 100 Seiten überstanden hat, dann wird es richtig spannend. Ähnlich schwierig gestaltet sich der Musical-Plot bis zur Pause. Dazwischen sind immer wieder flotte Rhythmen aber auch sich hinziehende Dialoge. Die werden zwar auch musikalisch rhythmisiert unterlegt, aber der Fortgang des Stückes wirkt etwas zäh. Dann beginnt auch noch der Regenfront zu tröpfeln. Natürlich bewundern alle die Sänger und den Chor, die unverdrossen weiterspielen und ihr Bestes geben.

Nach der Pause wird es zwar nicht trockener dafür aber umso geheimnisvoller. Die beleuchtete Domfassade und die Domstufen entfalten ihre ganz eigene Wirkung. Die Dramatik steigert sich sowohl schauspielerisch als auch musikalisch. Und auch der Himmel tut sein Übriges: er lässt es regnen. Das ist Moment, wo alle verfügbaren Folien zu Einsatz kommen und man mit den Darstellern fiebert, dass es hoffentlich zu keinem Abbruch kommen wird. Die Dunkelheit und die spannungssteigernde Beleuchtung und die Auflösung der Krimigeschichte mit dem Brand der Abtei bilden ein Finale, dem sich keiner entziehen kann. Als die letzten Töne verklingen gibt es zu Recht tosenden Applaus für die verregneten Akteure. Alle haben mehr als ihr Bestes gegeben.

Einige Songs erhalten während der Vorstellung Szenenbeifall. Insgesamt wirkt die Musical-Fassung sehr textlastig. Die Handlung ist aktionsreich, da auch der Platz vor den Stufen genutzt wird z. B. die Ankunft des Großinquisitors mit Fackeln und Mittelalter-Kutsche. Die einheimischen Mönche sind grün und Franziskanermönche sind braun gewandet. Insgesamt tragen die Kostüme von Judith Adam viel zur Verstehbarkeit des Stückes bei. Außerdem runden sie natürlich die Mittelalter-Atmosphäre ab.

Die Gesangsleistungen sind trotz Dauerregen ausgezeichnet. Sowohl der Chor als auch die Einzeldarsteller singen und spielen an diesem Abend perfekt. Für die Rolle des William von Baskerville haben die Domstufen-Festspiel den Musicalstar Yngve Gasoy-Romdal engagiert und dem ist die Rolle wie maßgeschneidert. Auch die beiden Adsons: der alt gewordene Máté Sólyom-Nagy und junge Novize Florian Minnerop singen und spielen präzis unterhaltsam.

Zum Zuschauerliebling avanciert der Salvator-Darsteller Björn Christian Kuhn mit seinem komödiantischen Talent und Kauderwelsch streut er immer wieder freche und auflockernde Akzente in die Inszenierung. Nachvollziehbar gefährlich wirkt Rainer Zaun als Großinquisitor. Gar nicht komödiantisch tritt Jörg Rathmann als blinder Dogmatiker und ehemaliger Bibliothekar Jorge von Burgos auf. Er, der sonst auf Buffo-Rollen abonniert ist, beeindruckt diesmal mit Knarzigkeit. Das ist schon eher Juri Batukow in seinem gewohnten Milieu als Celerar Remigio. Das namenlose Mädchen, das Adson die Liebe beibringt, wird von Eva Löser glaubhaft verkörpert.

Wie einst Alfred Hitchcock in seinen Filmen, so spielt Regisseur Axel Köhler auch im Musical mit und übernimmt die Rolle des Mordopfers Malachias von Hildesheim, eines Bibliothekars.

Auch die hier leider nicht alle aufzählbaren Nebenrollen-Darsteller haben ihr Bestes gegeben und mit Leistung überzeugt. Auch der Chor in der Einstudierung von Andreas Ketelhut singt und bewegt sich so, dass er zum musikalischen und schauspielerischen Eckpfeiler der Aufführung wird. Am Dirigentenpult, mit dem glücklicherweise gut überdachten Philharmonischen Orchester, steht an diesem Abend Hausdirigent Chanmin Chung. Er hat die Orchesterzügel fest in der Hand und galoppiert forciert durch die Partitur des uraufgeführten Musicals von Øystein Wiik (Text) und Gisle Kverndokk (Musik). Auch das Licht, bei den Domstufen-Festspielen so entscheidend, wird von Florian Hahn exzellent auf die Stufen projiziert.

Mit dem Programmheft liefert das Theater Erfurt wieder viele interessante Informationen rund um das Stück: von der Inhaltsangabe über Rollenporträts bis zu kirchengeschichtlichen Aspekten und einem Rundgang durch das mittelalterliche Erfurt im Jahre 1327. So lässt sich das Erlebte noch zu Hause vertiefen. Wie immer gab es auch vor der Premiere eine Vortragsveranstaltung im Theater Erfurt. Dramaturg Arne Langer erläuterte dabei das Konzept. In der Kooperationsveranstaltung zwischen Katholischem Forum im Land Thüringen und dem Theater Erfurt wurde außerdem Geschichte und Musik von namhaften Wissenschaftlern erläutert. (Die gesamte Veranstaltung ist nach hörbar unter: https://bistum-erfurt.podigee.io/8-domstufenfestspiele)

Fazit: Das Musical-Wagnis ist grundsätzlich gelungen. Dennoch hätte sich der Autor Øystein Wiik weniger sklavisch an die Buchvorlage halten sollen, um Textlastigkeit abzuwerfen. Ein Musical muss nicht kongruent zu einer Buchvorlage sein. Das Regenwetter hat an diesem Vorstellungsabend von den Sängern alles gefordert und sie haben die Wasserprobe brillant bestanden. Dafür gab es viel Applaus und die stehenden Ovationen waren mehr als angebracht. Bravo!!!

Autor:

Thomas Janda aus Weimar

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